Das Jahr 2013 ist noch ein unschuldiges Kind


penzoldtbdErnst Penzoldt Hamburg,Tagung PEN-Zentrum

Ernst Penzoldt (* 14. Juni 1892 in Erlangen; † 27. Januar 1955 in München) war ein deutscher Schriftsteller, unter dem Pseudonym „Fritz Fliege“ auch Bildhauer, Maler, Zeichner und Karikaturist.

Neujahrsbetrachtung
Als ein Kind stellt sich uns das neue Jahr vor, als ein müder, gebrechlicher Greis verabschiedet sich das vergangene.
Wenn der alte Mann personengleich ist mit dem Kind, das wir vor einem Jahr begrüßten, dann ist es fürwahr erschreckend schnell gealtert. Ein Leben, das sonst „siebzig Jahre währt“, würde dann in zwölf Monaten ablaufen – ein beängstigender Gedanke. Danach wäre das gute Kind schon im März etwa siebzehn. Nein, wir wollen den Stundenplan des Erdenlebens nicht ändern! Es muß wohl vom Schöpfer sehr weise und freundlich erwogen sein, daß die Lebenszeit im rechten Verhältnis zu unserer geistigen und körperlichen Aufnahmefähigkeit steht. Sie ist, im günstigsten Falle, gerade so lang, daß die Menschen in einiger Ruhe sprechen, lesen, schreiben, rechnen lernen und an einem guten Teil der Herrlichkeiten der Welt sich freuen können, der Herrlichkeiten der Natur und derer, die einige Menschen für alle, meist in einem Lebensalter, den Werken der Schöpfung hinzugeben haben.
„Herrlichkeiten?“ werden Tausende fragen, die das Dasein nicht mehr freut. „Willst Du uns verhöhnen?“ Trotz alledem muß es etwas geben, um dessentwillen es sich lohnt, ein Mensch zu sein und alle Heimsuchungen, alle Mühsal, Herzleid, Bosheit, Mangel, Neid, Hunger, Krankheit, Tod dennoch in Kauf zu nehmen, etwas, um dessentwillen der Mensch nicht mit den Unsterblichen tauschen möchte und was ihm seine besondere Würde verleiht.
Ein Kind scheint uns doch die rechte Allegorie des neuen Jahres zu sein. Es ist das leibhaftige und unmißverständliche Ja! Das lebendige Vertrauensvotum des Menschen zum Dasein. Freilich wollte es mir nie so recht einleuchten, warum die Menschen den Beginn des Jahres wunderlicherweise gerade in die kälteste Zeit gelegt haben und nicht in den Frühling. Das wäre doch „natürlicher“.
Was erwarten wir vom neuen Jahr? Wie wird es sich auswachsen? Es ist zum Glück so eingerichtet, daß wir es nicht wissen, daß es für uns das große Geheimnis bleibt. Nicht des morgigen Tages, nicht der nächsten Stunde sind wir gewiß, nicht einmal der nächsten Sekunde, in der es – wir wissen es nicht – urplötzlich „aus“ sein kann.
Gleichviel, wie dieses Kind gerät, das wird an uns liegen. Das vergangene Jahr spiegelt das Gesicht der Menschheit wider, es trägt ihre Züge.
Fragen wir nicht: Was bringt uns das neue Jahr?
Fragen wir lieber: Was bringen wir ihm im Guten oder Bösen, im Sinne des Spruches: „Was du dem Leben gibst, gibt dir das Leben. Wie du das Leben liebst, liebt dich das Leben.“
(Ernst Penzoldt, 1946)

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TIMUR VERMES und Adolf-Nazi


timur vermesTimur Vermes(sen?) kam 1967 zur Welt als ich einundzwanzig wurde. Timur will Geld verdienen, wie jeder Künstler, Schriftsteller der in unserer freien Marktwirtschaft, „in diesem unserem Leben“ von seiner Kunst heute leben will und nicht erst posthum.

Dieser witzige Deutsche Timur schreibt quasi über den „Hitler in uns selbst“ (Picard) und das tut Timur so legitim wie der Schweizer Max es tat. Der Buchtitel lautet „Er ist wieder da“. Wäre das Buch von mir, wäre der Titel „Er war niemals weg“. Leider habe ich nicht so viel Mumm gehabt wie dieser kluge Timur. Anders als Hermann Hesse, der meinte er schriebe nur Rezensionen über Bücher die er loben könne, bin ich ganz anders gestrickt. Mir machen nur Buch Rezensionen oder Kritiken Spaß, die mich zum Widerspruch und zu kleinen Boshaftigkeiten verleiten. Timur Vermes macht hier für mich eine der wenigen Ausnahmen.
Timur Vermes, studierte Geschichte und Politik. Viele Jahre arbeitete er als Journalist. Seit 2007 schrieb Vermes als Ghostwriter mehrere Bücher. Seinen ersten Roman „Er ist wieder da“ veröffentlichte er im September 2012 und seine schenkelschlagende Geschichte vom wiederauferstandenen Adolf-Nazi, hält sich irgendwie völlig zu recht seit Wochen auf den Bestsellerlisten.
Darf man die heiße Kartoffel Adolf-Nazi in einer Fiktion durchs Berlin Angela Merkels flanieren lassen, oder läßt man sie lieber fallen? Darf Adolf denn lustig wirken? Die Frage muß Timur uns nicht mehr beantworten, das tat Charlie Chaplin bereits, als Adolf noch lebte. Timur Vermes meint: „Wenn man den Witz mit einer unverdaulichen Beilage serviert“ dann darf man es. Das ist mir zu halbherzig und paßt nicht zur frechen Ausführung seines Textes. Witze über Adolf sind für mich ohne Wenn und Aber genehmigt. Mögen sie nun plump sein oder durchtrieben intellektuell. Ich bin ja kein Muslim.
Timur Vermes`es Buch hat nicht die grausame Genauigkeit und Seriosität wie Max Picards Buch über den „Hitler in uns selbst“, das bestimmt nicht, aber es ist doch eine Art von launig, witziger Ergänzung dazu, die uns Normalbürger eben zur Not am eigenem Verhalten zeigt, wie leicht wir auf Timurs geistigen, braunen Matsch ins schliddern geraten.
Bei Max Picards „Hitler in uns selbst“ würgt es uns im Hals, weil wir uns mitschuldig fühlen, auch wenn wir die Gnade der späten Geburt hatten, angesichts der uns noch umgebenden ewig Gestrigen und deren Mordtaten wir täglich geistig verkraften mußten und müssen.
Bei Timur würgen wir zwar auch an unserer vermeintlichen Schuld, aber letztendlich bricht der kranke Hitler in uns, aus uns heraus und wir kotzen ihn aufs Berliner Pflaster, den Politikern vor die Füße und vielleicht gar lachend wie in einer Katharsis und wer weiß, vielleicht treten einige mutige unter uns dadurch den ewig Gestrigen im täglichem Leben, beherzter entgegen. Im Sinne Willy Brandts der eines seiner Bücher „Lachen hilft“ nannte.

Buch „Er ist wieder da!“ von Timur Vermes, im eichborn Verlag.

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Beschneidung, Frau Dr. Luc Jochimsen, Die Linke.


luc jochimsen

Offener Brief an Luc Jochimsen von den Linken.

Sehr geehrte Frau Dr. Jochimsen, 13. Dezember 2012

Seit ich Sie „kenne“ liebe Frau Dr. Lukrezia Jochimsen, schätze ich Sie. (Panorama, denke an Prof. Eugen Kogon) Kritik darf aber wohl auch dann noch erlaubt sein, da ich ein anderes Bild einer Mutter habe, als jenes welches Sie zu haben scheinen, nach Ihrer Rede im Bundestag.
http://lukrezia-jochimsen.de/

Auf die Liebe meiner Mutter durfte ich bauen. Als ich geboren wurde 1942 im Bombenhagel Hamburgs, stürzte meine Mutter auf der Treppe, bei der Flucht in den Keller und fiel, mich fest umklammernd und rutschte mit mir auf blutigen Knien die Stufen hinunter, um mich nicht fallen zu lassen.

Ihre Rede zum Gesetz der Beschneidung, hat mich tief enttäuscht. Aus Ihrer Vita „zu Ihrer Person“ geht nicht hervor ob Sie Mutter sind. Vielleicht wäre das ein Schlüssel zu Ihrer Rede im Bundestag. Wie auch immer…

Eine Mutter, die ein Kind unter dem Herzen getragen hat und tatsächlich dabeistehen und zusehen kann, wenn ihr Kind, „ohne Not“, auf dem OP-Tisch angeschnallt und blutig verstümmelt wird – und nichts anderes ist es – das ist keine liebende Mutter, sondern eine entmündigte Gebärmaschine für einen abwegigen Religionsmythos.

Dass Sie geehrte Frau Jochimsen, kontroverse Meinungen mit der Godwin‘s-Law-Peitsche niedermachen, zeugt von wenig Diskussionskultur, die ich bei Ihnen leider seit kurzem vermisse. Ihr vehementer Einsatz für eine Beschneidung Minderjähriger, Schutzbefohlener, scheint mir einerseits ebenso unerträglich wie mittlerweile gleichzeitig lächerlich.

Einstein sagt ja: „Nehme alle Dinge wichtig, aber keine völlig ernst“. Das berühmte „Zungenbild“ von Einstein, (ein Jude?) hängt bei mir an der Wand. Aber in diesem Fall, der gesetzlich erlaubten Körperverletzung, bin ich nicht seiner Meinung.

Und Sie verehrte Frau Lukrezia Jochimsen, die sich für diese Entwürdigung unseres Grundgesetzes einsetzen, werden damit eine Erfüllungsgehilfin, eine Totengräberin unseres humanen Grundgesetzes, wenn Sie nicht umkehren.

„Kein Land auf der Welt verbietet Beschneidungen der Jungen aus religiösen Gründen“, sagen Sie – Das mag so sein – aber unser Grundgesetz beinhaltet auch nicht die Todesstrafe oder die Erlaubnis zu Foltern.

Sehr enttäuscht von Ihnen
Wünsche ich Ihnen trotzdem Gutes
Peter A. Bruns

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„Schizophren“ mein Lieblingsgedicht zum 50. Todesjahr Hermann Hesses.


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My sister Marianne



Meine Schwester Marianne, kurz nachdem sie in den Fünfzigern zu ihrem Mann nach Australien ausgewandert war.

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„Verrate ich mich? Oder die anderen?“ DIE ZEIT 2008 Nr. 5, Artikel von Tina Hildebrandt


Ein Brief, den ich vor 4 Jahren an DIE ZEIT Nr.5, Seite 4 – Politik, Artikel von Tina Hildebrandt, schrieb, fiel mir wieder in die Hände und ich fühlte die Norwendigkeit, ihn hier zu veröffentlichen. Ich richtete ihn an eine Frau Benedict, eine Mitarbeiterin DER ZEIT.

25.1.08

Sehr geehrte Frau Benedict!
Der Artikel von Tina Hildebrandt „Verrate ich mich? Oder die anderen?“ sprach mir aus dem Herzen und ich möchte ihn verbinden mit Münteferings Sentimentalität „Das hat mir gutgetan“ (ZEIT Nr.4) obwohl ich es seit langem mit Einstein halte „Nimm alle Dinge wichtig, aber keine völlig ernst“. Einstein sagte es vor einem sehr dunklen, politischen Hintergrund. Während ich unter Adenauer aufwuchs, erhellte sich dieser Hintergrund und das Morgenrot der SPD der Fünfziger Jahre, weckte meine Hoffnungen.
Man wird nicht als Sozialdemokrat geboren, man wird dazu gemacht, denn jedes junge Herz schlägt links. Alles andere wäre eine Anomalie. Man kann aber ein gutgläubiges, junges Herz zu fast allem formen. Was Verheugen, Clement, Schily und Metzger mit mir, was ihre Gefühle für ihre Parteien betrifft, gemeinsam haben, ist der Skrupel. Die sogenannte Ehre und Treue. Diese Deutsche Nibelungentreue. Wenn ich diese so nenne, dann weiß ich allerdings auch wohin sie führen kann. Aber es geht in einem Leben nicht um eine Partei, der man angehört oder nicht.
„Sei Du Selbst“ ist der einzige Weg. Es gibt für Jeden keinen anderen Weg der Entfaltung, als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens. „Sei Du Selbst“ ist das ideale Gesetz. Es gibt keinen anderen Weg der Entwicklung. Daß dieser Weg durch viele moralische und andere Hindernisse erschwert wird, daß die Welt uns lieber angepasst sieht als eigensinnig, daraus entsteht, jedenfalls für jeden mehr als durchschnittlich individualisierten Menschen, der Lebenskampf. Er muß für sich entscheiden, wieweit er sich der Konvention unterwerfen oder ihr trotzen will.
Wo er die Forderungen von Familie, Staat, Gemeinschaft in den Wind schlägt, muß er wissen, daß es auf eigene Gefahr geschieht. Wie viel Gefahr einer auf sich zu nehmen fähig ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab. Man muß jedes Zuviel büßen. Man darf aber auch im Anpassen an staatliche, parteiliche Bevormundung, nicht zu weit gehen. Das lehrt uns nicht nur die nationalsozialistische Deutsche Geschichte.
Warum bin ich also 2007 mit 65 Jahren, aus der SPD ausgetreten? Nun, es war nicht das erste Mal. Eingetreten bin ich 1968 in Berlin. Das sagt nicht viel und doch… Mich in der Partei engagiert habe ich schon als Schuljunge. Für Helmut Schmidt habe ich, in Hamburg Niendorf, handwerklich mitgeholfen, Wahlveranstaltungen auszurichten. Willy Brandt, den ich sehr achte, brachte mich trotzdem dazu, durch den Radikalenerlass, die Partei aus Protest 1970 zu verlassen. Gewählt habe ich die SPD aber immer wieder. Ende der Achtziger trat ich wieder in die Partei ein.
2007 trat ich also wieder aus. Warum? Wie Ulrich Maurer, sage auch ich: „nicht ich habe die SPD verlassen, sondern die SPD hat ihre Werte verlassen“. Aus meinem Parteibuch 1990 erhalten, zitiere ich aus dem Grundsatzprogramm vom Parteitag 1959 in Bad Godesberg. Auszug:
der Widerspruch unserer Zeit
„daß der Mensch, die Produktivkräfte…ungeheure Reichtümer ansammelte, ohne allen einen gerechten Anteil an dieser gemeinsamen Leistung zu verschaffen“
die Hoffnung dieser Zeit
„nur durch eine neue und bessere Ordnung der Gesellschaft öffnet der Mensch den Weg in seine Freiheit. Diese neue und bessere Ordnung erstrebt der demokratische Sozialismus.“
Diese Hoffnung hat aber keine SPD Führung wirklich erfüllen wollen. Sie hat sie benutzt um Mitglieder zu werben. Dann hat sie regelmäßig ihre Maske fallen lassen und nun, besonders dreist z.B. das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht. Es gab und gibt andere Lösungen, um die Renten mit anderen Mitteln zu stabilisieren.
Was mich in diesem Zusammenhang dann wirklich zornig gemacht hat, ist die subtile Tendenz, und die Tatsache, dass die SPD, auch wenn sie in Regierungsverantwortung stand und steht, nicht willens war und ist, finanzielle Ungleichheit zu bereinigen. Ich bin eben Pragmatiker. Warum keine Bürgerrente?
Ich nehme mich gern als Beispiel. Nach 12 Jahren Beitragszahlung in die Rentenkasse, bekomme ich 162 Euro monatliche Rente. Die sogenannte Grundsicherung ist entwürdigend und ich nehme sie nicht in Anspruch und arbeite eben weiter bis ich nicht mehr kann, so oder so und finanziere damit noch so ganz nebenbei die Gestopften auch der SPD.
Aber im Gegensatz zu mir, nach Paragraf 15 des Bundesministergesetzes haben Mitglieder der Regierung einen Anspruch auf Ruhegehalt, wenn sie eine Amtszeit von mindestens einem Jahr und 274 Tagen erfüllt haben. Für die jetzigen Minister war dieser wichtige Tag der 22. August 2007.
Oder nehmen wir einen Abgeordneten. Nach achtjähriger Parlamentsmitgliedschaft, d.h. man muss zwei volle Legislaturperioden durchhalten, erhält ein Abgeordneter mit dem 65. Lebensjahr eine monatliche Pension von 1.682 Euro. Mit jedem weiteren Jahr Zugehörigkeit zum Bundestag entsteht der Pensionsanspruch ein Jahr früher. Das ist in der gesetzlichen Rentenversicherung unvorstellbar, in nur acht Jahren einen so hohen Rentenanspruch zu erwerben.
Nach 45 Jahren Beitrag zahlen, erhält der „Eckrentner“ einen Rentenanspruch von ca. 1100 Euro im Monat. Natürlich hinkt der Vergleich, weil die Regierungsvollstrecker, nirgendwo etwas einzahlen. Um einen solchen Anspruch, in nur acht Jahren zu erwerben, müßte einer wie ich, etwa 2200 Euro im Monat eingezahlt haben.
Von den regulären Pensionen der Minister und ihren Ansprüchen aus früheren Tätigkeiten im Amt, ganz zu schweigen. Von den Vergütungen in der Privatwirtschaft will ich gar nicht reden. Also, die SPD hat sich nie wirklich für finanzielle Gerechtigkeit eingesetzt. Nicht in der Opposition und nicht in der Regierung.
Was soll ich also in dieser, oder was das betrifft in irgendeiner Partei? Soll ich in irgendeine Partei eintreten, weil ich sonst den Bestand unserer Demokratie gefährde, wie es Müntefering vor kurzem in der ZEIT schrieb: „Das hat mir gutgetan“? Was hat ihm gutgetan? Seine übermäßigen Bezüge und das Wissen, das die kleinen Leute, mit seiner Hilfe, bis 67 arbeiten müssen? Muß ich mich also entscheiden zwischen Pest und Cholera? Die Frage noch mal gestellt:
„Verrate ich mich? Oder die anderen?“
Meine Antwort: „Verrate ich mich, dann verrate ich auch die anderen“.
So rum wird ein Schuh daraus und wem er paßt, der ziehe ihn sich an.

So, liebe Frau Benedict,
„Das hat mir gutgetan“.
Und wenn Sie mir einen großen Gefallen tun würden? Dann übermitteln Sie bitte meinen Text an Franz Müntefering, als Antwort auf seinen Artikel. Würden Sie das für mich tun?
Denn, auch wenn ich gerne Einstein zitiere, so ist doch nicht jeder Lebensumstand relativ, weil…
DIE ZEIT immer eine wichtige Rolle dabei spielt.

Ich grüße Sie mit guten Wünschen – nicht nur fürs Wochenende.
Peter A. Bruns

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Ein Essay von Volker Michels zum 50ten Todestag von Hermann Hesse am 9. August 2012


Den Freundeskreis Gleichgesinnter, den Petit Cénacle (1897) den Hesse mitbegründet. Foto: Hesse liegend mit dem Strohhut auf dem Knie.

50. Todestag von Hermann Hesse
Prügel für den Steppenwolf oder:
Wie man einen Nobelpreisträger zur Schnecke macht Marcel Reich-Ranicki und Hermann Hesse
Von Volker Michels

Wir hatten uns doch so an ihn gewöhnt, den temperamentvollen Bescheidwisser und eloquenten Tausendsassa, der immer so genau weiß, wo es lang geht. Seit ein Millionenpublikum seine Auftritte im „Literarischen Quartett“ entbehren muss, ist es um die makabre Lust gebracht, Augenzeuge von Schauprozessen und Hinrichtungen zu werden. Doch ist nicht zu bestreiten, dass dieser Mann, der den größten Teil seines Lebens mit der Lektüre belletristischer Literatur verbracht hat, dabei – wie sollte es anders sein – stets mit einem überdurchschnittlichen Maß an Kenntnissen aufwarten konnte. Kein Wunder, dass ein Publikum, das kaum über diese Belesenheit verfügen kann, nur allzu geneigt war, vom emphatisch vorgetragenen Einzelfall auf die Stimmigkeit aller seiner Werturteile zu schließen, auch dort, wo es kaum in der Lage war, deren Stichhaltigkeit zu überprüfen. Nun kann man ja nicht erwarten, dass ein noch so beschlagener Journalist Sensorien für alle Bereiche der Literatur besitzt, die so unerschöpflich sind wie das Leben selbst. Jeder Leser hat andere Schicksale, Bedürfnisse und Liebhabereien, die seine Empfänglichkeit ausmachen, aber auch begrenzen. Wie sollte es bei Reich-Ranicki anders sein, auch wenn er sich aufführt, als wäre es nicht so und er selbst das Maß aller Dinge, indem er auf fatale Weise die deutsche Anfälligkeit für autoritäres Führergebaren bedient.

Sein Hausgott ist Thomas Mann – kein schlechter Kompass also. Und gerne wollen wir es würdigen, dass er sich um dessen Popularisierung außerordentlich verdient gemacht hat. Wer sich noch an die beiden Nachkriegsjahrzehnte in Deutschland und die in weiten Kreisen ihres restaurativen Kulturbetriebs verbreitete Aversion gegen Thomas Mann erinnert, kann Reich–Ranickis ausdauernde und erfindungsreiche Gegensteuerung nicht hoch genug einschätzen. Nur dass sie ausgerechnet auf Kosten Hermann Hesses erfolgte, ist unbegreiflich, den Thomas Mann als den ihm „nächsten und liebsten“ unter seinen deutschen Schriftstellerkollegen bezeichnet hat und seit 1931 keine Gelegenheit ausließ, für seine Auszeichnung mit dem Nobelpreis zu plädieren.

Reich-Ranickis schärfste Angriffe auf Hermann Hesse setzten ein, als seit Beginn des Vietnamkrieges eine ganze Generation amerikanischer Wehrdienstverweigerer diesen Autor für sich entdeckte, eine opponierende Jugend, die es mit der Hippie-Devise „make love, not war“ immerhin erreicht hat, dass 1973 in den USA die Wehrpflicht abgeschafft werden musste. Doch die daraufhin rund um den Globus einsetzende Hesse-Renaissance, die Verbreitung seiner Werke in mehr als 70 Sprachen mit bereits damals mindestens 100 Millionen Exemplaren war unserem Thomas-Mann-Apologeten ein solches Ärgernis, dass er fortan bis auf den heutigen Tag nichts unterließ, um dieses noch vor der Globalisierung auftretende Kultur-Phänomen mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln zu torpedieren. Und die waren erheblich, seit man ihn von 1960 bis 1974 als Literaturkritiker der Wochenzeitung „Die Zeit“ und dann weitere 15 Jahre als Chef des Kulturteils der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verfahren ließ, wie es ihm beliebte. Das machte ihn zum unumschränkten Machthaber und apostolischen Zensor im deutschen Literaturbetrieb. Wo aber Macht ist, da wird sie in der Regel auch missbraucht, nicht nur von Politikern. Reich-Ranickis Umgang mit Hermann Hesse ist nur ein Beispiel unter vielen, wenn auch ein besonders eklatantes. Woher nur diese Aversion?

Dass neben Thomas Mann ein deutlich bescheidener auftretender deutscher Autor, dem es die Mandarine unseres Kulturbetriebs zuallerletzt zugetraut hätten, plötzlich eine so spontane grenzen- und generationenübergreifende Weltgeltung bekommen hatte, war ihm ein Dorn im Auge, zumal sie nicht auf journalistische und akademische Nachhilfe angewiesen war, sondern von der Basis, der Jugend und einer internationalen Leserschaft ausging. Statt aber den Ursachen für dieses in der deutschen Literaturgeschichte einzigartige Phänomen nachzugehen, bestreitet er es bis heute nach dem Motto: Was mir nicht passt, darf auch nicht wahr sein! So wird er nicht müde zu behaupten, dass dieser Autor ein „einstmals vielgelesener Schriftsteller“ sei. Tatsache aber ist, dass sich auch hierzulande die Auflage seiner Bücher verfünffacht hat und zwar erst nach Hesses Tod. Als sie sich 1973 der 10-Millionen-Grenze näherte, nahm er die Publikation des ersten Bandes von Hermann Hesses Gesammelten Briefen zum Anlass, nicht etwa deren Inhalt zur Kenntnis zu nehmen, sondern um diesen Autor zu marginalisieren. Unter dem herablassenden Titel „Unser lieber Steppenwolf – Ein Beitrag zur deutschen Sentimentalität“ gab er zum Besten: „Der schwärmerisch singende Asket in kurzen Hosen (kein einziges Photo von Hesse überliefert ihn in dieser Bekleidung! VM), der jugendbewegte Klassiker der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, ihr biederster Rebell und sentimentalster Anarchist, unser lieber, wackerer Steppenwolf, gehört zu jenen Schriftstellern, die sich leicht und nicht zu Unrecht verspotten lassen … Für die heutige Jugend ist Hesse zu deutsch … Mit seiner anachronistischen und weltfremden Literatur hat er oft Unheil angerichtet.“ Belegen braucht er solche Behauptungen nicht, denn Päpste argumentieren mit Dogmen, wo Beweise fehlen. Dabei ist er Atheist und reagiert allergisch auf alles Humanistische und Ethische in der Literatur. Begriffe wie „Seele“ sind ihm verhasst. Wenn er das Wort Seele höre, dann wittere er allemal Schmus, schreibt er in seinem ersten Verriss von Hesses Briefen. Über die Briefe selbst und Hesses frühe Distanzierung von Deutschlands imperialem Größenwahn und dass er mit seiner Übersiedlung in die Schweiz nicht bis zu Hitlers Machtergreifung gewartet, sondern sie bereits zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg vollzogen hat, kein Wort, bis auf den Satz: „Es steht in diesen Briefen viel Vernünftiges und Richtiges, sie nötigen oft ehrlichen Respekt ab … nur dass ich dabei gähnen musste. Denn Hesse offeriert hier, um es kurz und grob zu sagen, gute Gesinnung und wenig Geist.“

Wir wollen jetzt nicht das leichtfertige Ausspielen von Geist gegen humanitäre Gesinnung hinterfragen, die ja bei Hesse alles andre als Lippenbekenntnis war, sondern praktiziert wurde wie von wenigen seiner Künstlerkollegen (u.a. im Ersten Weltkrieg mit der Gründung und seinem vierjährigen Einsatz in der Berner Zentrale für Kriegsgefangenenfürsorge, während der NS-Jahre mit Hilfsleistungen für unzählige in die Schweiz geflohene Emigranten, u.a. seinen Interventionen bei der dortigen Fremdenpolizei, und in den beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Versand hunderter Lebensmittelpakete an bedürftige Kollegen und Freunde in beide Teile Deutschlands). Auch wollen wir nicht untersuchen, ob angesichts der zeitgeschichtlichen Katastrophen zungenfertiger Esprit oder politischer Weitblick und hilfsbereites Verhalten ersprießlicher gewesen wären. Denn das sind ja nicht unbedingt Kriterien für die Qualität literarischen Schaffens, aber doch ein Indiz für die konstruktive Tendenz dessen, was ein Autor publiziert.

Dass Thomas Mann ein Genie sei, Hesse dagegen allenfalls „ein Talent mit bedenklichen Neigungen“, wie Reich-Ranicki immer wieder verkündet, sei dahingestellt. Auf ganz unterschiedliche Weise erreichen beide Autoren, wie auch der von ihm ähnlich diskreditierte Stefan Zweig (auf dessen Kosten er den viel zeitgebundeneren Joseph Roth glorifiziert), in aller Welt ein Millionenpublikum. Und das also soll sich nun schon seit mehr als drei Generationen irren? Mag das Werk Thomas Manns intellektueller und welthaltiger sein und Hesses thematischer Radius begrenzter, an Eindringlichkeit oder, wie Thomas Mann es formulierte, an „Vielschichtigkeit und Beladenheit mit den Problemen von Ich und Welt“ steht Hesse ihm nicht nach. Denn auch sein Lebenswerk plädiert für „das Vernünftige, Notwendige, Lebensfreundliche und Menschenwürdige“, Eigenschaften, die für Thomas Mann Inbegriff der besten deutschen Traditionen sind, die er wie Hesse fortgesetzt hat. Dass Hesse von den Lesern geliebt, Thomas Mann dagegen eher respektvoll geschätzt wird, wurmt Reich-Ranicki und dagegen vorzugehen, ist ihm jedes Mittel recht, wie auch in anderen Fällen, wenn sie ihm abträglich für das Primat seines Idols vorkommen, dessen „Zauberberg“ er in den fünfziger Jahren noch als das Werk eines „irrenden Ideologen“ glaubte abtun zu können.

Das spektakulärste Beispiel dafür ist Martin Walser. Dass der sich nicht – wie Reich-Ranicki es offenbar jedem seiner Besucher abverlangt – vor der Thomas Mann–Büste in seiner Wohnung verneigt und es gewagt hatte, öffentlich auch Vorbehalte gegen die Ironie dieses Autors, seine karikierenden Personenschilderungen, Manierismen seines Stils oder der Goethe-Darstellungen nach seinem Ebenbild zu äußern, machte auch Martin Walser zur Zielscheibe von Entladungen, die so cholerisch sind wie Reich-Ranickis Unterschrift. Interessant an dessen Entgegnungen ist, wie er dabei vorgeht. Denn nie argumentiert er gegen die Einwände, sondern reagiert seinen Ärger lieber an den Neuerscheinungen der jeweiligen Thomas-Mann-Kritiker ab.

Bei Hesse, von dem er im Gegensatz zu Martin Walser und Peter Handke, den er gerne als „dümmlich“ klassifiziert, nichts mehr zu befürchten hat, gerät seine Obstruktionslust auf die merkwürdigsten Abwege. Um dessen Unzurechnungsfähigkeit zu belegen, gab er in einem mehrfach publizierten Interview der Frauenzeitschrift „Elle“ zum Besten, dass im Roman „Narziß und Goldmund“ eine Frau im Chausseegraben geschwängert werde und daraufhin fünf Kinder geboren habe. Das sei doch verblüffend, kommentiert MRR mit gespielter Verwunderung, da man nach einem Geschlechtsverkehr doch nicht mehrere Kinder bekommen könne. Nichts davon stimmt. Weder kommt in dem Roman eine Begattung im Straßengraben vor, geschweige denn die behaupteten Folgen. Man muss schon sehr unverfroren oder in Beweisnot sein, um auf solche Methoden der Diskriminierung zu verfallen.

Aber mit derlei Infamitäten hatte es keineswegs sein Bewenden. Seit er im Kulturteil der FAZ das Sagen hatte, mussten sich alle, die seine Obsession gegen Hesse nicht teilten, auf spöttische Verachtung gefasst machen. Unvergesslich bleibt mir unsere erste Begegnung bei einer Verlagsveranstaltung. Als ich ihm 1970 als junger Suhrkamp-Lektor von Fritz J. Raddatz, dessen DDR-Literaturgeschichte ich gerade betreute, vorgestellt wurde, interessierte er sich für meine künftigen Projekte. Auf meine Antwort, dass es nun höchste Zeit sei, den ebenso reichhaltigen wie substanziellen Nachlass Hermann Hesses zu erschließen, insbesondere die zahlreichen noch nicht in Buchform erfassten politischen Publikationen wie auch seinen gleichfalls nur in Zeitungen und Zeitschriften auffindbaren Jahrzehnte langen Einsatz für das literarische Schaffen seiner Kollegen, meinte er mit zynischem Mitleid, dann könne ich mich ja gleich mit Ganghofer beschäftigen. Nicht immer hatte er damit Erfolg, zumeist aber leider doch. So glückte es ihm, Golo Mann, dem ich das Manuskript der tausendseitigen Edition von Hesses zeitkritischen Schriften „Politik des Gewissens“ geschickt hatte, von seiner Zusage abzubringen, das Vorwort zu schreiben. Denn wer will sich schon die Möglichkeit verscherzen, weiterhin von Deutschlands meinungsbestimmendem Blatt hofiert und publiziert zu werden? Es wird wohl erst postum zum Vorschein kommen, wie er in seiner Korrespondenz und bei der Vergabe von Aufträgen die Adressaten nach seinen Vorlieben fernzusteuern versucht hat.
Als er für seine Artikelserie „Bücher von gestern, heute gelesen“ den Schriftsteller Horst Krüger einlud, über ein Buch seiner Wahl zu schreiben, kam es einmal mehr zum Konflikt. Denn der wagte es, zu Reich-Ranickis Entsetzen, sich für Hesses „Demian“ zu entscheiden, weil dieses Buch den jungen Horst Krüger davor bewahrt hatte, sich vom Nationalsozialismus infizieren zu lassen. Immerhin wurde sein Beitrag geduckt, wenn auch nicht unter Krügers eigenem Titel, sondern redaktionell verändert in „Unendliche Lust an der privaten Revolte“. Seine ehemalige Freundschaft mit MMR, klagte mir Krüger, sei anlässlich dieses Artikels fast in die Brüche gegangen.

Seine Vorgehensweise beim Lancieren subjektiver Vorlieben kann man sehr schön studieren an den Tiefdruckbeilagen, die MRR anlässlich der 100. Geburtstage namhafter Schriftsteller in der FAZ konzipiert hat. So wurden 1975 bei Thomas Mann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um prominente Gegenwartsautoren zu Hymnen zu animieren sowie Forscher und profunde Kenner seines Werkes zu Wort kommen zu lassen. Zwei Jahre später im Centenarjahr Hermann Hesses ist das alles unterblieben. Keinem einzigen Kenner wurde das Wort erteilt, geschweige denn Gegenwartsautoren wie Henry Miller, Peter Weiss, Hilde Domin, Robert Jungk, Horst Krüger, Hermann Burger, Adolf Muschg, Gabriele Wohmann befragt, von denen er wusste, dass sie Hermann Hesse schätzten. Einzig der mehr als andere von seiner Gunst abhängige Wolfgang Koeppen durfte sich äußern, jedoch nur auf erwünschte Weise. Für Koeppen ein qualvoller Eiertanz. Hatte Hesse doch als erster prominenter Autor bereits 1935 seinen frühen Roman „Die Mauer schwankt“ auf eine Weise empfohlen, die Koeppen sehr zugute kam.

Stärker noch als die freien Mitarbeiter waren Reich-Ranickis Redaktionskollegen seinem Einfluss ausgesetzt. Jeder der vorgab, mit Hesse nichts anfangen zu können, hatte bei ihm einen Stein im Brett. Natürlich konnte es ihm nicht entgehen, wie ungehalten die Leser auf seine Ausfälle gegen diesen Autor reagierten und dass er damit auch Wasser auf die Mühlen des Antisemitismus leitete. Deshalb hat er – um einen vielstimmigen Konsens der Geringschätzung vorzutäuschen – auch die meisten der von seiner Gunst abhängigen Redaktionskollegen dazu gebracht, sich in seinem Sinne über Hesse zu äußern. Oder kann es ein Zufall sein, dass im Verlauf von drei Jahrzehnten in der FAZ nur Abträgliches über Hesse zu lesen war, und zwar nicht allein von Kollegen wie u.a. Franz Josef Goertz, Hannes Stein, Jens Jessen, Hubert Spiegel, ja selbst vom FAZ-Herausgeber Joachim Fest, sondern auch von den freien literaturwissenschaftlichen Mitarbeitern wie Peter Wapnewski, Rolf Hochhuth, Sigrid Loeffler (in Interviews), Helmut Koopmann, Hermann Kurzke und Peter von Matt? So konnte sich aus dem Olymp von Deutschlands tonangebender Zeitung sein Affekt gegen Hesse im Lauf der Jahre zu einem Virus entwickeln, der nicht nur unsere gesamte Medienlandschaft, sondern leider auch die Universitäten der deutschsprachigen Länder infizierte.

Ein einziges Mal jedoch schien sich eine wundersame Wandlung abzuzeichnen, als er sich im Jahr 2001 anschickte, einen 20-bändigen Kanon der besten deutschen Romane publizieren zu wollen. (Nebenbei gesagt: Wer benötigt schon einen Kanon des längst Etablierten? Wer derlei vorlegt, meint damit ja immer auch einen Index, um das ihm Fremde zu exkommunizieren). Dafür brauchte er einen Verleger. Als er Siegfried Unseld sein Konzept vortrug und dieser feststellen musste, dass kein Titel seines weltweit meistgefragten Autors dabei war, weigerte er sich, das Projekt zu verwirklichen. So kam es, dass unser Berufsnörgler sich wohl oder übel dazu durchgerungen hat, Hesses frühen Roman „Unterm Rad“ in die Reihe aufzunehmen und sich darüber zu verlautbaren, als habe er sich plötzlich eine Kreide-Diät auferlegt. Doch dieser Sinneswandel war nicht von langer Dauer. Schon bald nach Siegfried Unselds Tod 2003 kam er auf die Idee, eine neue Artikelserie in die FAZ zu lancieren, die unter der Überschrift „Gute Bücher, die wir hassen“ bekannte Werke, die ihm ein Dorn im Auge waren, disqualifizieren zu lassen. Die unpopuläre Kolumne brachte es zwar nur auf zwei Folgen. Aber seinen Hauptzweck, darin Hesses „Steppenwolf“, den selbst die von ihm verehrte Ulrike Meinhof beeindruckt hat, zum Abschuss freizugeben, war damit immerhin erreicht. Auch dass Peter Suhrkamp ohne die Initiative Hesses niemals den progressivsten deutschen Nachkriegsverlag hätte gründen können und dass sein Nachfolger Siegfried Unseld, den MRR zurecht als Deutschlands bedeutendsten Verleger bezeichnet hat, von Hesses Weltbild geprägt war und ihm seine Position verdankte, hat MRR offenbar nie zu denken gegeben.

Selbst noch im unfreiwilligen Ruhestand scheint sein Einfluss auf Deutschlands maßgebliche Zeitung offenbar ungebrochen. So ließ er die 2005 abgeschlossene erste Gesamtausgabe von Hesses Werken durch Hubert Spiegel unter der Schlagzeile „Wer braucht 14000 Seiten Hermann Hesse?“ für überflüssig erklären und mit einer halbseitigen Karikatur garnieren. Sie zeigt den Dichter im Alter von 70 Jahren, gekleidet im Matrosenanzug eines Kleinkindes beim Spiel mit Zinnsoldaten, die aus einer Spielzeugkanone mit Glasperlen auf Stubenfliegen zielen. Da brauchte man den Artikel gar nicht erst zu lesen, um schon auf den ersten Blick zu erkennen, was man von diesem Autor und den 20 Bänden seiner „Sämtlichen Werke“ zu halten habe. Einzig Frank Schirrmacher hat sich dagegen als immun erwiesen, indem er die Ausgabe im Monat darauf als Weihnachtsgeschenk-Empfehlung der FAZ aufführte.
Lassen wir es bei dieser knappen Auslese von Beispielen bewenden und den Versuch unternehmen, weiteren Gründen für Reich-Ranickis Invektiven auf die Spur zu kommen. Ein tiefer greifendes Motiv für die Aversion dieses Franz Josef Strauß unsres Kulturbetriebs nicht allein gegen Hesse, sondern gegen eine ganze literarische Richtung, die auf eine Humanisierung des Menschen abzielt, ist seine Allergie gegen alles Konstruktive und Ethische. Bezeichnend dafür ist das merkwürdige Wohlbehagen, das ihn immer dann überfällt, wenn einem der von ihm gepriesenen Autoren eine charakterliche Niederträchtigkeit nachgesagt werden kann. Das gibt ihm Gelegenheit, eine seiner Lieblingsthesen zu verbreiten, nämlich, dass gute Literatur mit amoralischem Verhalten ihrer Verfasser durchaus vereinbar sei. In dieser Beziehung freilich ist bei Hesse nichts zu holen. Auch gibt es bei ihm keine erotischen Pikanterieen, keine Karikaturen und scharfzüngigen Sottisen, weil Hesse sich lieber über sich selbst als über andere lustig macht. Stattdessen versucht Hesse in seinen Büchern auf vielfältigste Weise, das Positive im Menschen zu ermutigen und das zu reaktivieren, was unsere unverwechselbaren und besten Eigenarten ausmacht: Kreativität, Fleiß, Zuverlässigkeit, emotionalen Tiefgang und die Stärkung individueller Entfaltung gegen den Anpassungsdruck von außen. Dass die damit verbundenen idealistischen Potentiale des deutschen Naturells in der ersten Hälfte des zurückliegenden Jahrhunderts von skrupellosen Politikern verfälscht und missbraucht wurden, steht auf einem anderen Blatt. Und gerne wollen wir Reich-Ranicki, der im Warschauer Ghetto unter Lebensgefahr den Folgen dieser Perversionen ausgesetzt war, zugestehen, dass die Erfahrungen, die er mit den damaligen Machthabern machen musste, nicht dazu angetan waren, das Vertrauen in das deutsche Gemüt zu fördern. Was das aber mit Hermann Hesse zu tun haben soll, der seit jeher die falsche Romantik des Nationalismus und bereits 1922 den Antisemitismus bekämpfte, der nicht müde wurde, die Rückständigkeit des patriotischen und konfessionellen Partikularismus zu thematisieren, der andere Kulturen nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung und Bereicherung unseres Weltbildes verstand und mit kosmopolitischem Weitblick den Eurozentrismus überwand, indem er vom „Siddhartha“ bis hin zu dem für MRR „unerträglichen Glasperlenspiel“ Antitoxine gegen die Falschmünzer des deutschen Idealismus entwickelt hat, ist unbegreiflich. Dabei sind Hesses Gegenwelten in so bewegende Handlungsverläufe gekleidet, so klar, eingängig und unverschlüsselt formuliert, dass aus seinen Werken das Lebenswichtige nicht mühsam am Tropf von Interpreten herausdestilliert zu werden braucht, wie bei anderen Favoriten unserer Literaturwissenschaftler.

Das alles mag Thomas Mann im Auge gehabt haben, als er anlässlich Hesses 60. Geburtstag schrieb: „So recht von Herzen können wir uns wieder einmal als Deutsche fühlen, ja sagen zum Deutschtum und uns in tiefem, verschlagenen und komplizierten Stolze als Deutsche fühlen in dem alten, frohen und geistigen Sinn, dem der deutsche Name seinen besten Ruhm, dem er die Sympathie der Menschheit verdankt.“ Denn auch in seinem Handeln und Schreiben vereinbaren sich Ethik und Ästhetik. Marcel der Mäkler dagegen konstatiert in frivoler Retourkutsche: „Für die heutige Jugend ist Hesse zu deutsch“, wie er auch zu Eichendorffs Lyrik bemerkt: „Wer eines seiner Gedichte kennt, der kennt sie alle“. Würde im Gegenzug jemand die Abstammung dieses Kritikers für ein Argument halten, der hätte bald die abwegigste Antisemitismuskampagne am Hals. Denn wer immer es wagt, sich seiner apodiktischen Hybris in den Weg zu stellen, muss damit rechnen, von ihm als Antisemit bezichtigt zu werden. Vielleicht lassen wir es uns deshalb in ängstlicher Duldungsstarre gefallen, wenn er die deutsche Kultur in einem unsrer integersten und wirkungsmächtigsten Schriftsteller auf eine Weise niedermacht, dass sich kaum jemand in dem ja wahrhaft nicht unterbelichteten Kulturbetrieb unsrer vergangenheitsbelasteten 80-Millionen-Nation traut, dagegen Einspruch zu erheben. Hypnotisiert wie Kaninchen vor der Schlange, lassen wir uns auch seine fragwürdige Manie gefallen, das Urbane gegen das Regionale auszuspielen.

Das letzte und vielleicht ausschlaggebende Motiv dieses mit in- und ausländischen Ehrenprofessuren und –doktoraten Überhäuften, einen Autor wie Hesse aus der Literaturgeschichte herauskatapultieren zu wollen, ist sein völlig anderes Verständnis von Literaturkritik. Wie Reich-Ranicki hat auch Hesse ein Leben lang die Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt verfolgt und tausende Bücher besprochen. Doch seine Kritik war konstruktiv und brauchte sich nicht auf Kosten anderer zu profilieren. Was ihn legitimierte und zu einem begehrten Rezensenten machte, war sein literarisches Werk. So konnte er es sich leisten, vor allem das zu empfehlen, was ihm gut und zukunftsfähig erschien. Erledigt sich doch das Minderwertige, seines Erachtens, früher oder später von selbst. Die Fälle, bei denen sich Hesse zu abschätzigen Besprechungen hinreißen ließ, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Sein Standpunkt war: „Urteile sind nur wertvoll, wenn sie bejahen. Wirklich wahr sind wir nur, wo wir anerkennen. Das Feststellen von ‚Fehlern’, und klinge es noch so fein und geistig, ist nicht Urteil, sondern Klatsch“. Diesen Klatschfaktor hat unser Hans Dampf in seinen Verlautbarungen reichlich bedient und auf die Frage, welche Bühnenrolle er am liebsten spielen würde, mit entwaffnender Ehrlichkeit den Mephisto genannt. Da aber die Polemik in der Regel größeren Unterhaltungswert hat als die Wertschätzung, erreichte er durch das Fernsehen eine im deutschen Kulturbetrieb noch nie dagewesene Einflussmöglichkeit, um Millionen von Leser verächtlich zu machen, die offenbar unbedarft genug sind, das zu schätzen, wofür ihm die Antennen fehlen.

Dass wir Reich-Ranicki auch zahlreiche fundierte Würdigungen von Autoren verdanken, die seinem Naturell näher liegen, sei gerne eingeräumt, auch, dass seine Leidenschaftlichkeit der Literatur eine mediale Beachtung verschafft hat, die sie früher nicht hatte. Doch entschuldigt es nicht die Methoden, mit welchen er jene niedermacht, die nicht in sein materialistisches Weltbild passen. Seine Devise: „Das Leben ist schön, aber es hat keinen Sinn“, hätte auch sein Lieblingsautor Thomas Mann wohl schwerlich geteilt.

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