„Verrate ich mich? Oder die anderen?“ DIE ZEIT 2008 Nr. 5, Artikel von Tina Hildebrandt


Ein Brief, den ich vor 4 Jahren an DIE ZEIT Nr.5, Seite 4 – Politik, Artikel von Tina Hildebrandt, schrieb, fiel mir wieder in die Hände und ich fühlte die Norwendigkeit, ihn hier zu veröffentlichen. Ich richtete ihn an eine Frau Benedict, eine Mitarbeiterin DER ZEIT.

25.1.08

Sehr geehrte Frau Benedict!
Der Artikel von Tina Hildebrandt „Verrate ich mich? Oder die anderen?“ sprach mir aus dem Herzen und ich möchte ihn verbinden mit Münteferings Sentimentalität „Das hat mir gutgetan“ (ZEIT Nr.4) obwohl ich es seit langem mit Einstein halte „Nimm alle Dinge wichtig, aber keine völlig ernst“. Einstein sagte es vor einem sehr dunklen, politischen Hintergrund. Während ich unter Adenauer aufwuchs, erhellte sich dieser Hintergrund und das Morgenrot der SPD der Fünfziger Jahre, weckte meine Hoffnungen.
Man wird nicht als Sozialdemokrat geboren, man wird dazu gemacht, denn jedes junge Herz schlägt links. Alles andere wäre eine Anomalie. Man kann aber ein gutgläubiges, junges Herz zu fast allem formen. Was Verheugen, Clement, Schily und Metzger mit mir, was ihre Gefühle für ihre Parteien betrifft, gemeinsam haben, ist der Skrupel. Die sogenannte Ehre und Treue. Diese Deutsche Nibelungentreue. Wenn ich diese so nenne, dann weiß ich allerdings auch wohin sie führen kann. Aber es geht in einem Leben nicht um eine Partei, der man angehört oder nicht.
„Sei Du Selbst“ ist der einzige Weg. Es gibt für Jeden keinen anderen Weg der Entfaltung, als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens. „Sei Du Selbst“ ist das ideale Gesetz. Es gibt keinen anderen Weg der Entwicklung. Daß dieser Weg durch viele moralische und andere Hindernisse erschwert wird, daß die Welt uns lieber angepasst sieht als eigensinnig, daraus entsteht, jedenfalls für jeden mehr als durchschnittlich individualisierten Menschen, der Lebenskampf. Er muß für sich entscheiden, wieweit er sich der Konvention unterwerfen oder ihr trotzen will.
Wo er die Forderungen von Familie, Staat, Gemeinschaft in den Wind schlägt, muß er wissen, daß es auf eigene Gefahr geschieht. Wie viel Gefahr einer auf sich zu nehmen fähig ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab. Man muß jedes Zuviel büßen. Man darf aber auch im Anpassen an staatliche, parteiliche Bevormundung, nicht zu weit gehen. Das lehrt uns nicht nur die nationalsozialistische Deutsche Geschichte.
Warum bin ich also 2007 mit 65 Jahren, aus der SPD ausgetreten? Nun, es war nicht das erste Mal. Eingetreten bin ich 1968 in Berlin. Das sagt nicht viel und doch… Mich in der Partei engagiert habe ich schon als Schuljunge. Für Helmut Schmidt habe ich, in Hamburg Niendorf, handwerklich mitgeholfen, Wahlveranstaltungen auszurichten. Willy Brandt, den ich sehr achte, brachte mich trotzdem dazu, durch den Radikalenerlass, die Partei aus Protest 1970 zu verlassen. Gewählt habe ich die SPD aber immer wieder. Ende der Achtziger trat ich wieder in die Partei ein.
2007 trat ich also wieder aus. Warum? Wie Ulrich Maurer, sage auch ich: „nicht ich habe die SPD verlassen, sondern die SPD hat ihre Werte verlassen“. Aus meinem Parteibuch 1990 erhalten, zitiere ich aus dem Grundsatzprogramm vom Parteitag 1959 in Bad Godesberg. Auszug:
der Widerspruch unserer Zeit
„daß der Mensch, die Produktivkräfte…ungeheure Reichtümer ansammelte, ohne allen einen gerechten Anteil an dieser gemeinsamen Leistung zu verschaffen“
die Hoffnung dieser Zeit
„nur durch eine neue und bessere Ordnung der Gesellschaft öffnet der Mensch den Weg in seine Freiheit. Diese neue und bessere Ordnung erstrebt der demokratische Sozialismus.“
Diese Hoffnung hat aber keine SPD Führung wirklich erfüllen wollen. Sie hat sie benutzt um Mitglieder zu werben. Dann hat sie regelmäßig ihre Maske fallen lassen und nun, besonders dreist z.B. das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht. Es gab und gibt andere Lösungen, um die Renten mit anderen Mitteln zu stabilisieren.
Was mich in diesem Zusammenhang dann wirklich zornig gemacht hat, ist die subtile Tendenz, und die Tatsache, dass die SPD, auch wenn sie in Regierungsverantwortung stand und steht, nicht willens war und ist, finanzielle Ungleichheit zu bereinigen. Ich bin eben Pragmatiker. Warum keine Bürgerrente?
Ich nehme mich gern als Beispiel. Nach 12 Jahren Beitragszahlung in die Rentenkasse, bekomme ich 162 Euro monatliche Rente. Die sogenannte Grundsicherung ist entwürdigend und ich nehme sie nicht in Anspruch und arbeite eben weiter bis ich nicht mehr kann, so oder so und finanziere damit noch so ganz nebenbei die Gestopften auch der SPD.
Aber im Gegensatz zu mir, nach Paragraf 15 des Bundesministergesetzes haben Mitglieder der Regierung einen Anspruch auf Ruhegehalt, wenn sie eine Amtszeit von mindestens einem Jahr und 274 Tagen erfüllt haben. Für die jetzigen Minister war dieser wichtige Tag der 22. August 2007.
Oder nehmen wir einen Abgeordneten. Nach achtjähriger Parlamentsmitgliedschaft, d.h. man muss zwei volle Legislaturperioden durchhalten, erhält ein Abgeordneter mit dem 65. Lebensjahr eine monatliche Pension von 1.682 Euro. Mit jedem weiteren Jahr Zugehörigkeit zum Bundestag entsteht der Pensionsanspruch ein Jahr früher. Das ist in der gesetzlichen Rentenversicherung unvorstellbar, in nur acht Jahren einen so hohen Rentenanspruch zu erwerben.
Nach 45 Jahren Beitrag zahlen, erhält der „Eckrentner“ einen Rentenanspruch von ca. 1100 Euro im Monat. Natürlich hinkt der Vergleich, weil die Regierungsvollstrecker, nirgendwo etwas einzahlen. Um einen solchen Anspruch, in nur acht Jahren zu erwerben, müßte einer wie ich, etwa 2200 Euro im Monat eingezahlt haben.
Von den regulären Pensionen der Minister und ihren Ansprüchen aus früheren Tätigkeiten im Amt, ganz zu schweigen. Von den Vergütungen in der Privatwirtschaft will ich gar nicht reden. Also, die SPD hat sich nie wirklich für finanzielle Gerechtigkeit eingesetzt. Nicht in der Opposition und nicht in der Regierung.
Was soll ich also in dieser, oder was das betrifft in irgendeiner Partei? Soll ich in irgendeine Partei eintreten, weil ich sonst den Bestand unserer Demokratie gefährde, wie es Müntefering vor kurzem in der ZEIT schrieb: „Das hat mir gutgetan“? Was hat ihm gutgetan? Seine übermäßigen Bezüge und das Wissen, das die kleinen Leute, mit seiner Hilfe, bis 67 arbeiten müssen? Muß ich mich also entscheiden zwischen Pest und Cholera? Die Frage noch mal gestellt:
„Verrate ich mich? Oder die anderen?“
Meine Antwort: „Verrate ich mich, dann verrate ich auch die anderen“.
So rum wird ein Schuh daraus und wem er paßt, der ziehe ihn sich an.

So, liebe Frau Benedict,
„Das hat mir gutgetan“.
Und wenn Sie mir einen großen Gefallen tun würden? Dann übermitteln Sie bitte meinen Text an Franz Müntefering, als Antwort auf seinen Artikel. Würden Sie das für mich tun?
Denn, auch wenn ich gerne Einstein zitiere, so ist doch nicht jeder Lebensumstand relativ, weil…
DIE ZEIT immer eine wichtige Rolle dabei spielt.

Ich grüße Sie mit guten Wünschen – nicht nur fürs Wochenende.
Peter A. Bruns

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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