Lach dich tot – bevor Du sterbst


Die Hansestadt Gardelegen liegt in der südwestlichen Altmark zwischen Berlin und Hannover, nördlich von Magdeburg. Nachbargemeinden sind Klötze und Kalbe (Milde) im Altmarkkreis Salzwedel, Bismark (Altmark), Stendal und Tangerhütte im Landkreis Stendal sowie Burgstall, Westheide, Calvörde und Oebisfelde-Weferlingen im Landkreis Börde. Dort machten mein Freund Klaus und ich Station, auf der Rückfahrt von einer Montage in Sachsen. Wir wollten Mittagessen und landeten in dem netten Gasthof, Schwarzer Reiter, an dessen Wänden viele Bilder von Otto Reuter hingen. Die Wirtin klärte uns auf: Reuter wäre hier in Gardelegen geboren und auch beerdigt. Wir waren sehr erfreut, denn Reuter war uns einst, als wir noch in Hamburg lebten, ans Herz gewachsen. Aber Gedanken über ihn hatten wir uns nicht gemacht. Wir wußten lediglich daß er aus Sachsen stammt. Oft wenn ich für uns, meinen Bruder und meinem Freund Klaus kochte, was mehrmals in der Woche geschah, legten wir Otto Reuter auf den Plattenteller, als Tischmusik. Unsere Laune war dabei stets heiter. Otto Reuter ist die personifizierte Kur für Heiterkeit, trotz aller Unbillen des Lebens.

„Ik wundere mir über jarnischt mehr“ sang Otto Reuter in den zwanziger Jahren, denn er wußte „in 50 Jahren ist alles vorbei“. So habe ich auch einst gedacht, bis ich mich mit uns Menschen und unserer sogenannten Politik beschäftigte. Da ist mir die „Petersilie verhagelt“ und ich sah: „Früher da war ich klüger als heute“. So habe ich mich wieder meinem alten Freund Otto Reuter, aus meinen jüngeren Tagen zugewandt, holte den sorgfältig verwahrten und verpackten, tragbaren alten Phillips Stereo Plattenspieler 292, mit den abnehmbaren Lautsprechern, aus der Versenkung des Schrankes, aus der Abseite unter der Treppe, baute ihn, auf einem Ikea-Billy-Bord auf und legte zur Probe die alten LP’s von ihm wieder auf den Teller, wie einst anno 1969. Internet, Flachbildschirm, meine moderne JVG Musikanlage, alles trat in den Hintergrund.

Die Sonne schien mir, durch die Ranken, und Blütendolden der Wisteria Sinensis, die sich an der Hauswand hochgeschlichen hatte, in nur wenigen Jahren, ins Fenster, als Otto Reuter mir wieder abgeklärtes, frohgemutes, heiteres, wahres Leben einbließ. Ja einbließ – nicht einhauchte. Fern ab aller verlogener Geld-Tagespolitik. Es ist erstaunlich wie wenig sich doch verändert hat seit den Zwanzigern, betrachte ich DIE Parteien, DEN Bundestag, DIE Merkel und DEN Ackermann. DIE Deutsche Bank, Afghanistan, Libyen – Ach – „Die ganze Geschicht‘, die lohnt sich nicht…“ mein Jung‘ – so heißt ja auch ein Lied von Otto Reuter und es paßt – jedenfalls mir. Denn, wie gesagt: „In 50 Jahren ist alles vorbei„.

Bevor du sterbst…

Text und Melodie von Otto Reutter
1921

Verschiedene Regeln, vor dem Tode zu befolgen.

1.
Bevor du sterbst und einziehst in die Fremde
Rasier dich noch und nimm ein reines Hemde.
Musst dir `ne saubere Krawatte drechseln,
Du kannst nachher die Wäsche nicht mehr wechseln.
Leg dich bequem, befreit von jedem Zwange,
Du liegst in dieser Lage ziemlich lange.
Nimm`n Kissen untern Kopf mit weißen Bündchen
Und mit der Aufschrift „Nur ein Viertelstündchen“.

2.
Bevor du sterbst, schau nach dem Wärmemesser,
Dreh Heizung ab, für dich ist Kälte besser.
Bestell den Milchmann ab, und auch den Bäcker,
Zieh deine Uhr auf, aber nicht den Wecker.
Und dann stirb pünktlich, Frauen wollen zum Schneider,
Sie können nicht trauern ohne Trauerkleider.
Ja, manche, die bestellen `s schon vor dem Tode,
Wenn du dann wartest, ist es aus der Mode.

3.
Bevor du sterbst, musst du dir `n Abschied leisten,
Denn man betrauert meist sich selbst am meisten.
Spiel `n Trauermarsch auf deinem Klimperkasten,
Doch spiele ernst, nur auf den schwarzen Tasten.
Bist du verheirat` mit `nem gift`gen Drachen,
Dann schimpf` nochmal, daß alle Wände krachen,
Doch dann stirb schnell, sollt` sie dann weiterbrüllen,
Dann hörst du nichts, und hast den letzten Willen.

4.
Bevor du sterbst, besuch` noch die Bekannten,
Die sich mit Recht einst deine Freunde nannten.
Sag nicht warum du kommst, beim Weitergehen,
Schau sie nur an, sag` kurz „Auf Wiedersehen“.
Doch hat dich jemand schwer gekränkt mitunter,
Mit letzter Kraft hau dem noch eine runter.
Kriegst du Gefängnis dann von läng`rer Dauer,
Schreib kurz „Ich kann nicht kommen, ich habe Trauer.“

5.
Bevor du sterbst, da kannst du die bedenken,
Die dich geliebt, die kannst du reich beschenken.
Doch gibt`s Verwandte, die auf `s Ende lauern.
Wenn die was erben, da können sie nicht trauern.
Die geh`n vom Grab direkt zum Weinlokale,
Dort weint man nicht, man lacht beim Weinpokale.
Sie trinken auf dein Wohl, beim Saft der Reben.
Erst wenn du tot bist, lassen sie dich leben!

6.
Drum eh du stirbst, musst du noch einmal lachen,
Nicht denen, dir musst du `ne Freude machen.
Ruf diese Bande. Kommen sie dann in Masse,
Und können nicht weinen, zeig ihnen die leere Kasse.
Wenn sie die sehen, da kränken sie sich tüchtig,
Da werden sie traurig, und dann weinen sie richtig.
Und wenn sie weinen, zeig ihnen deine Lende
Und lach dich tot. Das ist das schönste Ende!

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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