Blogger beschimpfen Blogger


Blogger beschimpfen Blogger
Ich liebe einen guten Hasser.
Aber die Weiber sind die Besten – Scheiß Männer…

Orthographisch korrekte Beschimpfungen werden in Kommentaren von Bloggerinnen und Blogger oft ignoriert. Der Begriff „Beschimpfungen“ stimmt auch nicht ganz. Denn was Bloggerinnen und Blogger da untereinander austragen, ist oft mehr als nur willkürliche Beschimpfung, in vielen Fällen.
Das hängt auch mit der Lust zusammen, dass da endlich einmal ein Blogger, oft subtil und durchaus boshaft und oft auch nicht sublimiert auf einen anderen Kommentator losschlägt, und man selbst als Leser händereibend-voyeuristisch dabei sein darf.

Freud meint: „Ein Fest ist die Durchbrechung eines Verbots – eine manchmal feierliche, manchmal kalkuliert formlose Durchbrechung.“ Tabus werden oft und gerne von den Bloggern durchbrochen, gerade von Bloggern, die wie Inbegriffe der artigen Vergeistigung und des Feinsinns gelten und sich gefälligst auch so aufzuführen haben. Denn sie stehen ja noch immer – ‚irgendwie‘ – fürs Gute, Schöne und Wahre.
„Man“ ist empört wenn gerade sie sich öffentlich „böse“ aufführen, so selbstverständlich gemein, verlogen und rücksichtslos wie etwa Politiker, von denen wir es ja gar nicht anders erwarten.

Aber auch der „nette“ gesunde Mensch hat eine gehörige Portion Aggressivität in sich und die erscheint nirgends ohne Voraussetzung und taucht kaum je total isoliert und ohne Begründung auf, sondern hat seine Ursache. Selbst dann wenn der Spaß an der Beleidigung bis zur Gemeinheit und Boshaftigkeit reicht, die als Ingredienzen bei echten Beschimpfungen nicht weg zudenken sind, gibt es tiefere Ursachen.

Das übersteigerte Harmoniebedürfnis mancher Mitmenschen ist eine der Ursachen. Ein Schlachtfest der Harmoniesucht zu veranstalten, und als Pfeffer an dieser Mahlzeit sind Boshaftigkeiten unbedingt nötig, wenn sie auch nachdenklich stimmen können, sobald man sie sich auf der Lästerzunge zergehen lässt, aber jeder harmoniesüchtige Mensch sollte dabei bedenken: Begibt man sich in solche „Lästerräume“ muss man in der Lage sein Kröten zu schlucken, sie zu zerkauen und dem Gegenüber wenn nötig wieder ins Gesicht spucken zu können. Es sei denn man übt „vornehme Zurückhaltung“. Dann muss man sich aber fragen lassen: „Was willst Du denn gerade in diesem öffentlichen Raum der Bloggersphäre?“ Oder wie man heutzutage gerne sagt: „Wenn du die Hitze in der Küche nicht verträgst…“

Blogger sollten Literaten sein „wollen“ und keine wortschwachen Plappermäulchen. Sondern wenn man‘s hochgestochen haben will: „kreativitätspsychologische Autoren.“ Denn kaum eine boshafte Beschimpfung ist nur ein Aus-der-Rolle-Fallen oder Ausdruck puren Neids, oder gar ein Nach-Liebe-und-Anerkennung-lechzen, zieht man das Element des Groben ab. Sie sind erfrischend gut lesbar als Attacken im Disput und Bausteine für eine literaturkritische Position, in einer literarisch ästhetischen Argumentation, die gerne auch unterhalb der moralischen Gürtellinie gehen soll. Die Wortwahl macht’s.

Wir Menschen teilen gerne aus, stecken aber ungern ein, und können alle nur wenig Tadel vertrage, aber unendlich viel Lob. Mich hat Lob oft gelangweilt. Und wenn mich jemand kritiklos, einfallslos lobte, der zugleich von einem anderen gelobt wird, der unser Konkurrent ist, so wird das Lob bei mir oft gleich gestrichen: Da wird blitzschnell aus einem Freund der Freund meines Feindes.

Mag der ganze Bloggerzirkus im Internet heutzutage, sich oft auch wie ein großes Freigehege ausnehmen, in der jede Bloggerkrähe ungefähr jeder anderen Krähe in aller Öffentlichkeit (und sei es auch nur in der Heimlichkeit eines vertraulichen Briefes, mit dessen Weitertratschen man doch rechnet) ein Auge aushackt, so sind sie doch ein mehr harmloses Ventil übersteigerter Aggressionen und haben die Funktion der Triebabfuhr auf vergleichsweise harmlose Art. Auch wenn die meisten Gifteleien, Herabsetzungen und Ablehnungen keineswegs halt- und bodenlos sind.
Franz Baermann Steiner, notierte im englischen Exil in den vierziger Jahren:
„Der der deutschen Sprache innewohnende Instinkt scheint sich mit der Polemik nicht zu vertragen.“

Vielleicht hat er recht, denn große Polemik und große Satire gibt es in der deutschen Literatur nur selten. Ich meine es liegt an der gedrückten deutschen Betulichkeit, dies Brav-sein-wollen um jeden Preis. Das macht unser Deutsch nicht interessanter, sondern stellt es auch durchaus in seiner Temperamentlosigkeit in Frage. Was bleibt ist Langeweile.

Man betrachte die spießige Propagierung des ausschließlich Guten – und gar noch auf die sanfte Art des vor Güte tremolierenden „Weltfreundes“, man nennt es heute „die Gutmenschen“. Das klingt böse und soll es auch sein. Dieses Gute ist nicht nur langweilig, sondern verlogen. Denn diese Einstellung verschweigt, dass der Mensch eben nicht rein gut und immer zu kommunikativem Handeln aufgelegt ist, sondern in einem durchaus fruchtbaren und zugegebenen auch nicht immer harmlosen Sinn auf Streit und Auseinandersetzung bis hin zur Nichtigkeitserklärung des Gegners sinnt.

Wenn es in den Blogs, in den Foren, im Internet überhaupt an Aggression fehlt, entsteht jene Limonadenhaftigkeit, jenes bigotte Säuseln, jenes gedrückte moralinsaure, abendländische Murmeln, welches man an der Nachkriegsliteratur, bis sagen wir 1960 massiv beobachten konnte. Das war und ist meine Sache nicht.
Ich stimme hier ausdrücklich Arno Schmidts Maxime im „Literaturkampf“ zu, die da lautet:
„I love a good hater.“

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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