Joe Le Taxi


Joe Le Taxi…
Milliarden Mal für dumm verkauft.
Von Peter A. Bruns

Treffe ich doch auf dem Heider Marktplatz – immerhin mit 4,7 Hektar der größte unbebaute Marktplatz Deutschlands – einen alten Bekannten wieder. Er war und ist noch immer Taxifahrer und er machte gerade Pause. Es war ein warmer Herbstmorgen, kein Markttag und die Sonne schien, die ersten, wenigen bunten Blätter der Bäume wehten umher und wir saßen auf einer der Steinbänke im Marmorrund, in der Mitte eine alte Laterne, im Zentrum des großen Platzes, der, bis auf zwei junge Skatebordkünstler, die sich um uns rum austobten, menschenleer war. Die Skater machten uns nix, das war ja junges Leben und baute uns fast Siebzigjährigen seelisch auf.

„Du fährst noch immer Taxi?“ Er nickt und meint etwas resigniert: „Was soll ich machen? Ich muss.“
Irgendwie, ich kann es nicht verhindern, fangen Menschen mit mir, wenn sie mich lange nicht gesehen haben, übers Geld zu reden an. Ich will das gar nicht, kann und will aber auch keinem vorschreiben worüber er zu reden hat, oder nicht. Also reagiere ich nur, aber das kann auch ärgerliche Folgen haben.
Nach den ersten Sätzen über dies und das, blinzeln wir beide schweigend in die wärmende Herbstsonne und ich bin recht zufrieden mit dem was ich habe und geworden bin, mit Gott und der Welt und lasse „diesen Herrn da oben“ einen guten Mann sein.
In die harmlose Stille, die Spatzen hüpften uns um die Füße, die Skater hatten sich verzogen, sagt mein Bekannter ganz lapidar: „Eine Milliarde, das ist ja nix, oder?“ Überrascht antworte ich mit einem Satz meines einstigen Volksschullehrers: „Eine Milliarde ist eine 1 mit neun Nullen. 1000 Millionen.“ Er schaut mich prüfend an: „Ach ja? Dann bräuchte man ja gar nicht über Milliarden zu reden, Millionen würden ja auch reichen?“
Ich war ja nie gut im Rechnen in der Schule, aber was sich in meinem Portemonnaie befand wusste ich immer. Natürlich befand sich darin niemals 1 Million geschweige denn 1000, ich will damit nur andeuten, dass ich im Schulrechnen wohl schwach war, aber nicht im Wechselgeld ausrechnen, da schaute ich damals auf „Heller und Pfennig“. Aber heute haben wir ja Euro und Cent und ich lasse schon mal ‚nen „Fünfer grade sein“.
„Das mag sein“, antwortete ich, „aber mehr als neun Nullen passen nicht auf meinen Taschenrechner.“
„Ja, eine Milliarde, das war mal was“, sagt mein Bekannter.
Ich wende mich ihm zu, sehe ihn an und frage: „Sag mal, was redest du über Millionen und Milliarden? Hast du im Lotto gewonnen und weißt nicht wohin damit, also ich habe große Taschen“.
Er schaut zu Boden: „Im Gegenteil!“
Ich sehe ihn erstaunt an: „Wie, im Gegenteil?“
„Hast du das nicht gelesen? die Hypo Real Estate will 200 Milliarden in eine Bad Bank auslagern.“

Ich hole tief Luft: „Sag bloß du hast…Lehman?“ Weiter komme ich nicht, er nickt und sagt tonlos: „Alles, alles weg.“ Mir geht durch den Kopf, ich selbst habe nie so viel Geld besessen, das es sich gelohnt hätte, es derart anzulegen wie mein Bekannter und werde etwas ironisch, weil solche Leute wie er, unserer nachfolgenden Generation einen Schuldenberg hinterlassen: „Ach die Merkel und der Ackermann werden für dich schon noch was retten.“
Er sieht mich an und steckt sich eine Zigarette an: „Was soll‘s, fahre ich eben weiter Taxi, bis achtzig, wollte ich sowieso.“ Ich schaue ihn an, er hält mir die Zigaretten hin, ich schüttle den Kopf, „ne ich rauche schon lange nicht mehr“, und setze hinzu: „Warum hast du denn spekuliert, ich meine wofür?“ Und ich denke daran dass Finanzminister Schäuble sich gerade bei unseren Kindern 85,8 Milliarden Euro gepumpt hat. Mein Bekannter macht einen tiefen Zug: „In unserem Ort gab es einen einzigen Millionär, mit Villa und hoher Hecke drum rum. Mit einem Traum-Swimmingpool, und wir Kinder drückten uns oft zwischen den Hecken rum und versuchten einen Blick darauf zu erhaschen“, er machte eine Pause, das hat sich wohl bei mir niedergeschlagen, das wollte ich auch.“
Etwas schadenfroh war ich schon, als ich antwortete: „Einen Pool kann man sich in jedem OBI-Baumarkt zum selber basteln kaufen.“ Er kneift die Augen zusammen: „Dir ist das egal was?“
Ich nicke zustimmend und sage böse: „Wir haben 99 Milliardäre in Deutschland und mehr Millionäre als Gewerkschaftsmitglieder, warum soll ich den Spekulanten eine Träne nachweinen?“
Er steht auf und sagt tonlos: „Tschüss dann auch, ich muss mal weiter“, und geht. Ich überlege kurz und im Aufstehen rufe ich ihm hinterher: „Warte – Joe Le Taxi?“ Er bleibt stehen, dreht sich um und lacht. Dieser Song spielte in seinem Taxi als ich zum ersten Mal mit ihm fuhr, vor zwanzig Jahren. Eine lange Zeit um etwas auf die hohe Kante zu legen.

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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