Karneval in Köln – Fastelovend



Dr Zoch kutt
Von Peter A. Bruns

Den Sinn für Karneval habe ich mit der Muttermilch eingesogen, im Sinne des Wortes, samt Noten vieler damaliger Karnevalslieder. Es war wohl 1949, ich war „plietsche“ sieben Jahre, als ich eine Übertragung im Radio hörte. Unser Radio ein schwarzes Gerät Marke Emud, stand ziemlich hoch auf einem Bord an der Wand, und ich reichte nur heran, wenn ich es lauter drehen wollte – und das wollte ich immer – wenn ich auf das alte, zerschlissene Küchensofa stieg, in unserer Wohnküche in der Schedestraße Hamburg Eppendorf.

Es war 1949 ein Familienereignis, weil es wohl die erste Karnevalsveranstaltung nach dem Zweiten Weltkrieg war und weil meine Mutter von „da unten“ kam. Wie oft hatte sie mir erzählt, was beim Karneval in Köln alles geschah. Sie war zwar in Hattingen an der Ruhr geboren, aber ihre Sippe zog jedesmal zu den „drei tollen Tagen“ nach Köln. Dafür „versetzte“ die Sippe, wenn kein Geld da war, sogar die Betten, das hieß sie brachten sie ins Pfandhaus.
Nach den „drei tollen Tagen“ musste eben härter gearbeitet werden um die Sachen wieder auslösen zu können. So lange behalf man sich in den Betten mit alten französischen Militärdecken, der ehemaligen Besatzer des Ersten Weltkriegs. Meine Mutter konnte notengenau singen und hatte eine „glockenhelle“ Stimme. Das Singen hatte sie in der katholischen Kirche gelernt, erst bei einem Küster, dann in einem Landgasthof, wo sie die Böden schrubbte. Mit Mutter sang ich dann als Knirps bald die ersten Karnevalsschlager, die aus unserem Emud-Radio tönten.

Meine Eltern hatten sich im Ruhrgebiet kennengelernt, nach dem Ersten Weltkrieg. Meinen Vater hatte es an Rhein und Ruhr verschlagen, wo er im Bergwerk arbeitete, bevor er seinem Bruder folgte und auch zur See fuhr, als Bäcker und Konditor. Wilhelmine, meine Mutter und Eduard mein Vater, hatten sich „in der Eisenbahn-Rotte“ kennengelernt. Meine Mutter war dort erst im Straßenbau und später als Bremserin auf einem Güterwaggon. Sie musste, wie viele Frauen damals nach dem Ersten Weltkrieg, Männerarbeit verrichten, bekam aber nur den halben Lohn der Männer.

Mein Vater, folgsamer Sohn meines Großvaters, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, ging keinem Streit aus dem Weg und war mit dem Steiger vor Ort heftig aneinander geraten und musste dafür sechs Monate „um den Berg laufen“, wie man es nannte, laut seiner Erzählung. Auf einer seiner Müßiggänge dann, lernte er dann unsere Mutter, seine Wilhelmine, Henriette kennen. Er als geschniegelt und gebügelter Dandy stand am Rande einer Baugrube, in der meine Mutter „mit Schaufel in die Sande“, wie sie es nannte, mit zwei anderen Frauen, die Schaufel schwang.

Er bändelte frech mit ihr an und weil meine Mutter zurückhaltend war, „obwohl“ katholisch erzogen, kam er täglich wieder, er hatte ja Zeit. Richtig verliebt haben sich meine Eltern um 1923 herum, in der Karnevalszeit und Wilhelmine wurde schwanger. Sie und mein Vater wussten es noch nicht und er reiste zurück nach Hamburg und folgte seinem Bruder August auf See.

Von New York aus, wo ein Onkel meines Vaters hin ausgewandert war und eine Brotfabrik gegründet hatte (ich schwöre es war „Golden Toast“) und in der er seinem Neffen aus Hamburg einen führenden Posten anbot – mein Vater war gelernter Bäcker und Konditor – schrieb Eduard seiner Wilhelmine ins Ruhrgebiet und bat sie, zu ihm nach Amerika zu kommen um dort zu heiraten und schickte ihr Geld, sie solle damit nach Hamburg zu ihrer Schwiegermutter, meiner Großmutter reisen.

Sie schrieb zurück, sie wäre schwanger und sie würde nicht nach Amerika reisen, denn „Wasser hätte keine Balken“. Die Monate vergingen, Eduards beschwörende Liebesbriefe flatterten nach Hattingen an die Ruhr, aus Madagaskar, Valparaíso und sonstwo her, doch Wilhelmine blieb eisern. Oft habe ich später meiner Mutter den Vorwurf gemacht: „In Amerika wären wir nicht arm gewesen!“ Nun, wer weiß es genau?

Doch schließlich wurde die „Frucht ihres Leibes“ unübersehbar. Ihre Mutter war früh gestorben und ihr Vater, mein Großvater, hatte wieder geheiratet. Alles war natürlich streng katholisch und ihre Stiefmutter war der Wilhelmine nicht grün und ihr Vater saß mit der Liebe zu seiner Tochter und jener zu seiner neuen Frau, zwischen den Stühlen.

Kurz entschlossen packte Wilhelmine ihre sieben Sachen und mit dem Segen ihres Vaters, und einem Aufatmen ihrer Stiefmutter, „oh, diese Schande!“ reiste sie mit dem Zug nach Hamburg, wo mein Vater angeblich alles für ihren Empfang brieflich vorbereitet, seine Mutter informiert und alles für sie geregelt hätte. Er hatte ihr auch, das muß zu seiner Ehrenrettung gesagt sein, wiederholt in den Briefen Geld geschickt, sie konnte in „ihrem Zustand“ ja bald nicht mehr „die Schaufel schwingen“.
Doch als sie, hochschwanger auf dem hamburger Hauptbahnhof mit dem Zug „in der dritten Klasse“, aus Köln eintraf, wartete sie lange vergeblich auf „Abholung“, oder auf die von Eduard aus der Ferne angekündigte Schwiegermutter.

Schließlich fragte sie sich durch und landete mit ihrem Koffer und der anderen Last im Bauch, in der Straßenbahn Richtung Eppendorf. Als sie dort in der Erikastraße in einem alten Hinterhaus mit nahezu senkrechter Stiege im zweiten Stock unterm Dach, vor der Wohnungstür ihrer Schwiegermutter stand und klopfte, öffnete sich plötzlich hinter ihr die Tür des Etagenklos und meine Großmutter stand vor ihr und blökte sie an auf Platt: „Büst du de angebuffte Appelkatoolsch? denn sök die man een Hotel.“ Meine Mutter verstand fast nichts und sagte wer sie sei, meinte aber doch das Wort katoolsch, also katholisch herausgehört zu haben. Was das Wort Hotel für sie bedeutete war nicht schwer zu erraten. Schließlich wollte sie ja mal Lehrerin werden, Mathematiklehrerin, wo ihr mein Vater nun einen „Strich durch die Rechnung gemacht hatte“. Sie lernte dann Mathematik, anders als gedacht, auf ganz ursprüngliche Art.

Es lässt sich nicht verschweigen, zu der Zeit als Hamburg noch weitgehend protestantisch war, bedeutete der Ausdruck katoolsch sein auch verrückt sein, „von Sinnen sein“ und hieß aber auch „sauer“ und erbost werden, in Wut geraten und weil meine Mutter weiter bittend in ihrem Ruhrpott-Dialekt auf sie einredete, fauchte meine Großmutter sie an: „Wenn du mi nich in Roh lettst, denn warr ik noch katoolsch!“ Dann hielt sie inne, sah auf den Bauch meiner Mutter, wo ja ihr Enkelkind dem Licht der Welt entgegenfieberte und wohl, da sie selber zwölf Kinder ausgetragen hatte, befahl sie ihr zu warten, verschwand in der Wohnung und kam wieder an die offene Tür und reichte ihr einen Zettel, mit der Adresse einer kleinen Pension, dem „Brahmskeller“, gegenüber der St. Johanniskirche an der Grenze eppendorfs, im besseren Stadtteil Harvestehude. Bevor sie die Tür schloss, zögerte sie dann noch und sagte harsch, aber wie um sich zu entschuldigen: „De Wohnung is lütt, ick have man blots ne lütte Stuv un keen Platz.“ Dann schloss sie die Tür und meine Mutter stieg die steilen Stiegen hinab zu ihrem Pappkoffer.

Im Oktober 1923 kam dann mein ältester Bruder Eduard zur Welt. Mein Vater war inzwischen von See zurück und freute sich über „seinen Karnevalsscherz“. Getauft wurde „der Scherz“ katholisch, das war die Bedingung meiner Mutter die sie stellte, dafür das sie zum protestantischen Glauben konvertierte, um kirchlich heiraten zu können. Und mein Vater fuhr nicht mehr zur See, sondern die hamburger Straßenbahn. Er hatte Glück und durfte oft die Linie 14 fahren, die fuhr runter zum Hafen, zu den bekannten Landungsbrücken. Dort traf er sich in den Pausen oft mit seinem Bruder August, der auch von einer Frau in Hamburg „angebunden“ worden war und nicht mehr zur See fuhr, sondern den Fahrstuhl des Elbtunnels.

Doch das war 1949 über zwanzig Jahre her und inzwischen, nach vielen Fehlgeburten meiner Mutter, gebar sie noch ein Kind der Liebe, meinen Halbbruder Siegfried und meine „ganze“ Schwester Marianne. Die Nummer vier auf der Welt wurde ich.
Wir sechs sangen, wenn es sich zur Karnevalszeit so ergab, mit Mutter und Vater die Karnevalsschlager mit, die laut durch die Wohnküche aus dem Radio klangen. Mein Vater war aus „seinem zweiten Krieg“ zurück und das Kind ihrer ersten Liebe – mein Bruder Eduard, Frucht vom Karneval in Köln 1923 – aus dem Zweiten Weltkrieg.

Meine Mutter übersetzte natürlich alles was wir nicht verstanden. Einen Karnevalsschlager erinnere ich, den sangen wir alle besonders gern: „ Sag ens Blootwoosch“ gesungen von Jupp Schlösser 1948 und damit beende ich meine Zeitreise für heute und freue mich auf alle Karnevalssitzungen, „alle Stunksitzungen“ im richtigen Leben und hier im Internet – und denke dankbar an meine Eltern dabei und meine Geschwister und bin froh auch rheinische Wurzeln zu haben, nicht empfindlich zu sein, sondern empfindsam und in mir keine bittere, oder buchhalterische Krämerseele, sondern mein tolerantes, weites Herz reicht von der Elbe bis an den Rhein und weit darüber hinaus und das hat das Blut meiner Mutter gemacht und ich höre sie singen mit Jupp Schlösser in unserer kargen Wohnküche, wo das Emud-Radio ertönte – es gäbe noch viel zu erzählen… doch ich singe lieber mit…
„Sag ens Blootwoosch…“

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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