Das Jahr 2013 ist noch ein unschuldiges Kind


penzoldtbdErnst Penzoldt Hamburg,Tagung PEN-Zentrum

Ernst Penzoldt (* 14. Juni 1892 in Erlangen; † 27. Januar 1955 in München) war ein deutscher Schriftsteller, unter dem Pseudonym „Fritz Fliege“ auch Bildhauer, Maler, Zeichner und Karikaturist.

Neujahrsbetrachtung
Als ein Kind stellt sich uns das neue Jahr vor, als ein müder, gebrechlicher Greis verabschiedet sich das vergangene.
Wenn der alte Mann personengleich ist mit dem Kind, das wir vor einem Jahr begrüßten, dann ist es fürwahr erschreckend schnell gealtert. Ein Leben, das sonst „siebzig Jahre währt“, würde dann in zwölf Monaten ablaufen – ein beängstigender Gedanke. Danach wäre das gute Kind schon im März etwa siebzehn. Nein, wir wollen den Stundenplan des Erdenlebens nicht ändern! Es muß wohl vom Schöpfer sehr weise und freundlich erwogen sein, daß die Lebenszeit im rechten Verhältnis zu unserer geistigen und körperlichen Aufnahmefähigkeit steht. Sie ist, im günstigsten Falle, gerade so lang, daß die Menschen in einiger Ruhe sprechen, lesen, schreiben, rechnen lernen und an einem guten Teil der Herrlichkeiten der Welt sich freuen können, der Herrlichkeiten der Natur und derer, die einige Menschen für alle, meist in einem Lebensalter, den Werken der Schöpfung hinzugeben haben.
„Herrlichkeiten?“ werden Tausende fragen, die das Dasein nicht mehr freut. „Willst Du uns verhöhnen?“ Trotz alledem muß es etwas geben, um dessentwillen es sich lohnt, ein Mensch zu sein und alle Heimsuchungen, alle Mühsal, Herzleid, Bosheit, Mangel, Neid, Hunger, Krankheit, Tod dennoch in Kauf zu nehmen, etwas, um dessentwillen der Mensch nicht mit den Unsterblichen tauschen möchte und was ihm seine besondere Würde verleiht.
Ein Kind scheint uns doch die rechte Allegorie des neuen Jahres zu sein. Es ist das leibhaftige und unmißverständliche Ja! Das lebendige Vertrauensvotum des Menschen zum Dasein. Freilich wollte es mir nie so recht einleuchten, warum die Menschen den Beginn des Jahres wunderlicherweise gerade in die kälteste Zeit gelegt haben und nicht in den Frühling. Das wäre doch „natürlicher“.
Was erwarten wir vom neuen Jahr? Wie wird es sich auswachsen? Es ist zum Glück so eingerichtet, daß wir es nicht wissen, daß es für uns das große Geheimnis bleibt. Nicht des morgigen Tages, nicht der nächsten Stunde sind wir gewiß, nicht einmal der nächsten Sekunde, in der es – wir wissen es nicht – urplötzlich „aus“ sein kann.
Gleichviel, wie dieses Kind gerät, das wird an uns liegen. Das vergangene Jahr spiegelt das Gesicht der Menschheit wider, es trägt ihre Züge.
Fragen wir nicht: Was bringt uns das neue Jahr?
Fragen wir lieber: Was bringen wir ihm im Guten oder Bösen, im Sinne des Spruches: „Was du dem Leben gibst, gibt dir das Leben. Wie du das Leben liebst, liebt dich das Leben.“
(Ernst Penzoldt, 1946)

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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