Robert Frost – „If Society fits…“


„If Society fits you comfortably enough, you call it freedom.“
Robert Frost 1874-1963

„The road not taken“

Ein Brief an Marianne
Von Peter A. Bruns

Liebe Marianne,
ich möchte Dir heute eine kleine Geschichte, deren Fortgang lange im Dunkeln lag, erzählen, weil sie nun, nach so vielen Jahren zu ihrem Ende gekommen ist – sie kam zu ihrem natürlichen Ende. Sie zeigte mir etwas auf, wonach ich lange suchte und das mir doch ständig in deiner Person vor Augen stand, ohne dass ich es bei dir wahrnahm. Das entwickelte sich so… doch ich erzähle es von Anfang an, als würde ich das Ende noch nicht kennen.
Da ist irgendwann mal, mir irgendwas abhanden gekommen, und der Verlust fraß in mir, an meinem Lebenssinn seit Jahren. Die Gesellschaft gab mir anscheinend was ich brauchte und ich wählte die Wege, die ich gehen wollte, mit wenigen Bedenken aus. Doch es begann mir von Tag zu Tag etwas an meinem Leben zu fehlen. Ich kann es nicht erklären. Das gewisse Etwas – es gibt es heute so wie damals für mich nicht mehr.
Immer, wenn ich nach Australien fahre, suche ich es dort auf den Straßen unter den Menschen und in den Wüsten, der Weite des Landes. In den ersten Jahren meiner Reisen, ist es mir noch so vorgekommen, als hätte ich es schon beinahe gefunden, doch es blieb eine Täuschung meiner Seele, eine Luftspiegelung, eine Fata Morgana eben, nicht zu greifen, noch zu sehen.
Früher habe ich dieses „Etwas“ immer gespürt: in meinen Händen, auf den Armen, in meinem Herzen, in meiner Seele, in meinem Kopf, überall habe ich es besessen. Aber ich hatte es auf meinem Lebensweg verloren. Das ist mit anderen „Verlusten“ die das Leben so mit sich bringt, überhaupt nicht zu vergleichen. Ich wurde sogar wieder meines Lebens überdrüssig, weil dieses Etwas mir so sehr fehlte. Mir ist oft nach gar nichts zumute gewesen. Wenn es keine Schande wäre und ich mich nicht vor meinen Freunden hätte schämen müssen, so wäre ich nicht einmal morgens aufgestanden. Ich fühle mich immer öfter leer, als fehlten mir einige Organe im Körper, als hätte man sie mir gestohlen. Ich suchte fast ununterbrochen nach diesem fehlenden Etwas meines ehemaligen Lebensgefühls. Was es für ein lebensgefühl war fragst du?
Ein simples Gefühl war es etwa, mit der Vorfreude auf den nächsten Morgen, am Abend, frisch geduscht zwischen die sauberen weißen Leinenlaken, mit wohligem Gefühl unter die Decke zu schlüpfen. Dieses Gefühl kommt jenem Etwas nahe. Wäre es gut oder schlimm wenn ich‘s wiederfände? Dieses Behagen an den einfachen Dingen des Lebens? Ich weiß es nicht: es wäre vielleicht schlimm, aber auch gut, ich weiß es nicht, und doch fehlt es mir.
In meinen Zwanzigern in Australien war dieses Gefühl noch vorhanden gewesen. Es begann zu schwinden als ich wieder nach Deutschland zurückkehrte. Aber der endgültige Verlust dieses gewissen Lebensgefühls, eines frohen, unbeschwerten Lebensgefühls, war vor ungefähr zehn Jahren eingetreten.
Ich wollte mich daran gewöhnen, ohne dieses Gefühl zu leben. Viele wollten mir die Existenz dieser Empfindung, jenes Gefühls ausreden, einige empfahlen mir eine Therapie. Nie im Leben würde ich eine Therapie machen. Nicht wie die „Fachleute“ sie verstehen. Vielleicht ist es auch einfach das Gesellschaftssystem in Deutschland, der Welt. Ich kann aber das Weltsystem allein nicht verändern, nur daß Meine.
Im Grunde kann ich auch ohne eine Arbeit, oder ein tiefgreifendes Interesse am Wohlergehen meiner Umgebung nicht leben. Hat es damit zu tun? Anfangs habe ich den schleichenden Verlust dieses Gefühls nicht so recht bemerkt, oder ernst genommen. Außer meiner selbständigen Arbeit, habe ich heute nichts wirklich mehr zu tun. Das war mal anders. Arbeiten und sich um die nächste Arbeit kümmern… bis zur Erschöpfung. Was getan wurde, musste getan werden um zu überleben, oder das was ich dafür hielt.
Später habe ich gemerkt, dass ich nicht nur dieses gewisse Etwas, über die Arbeit, sondern darüber auch alles andere vergessen habe, was meine Persönlichkeit, mein Leben, hätte anders formen können. Doch nun suche ich wieder dieses „Etwas“, diese Nuance meiner intimsten wahren Empfindungen, die sich auf den Sinn meines Lebens bezieht. Meinen Lebenssinn. Mein Glück.
Bei der ständigen Wiederholung meiner lebensnotwendigen Arbeit, steht mir nun der Verstand still, mein Leben, meine Seele scheinen mir dabei entrissen. Auch das Privatleben gibt mir meine Arbeitszeit nicht wieder zurück. Herzschmerzen seelisch bedingt, nach meiner Meinung, machen sich immer öfter bemerkbar. „Geh mehr im Freien spazieren“ empfehlen mir Freunde. Ich versuche es mit Arbeiten im Haus und Garten. Ich staune wie wenig daß, im Gegensatz zu früheren Jahren, mein Seelenheil beeinflußt. Ja, das war früher deutlich anders. Früher half mir Arbeit über vieles hinweg. Es ist heute anders.
Das Deprimierende dabei ist, dass ich nicht ohne Arbeit leben kann. Aber auch nicht die Arbeit habe, mit der ich leben kann. Anfangs habe ich gedacht, das Geld sei das „Etwas“. Aber dann habe ich gesehen, dass ich nie die Menge an Geld erarbeiten könnte, die mir die Möglichkeit geben würde, meine Bestimmung im Arbeitsleben zu finden. Ist es denn überhaupt in unserer Welt des Profits zu finden? Seit Jahren dachte ich immer wieder daran, in Dein Land liebe Schwester, nach Australien zurückzukehren, weil ich hoffte Du besäßest jenes „Etwas“. Aber ich konnte mich nie ganz dazu entschließen. Denn auch bei meinem letzten Besuch in Australien, habe ich diese Nuance dort bei Dir, nicht wiederfinden können. Ich habe gesucht. Weder dort ist dieses Etwas noch hier. Das ist fatal. Denn ohne dieses Etwas zu sein, ohne diese kleine Nuance meines Wesens, werde ich ständig kränker. Wenn ich doch nur mir selbst erklären könnte, was dieses „Etwas“ ist, fragte ich mich lange.
Es scheint etwas, das wie Lachen, wie Feuer und Wasser zugleich, wie Leben triefend nass, früher in mein Herz einfloss. Doch ich weiß weder genau, was es war noch ist, noch kann ich es in mir wiedererfinden. Hätte ich diese unscheinbare Art meines Charakters erst gar nicht gekannt, wäre ich heute nicht so traurig und würde mich heute nahezu vor lauter Grübelei darum in Stücke reißen. Doch ich weiß, bis vor zehn Jahren habe ich dieses Etwas noch in mir getragen.
Es ist fast, als stände ich wieder wie mit einundzwanzig, vor einer beschlagenen Scheibe und versuche krampfhaft hinauszuschauen. Doch es scheint nicht so als würde ich durch die beschlagene Scheibe etwas deutlich sehen können. Ist es denn so schwer, die Scheibe frei zu wischen, oder muss ich wieder darauf warten bis sie sich von selbst klärt? „Öffne den umwölkten Blick?“ Oder ist der Verlust dieser, meiner Wesensart nur der Preis des Alterns? Soll die Lust am Leben damit absterben um mich bereit zu machen für den Tod?
Warum? Warum nicht lustvoll sterben? Warum nicht lächelnd sterben? Warum nicht ungern, aber trotzdem lächelnd sterben, gerade auch dann, wenn man weiß dass es unausweichlich ist? Doch ich möchte nicht ohne dieses Etwas, dieser feinen Art meines Wesens sterben. Ich möchte nicht sterben ohne klar zu sehen, und verborgen hinter einer beschlagenen Scheibe sterben. Die Sonne soll hell scheinen – nicht unbedingt vom Himmel, aber in mir soll sie sein.
Als ich nun vorgestern erwachte, war etwas mit mir geschehen. Ich war ganz ruhig, ganz voller Lächeln, und plötzlich voller neuer Frechheiten.
„Hey Peter, was ist los mit dir, mit einmal?“ Dachte ich. Ich stand auf, mein Rheuma war fast nicht mehr zu spüren. Mein Herz schlug kräftig. Dabei hatte ich doch gestern mit Essen und Rotwein schwer gesündigt. Was war es, diese seltsame spitzbübische Freude? Lebensmut durchfloss mich, wenn auch eine ganz anderer als jener mit einundzwanzig. Sanfter, sicherer, beständiger. Ich richtete mich auf und ich meinte die Sonne schiene. Doch sie war noch hinter den Wolken. In mir wuchs sie aber schon hell und klar an meinem Seelenfirmament empor. Was hat das wohl wieder zu bedeuten, fragte ich mich. Was für einen Trick hat sich da meine Psyche ausgedacht? Ich stand auf und stellte mich neben das Bett und schaute auf die Wiese. Aber mir war, als stände ich lachend neben mir. Dann sah ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe und es grinste mich an wie nie zuvor. Und ich erinnerte mich an den Tag zuvor, wo ich mich beim Fernsehen behäbig und saturiert im Sessel hatte sitzen sehen, im Spiegelbild der Mattscheibe. Ich war etwas erschrocken aufgesprungen und bestürzt ins Bett gekrochen.
Aber heute? Ja, alt fand ich mich noch immer, nicht nur an Jahren. Achtundsechzig und doch sterblich. Das hatte ich nicht erwartet, mit zweiundzwanzig. Dass das so ist, wusste ich bis zweiundvierzig nicht. Sterblich zu sein meine ich. Trotz meiner Selbstmordversuche in der Jugend. Ja, um alles in der Welt, was war es denn heute mit mir? Plötzlich war ich froh meinen eigenen Lebensweg gegangen zu sein. Ein wenig beschrittener Weg.
Lachender Verfall blickte mich nun an. Der alte Hermann Hesse und alles stirbt gern! Ja, das war es. Sterben müssen. Wissen das man sterben muss. Ganz genau wissen wollen dass man sterben wird. Du stirbst, er stirbt, sie stirbt, wir sterben, ihr sterbt – ich habe regelgerechtes, grammatikalisches Schreiben, wie mein Leben; und dessen Deklinationen nie perfekt gekonnt, gemocht schon.
Doch dessen ungeachtet, will ich mein Sterben nun durch deklinieren, ich will nun auch sterben, wenn es denn schon alle tun, dann auch ich. Ich will keine Ausnahme mehr sein und ich will auch keine Extrawurst, was den Zeitpunkt betrifft. Einen kleinen kindischen Wunsch hätte ich aber schon – ich möchte gesund sterben. Das klingt zum Lachen, ich weiß.
Und wenn schon. Sterben ist schön! Ja wirklich, sterben ist schön und der Tod ist ein gutaussehender Mensch. Sterben ist auch deshalb schön, weil der Tod keine Ausnahme macht. Diese Nuance, dieses Etwas habe ich so lange gesucht? Ja, man wird mich auslachen – es ist so. Nun kann ich aufatmen und weiterleben. Ja, richtig vernommen Schwester:
weiterleben.
Der Tod gibt mir Freiheit, denn was ist alles auf dieser Welt Angesichts des Todes? Kirchen und Religionen, Leben nach oder vor dem Tode, der sogenannte Messias, alles, aber auch alles stürzt, links und rechts neben mir zusammen, alles Theaterkulisse. Der Tod ist ein höheres Wesen, nennen wir es Gott oder sonstwie. Hier auf Erden sind wir zu unserer Freude, die wir ohne Leiden nicht erkennen könnten. Um dieses „Etwas“ wußte ich mit siebzehn, das hatte ich verloren. Nun habe ich es wieder nach einem ganzen Leben. Vielleicht hätte ich mein Leben aber so wie ich es gelebt habe, nicht leben können, hätte ich dieses Etwas nicht auf meiner Lebensreise verloren. Mit siebzehn bereitete mir dieses Etwas Schmerzen, nun zeigt es mir die Freude am Leben.
Du, meine liebe Schwester Marianne, hast es gewusst. Da ist vieles was uns Freude machen kann, mehr als Leid. In diese Freude gehört aber wiederum eine kleine liebende Lebensart, ein kostbarer Wermutstropfen am Schluss und das ist die Romanze mit dem Tod. Du, geliebte Schwester, hast diese Romanze gesucht und gefunden. Sie liegt schon dreißig Jahre hinter dir und der Brief wird zu mir zurückkommen, mit dem Vermerk:
Adressat unbekannt verzogen.
Das macht nichts. Ich stecke ihn trotzdem in den Briefkasten und werde ihn erstaunt empfangen, aufreißen und lesen, wenn er denn wieder zu mir zurückkommt. Doch ich habe das „Etwas“ wieder – nun erst bin ich wieder frei zu leben. Wie unsere Mutter zu mir in einem längst vergangenem Traum sprach: „Peter, mein Sohn, du willst wissen was Glück ist? Dann lebe gern und sterbe gern.“
Sie wollte wohl damit sagen: Du musst einfach leben wollen, bis du abgerufen wirst, wie meine Schwester, mein Bruder wie sie selbst und mein Vater, wie Freunde, gute Bekannte und alle Menschen die vor mir auf und davon sind und dort im Unendlichen, durchs Universum tanzen, irgendwo mir vielleicht die Wohnung bereiten. Das ist Glück. Denn, daß meine Schwester Marianne; und alle anderen nicht wiederkehrten, zeigt mir doch, daß es dort so schlimm nicht sein kann. So liebe Schwester Marianne, höre ich unsere Mutter sagen. Ja, dein Bruder hört sie und grüßt dich von Herzen, Marianne.

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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