Wie viel Erde braucht der Mensch?


Wie viel Erde braucht der Mensch?

Und wie viel Menschen braucht die Erde?

Von Peter A. Bruns

Gestern wurde sie mir erneut gestellt, wie ungezählte Male zuvor, die Frage: „Warum hast du keine Kinder?“ Wenn man mich näher kennt, dann stellt man mir nicht einmal mehr diese Frage, sondern trifft eine Feststellung: „Schade dass gerade Du keine Kinder hast, so wie du mit Kindern umgehst, wärest du ein guter Vater geworden.“ Solche und ähnliche, wohl als Komplimente gemeinte Einschätzungen, höre ich schon siebenundvierzig Jahre lang, seit meiner Volljährigkeit mit einundzwanzig, bis heute, und ein Ende scheint nicht abzusehen. Vielleicht auf meinem Sterbebett, sofern mir dieser gütige Ort zum Sterben vergönnt ist.

Nervt mich nach so vielen Jahren diese Frage? Nein, das tut sie nicht. Ich würde sie zuweilen nur gern beantworten und möglichst auch mit dem Gegenüber darüber diskutieren. Nur, die Fragesteller, ob weiblich oder männlich, wollen in der Regel gar keine Antwort hören. Sie stellen die Frage, wie sie mich auch bei der Begrüßung fragen: „Hallo, wie geht es dir?“ als Floskel und beginnen umgehend, ohne meine Antwort abzuwarten, von sich zu erzählen, ob ich es hören will oder nicht.

Aber hin und wieder kommt es doch vor, dass jemand den Beginn meiner Antwort abwartet, mich mit jenem lächelnden, allwissenden Blick musternd, in der Erwartung, mich mit dieser Kinderfrage in Verlegenheit gebracht zu haben, um nun von mir eine entschuldigende, gestammelte Begründung oder Rechtfertigung zu hören, wobei hinter dem allwissenden Blick, schon seine scheinbar unwiderlegbare Erwiderung auf meine Antwort lauert.

Doch wenn ich dann tief Atem schöpfend, zu antworten beginne und argumentativ ein wenig aushole, erlischt meist die allwissende Selbstsicherheit in den Augen meines Gegenübers und es wird das Thema gewechselt, oder man schürzt vor in Eile zu sein, mit der Bemerkung: „Ach ja, das wäre mal ein interessantes Gespräch, aber ein anderes Mal, im Moment hätte man keine Zeit mehr,“ und verabschiedet sich eilig. An diesen Austausch von Floskeln hatte ich mich schon gewöhnt und in mir türmten sich die Antworten, die ich nie geben durfte, und wurden von Jahr zu Jahr komplexer.

Vor ein paar Tagen nun, begann ich in meiner Wohnung mein Bücherbord umzustellen, an die dem Fenster gegenüberliegende Wand, damit ich die Titel auf den Bücherrücken vom Tageslicht erhellt, deutlicher sehen kann. Wer ein Bücherbord umbaut und sämtliche Bücher ausräumt, zur Hand nimmt, abwägt, ob er dies oder jenes nicht zum Flohmarkt geben soll, oder der örtlichen Bücherei, dem fällt manchmal ein Buch in die Hände, das er kennt, oder auch nicht, oder nicht mehr, das er aufschlägt, einige Zeilen liest, wieder zuklappt oder stehend weiterliest, und Seite für Seite sich festliest, sich vielleicht nach einigen Seiten hinsetzt und das Umräumen einfach eine Weile vergisst und vom Autor, der lange schon im Himmel der Poeten sein mag, plötzlich eingesponnen ist.

So erging es mir mit der Erzählung von Lew Nikolajewitsch Tolstoi, mit dem Titel den ich als Überschrift dieses Textes wählte. Der Inhalt von Tolstois Erzählung hat auf dem ersten Blick nichts mit meinem Entschluss keine Kinder zu zeugen zu tun; und doch, bei tieferer Überlegung sind feine Verbindungen gewoben, denn Kinder zeugen, die Weitergabe der Gene und das Streben der Menschen nach immer mehr Eigentum, fließen zusammen. Denn die Erde, „unsere Erde, meine Erde, deine Erde“ ist ja woraus wir Menschen kommen, gemacht, gestaltet, und geboren wurden.

So stellte sich mir der Titel von Tolstois Erzählung, nach längerer Überlegung in Gedanken um; und hieß nun überraschend: „Wie viele Menschen braucht die Erde?“ und sofort fragte ich mich: „Wie viele?“ und die Antwort lag mir schon auf der Zunge und ich flüsterte: „Gar keine!“

Wenn in der Erzählung, der nach Landbesitz gierige Bauer Pachom, von den Steppenbewohnern angeboten bekommt, so viel Land zu kaufen und sein eigen nennen darf, wie er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu Fuß umrunden kann; und er seine Kräfte in seiner Gier überschätzt, und zuletzt, weil er bei sinkender Sonne noch verzweifelt gerannt ist um sein Ziel zu erreichen, vor Erschöpfung tot zusammenbricht, gibt Tolstoi die Antwort auf die Frage: „wie viel Erde braucht der Mensch?“ mit den Sätzen: „Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte – sechs Ellen -, und scharrte ihn ein.“ Und so ist es, mehr Erde braucht der Mensch nicht, wenn er am Ende ist.

Meine Kinderlosigkeit mit der Überbevölkerung zu begründen oder gar zu entschuldigen, ist mir heute mit achtundsechzig zu oberflächlich. Als ich jünger war argumentierte ich schon mit der Übervölkerung der Erde. Begonnen hat mein Widerstand, Nachkommen zu zeugen, mit meiner Abneigung, das tun zu sollen, was die Masse der Menschen macht: Heiraten, Kinder zeugen, ein braves Eheleben führen und dafür pünktlich seiner Arbeit nachgehen und tausend Pflichten erfüllen. Schon der Gedanke daran erdrückte mich und das Wissen nie mehr nur für mich allein etwas entscheiden zu dürfen. Aufzubrechen, meine Heimat einfach unbeschwert verlassen zu dürfen, lieben zu dürfen wen ich wollte.

Als ich dann eines Tages mit einundzwanzig vor der Entscheidung stand ein Mädchen aus meinem Bekanntenkreis zu heiraten und alle in meiner Umgebung mir zurieten, stand ich eine Weile wie die Maus vor der Lebendfalle, und der Duft des leckeren Stück Speck des Dazugehörens, zog mir in die Nase und ich hatte schon einen Fuß in die Falle getan, da lief mir aus heiterem Himmel die Erkenntnis: „dich all den Verpflichtungen zu unterwerfen, dafür bist du nicht geschaffen“, kalt den Rücken runter und ich wollte so weit wie möglich fort und floh aus dieser Zwangslage und wanderte nach Australien aus. Weiter geht’s auf Erden ja nicht.

In Australien dann, wurde ich von Tag zu Tag ungebundener und freier in all meinen Entscheidungen. Ich war jung und tat was ich konnte und wollte und scherte mich wenig um die herkömmliche Moral der normalen Massenmenschen. Die Jahre vergingen, doch immer wieder und wieder betete man mir vor, welche Erfüllung doch eigene Kinder seien. Ich aber fragte mich: wieso sollen denn nur eigene Kinder die Erfüllung sein? Steckt da nicht ein anderer Drang der Mitmenschen hinter? Wie in der gesamten Tierwelt auch? Die Vererbung der eigenen Gene? „Seht euch den Kleinen an, ganz die Mutter der Vater!“ Wie leuchten da die Augen des Vaters, der Mutter. Dann ein Blick auf mich Kinderlosen und der Satz: „Das kann man nicht verstehen, wenn man keine eigenen Kinder hat!“ So? Warum denn nicht? War ich nicht selbst mal Kind gewesen? Hatte ich keinen liebenden Vater, keine liebende Mutter gehabt? Doch, die hatte ich, denn ich hatte Glück. Das Glück ein Kind der Liebe zu sein, und kein „Rentenfaktor“, keine künstlich befruchtete Eizelle, aus einer Leihmutter geschlüpft. Ein fadenscheiniges, manipuliertes Glück von Menschen, die heutzutage auf Kinder Wert legen, wie auf ihr Eigentum: „Seht das ist mein eigenes Kind!“ und sie meinen ihren Fortpflanzungsdrang. Daneben stehen die Millionen Waisenkinder.

Dann eines Tages, nach vielen Jahren, noch immer kinderlos, liebte aber Kinder wenn sie mir begegneten und behandelte diese erwachenden Seelen mit Achtung und versuchte mich dabei an meine Kindheit zu erinnern. Eines Tages also, besuchte mich im Sommer ein guter Freund in meinem Garten. Ich war am Kartoffeln ernten und als ich aufsah, fiel mir sein T-Shirt auf. Es war unser blauer Planet darauf abgebildet, aber überfüllt mit Menschen, dicht an dicht, und unsere Erde hatte ein Gesicht, ähnlich dem des Mondes, bei dem sich die Erde mit den Worten beklagte: „Ich habe Homosapiens!“ Und der Mond antwortet zuversichtlich lächelnd: „Ach, das geht vorbei!“

Von dem Tag an, begann ich mich mehr für die Übervölkerung der Erde zu interessieren und fühlte mich zugleich wohler in meiner Haut. Denn was heißt es gedankenlos zu zeugen? Was heißt es „ein Kind in die Welt zu setzen“ und sich hernach nicht mehr um es zu sorgen? Was heißt es ein Kind nicht aus Liebe zu zeugen, sondern mit dem Gedanken: „Dann habe ich jemand der mir im Alter nahesteht?“

Es heißt Selbstsucht. Kinder sollten gewollt, erwünscht sein. Frau und Mann müssen sich lieben, und aus dieser Liebe heraus, soll der Wunsch erwachsen, gemeinsam ein neues Leben zu kreieren, werden zu lassen, wenn sie sich umarmen und zueinander sagen: „Komm, wir wollen ein Kind zeugen.“ Wenn ein Mensch geboren wird, sollte er von der Liebe der Eltern umgeben und behütet sein, ein Leben lang.

Diejenigen die sich weiter informieren wollen, möchte ich auf den Systemanalytiker Peter Mersch, Mersch Online AG, Frankfurt am Main aufmerksam machen. Der über das Bevölkerungswachstum einen hervorragenden Artikel geschrieben hat.

http://knol.google.com/k/peter-mersch/bevölkerungsplanung/6u2bxygsjec7/8

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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4 Antworten zu Wie viel Erde braucht der Mensch?

  1. mayarosa schreibt:

    Lieber Peter,
    das war jetzt aber ein weiter Bogen, den du geschlagen hast. Ich verstehe einige der Argumente, die du vorbringst. Und ich verstehe, dass es blöd kommt, wenn jemand sagt, man könne etwas nicht verstehen, weil man keine Kinder hat. So ganz von der Hand zu weisen, ist das Argument aber nicht. Meiner Meinung nach gehört Kinder kriegen in eine Reihe mit Liebeskummer oder Orgasmus. Du kannst darüber lesen, so viel du willst: Wie es sich anfühlt, weißt du erst, wenn du es erlebst.
    LG mayarosa

    • Peter A. Bruns schreibt:

      Denk ich an die Erde in der Nacht…
      Reden wir vom Menschen! Ja, das ist richtig Mayarosa! Ein Mann kann ja eh nicht wirklich „nachfühlen“ wie es sich „anfühlt“ ein Kind zu gebären. Das ist der, vom Mann zu akzeptierende „Vorteil“, den ein weibliches Wesen haben kann, so sie denn ein Kind gebärt.
      Meine Mutter war eine progressive Frau und sprach über solche Dinge mit Gott und der Welt, wenn sie danach gefragt wurde. Sie hatte elf Fehlgeburten und vier gesunde Kinder. Laut ihrer Aussage hat sie sich auf alle gefreut und alle schon „im Mutterleib geliebt“.
      Liebeskummer und Orgasmen hat sie gekannt. Ich auch! Viel wichtiger ist für mich aber, alle Kinder zu lieben. Und daran fehlt es eben oft – bei Vätern, aber auch bei Müttern – obwohl doch gerade die Mütter, wie Du schreibst, „es fühlen müßten“. Zum Glück gibt es Mütter wie Dich.
      Danke für Deinen Kommentar.
      Bützje – Peter

  2. mayarosa schreibt:

    Danke, aber so viel Lob verdiene ich gar nicht. Ich bin eine Mutter wie andere Mütter und Väter auch. Manche Sachen kriege ich ganz cool hin, andere nicht. Ich meinte in meinem Kommentar nicht den Prozess des Gebärens. Sondern Kinder kriegen. Männer kriegen die auch und sind 18 Jahre oder länger verantwortlich für die kleinen und großen Krisen, die sie mit nach Hause bringen. Und selbst wenn sie erwachsen sind, hören Eltern ja nie auf Eltern zu sein.
    Ich kann ja auch nicht nachempfinden, wie es ist, auszuwandern zu emigrieren, alles hinter sich zu lassen und sich in einem fremden Land mit anderen Regeln und einer anderen Sprache eine Existenz aufzubauen.

    • Peter A. Bruns schreibt:

      Wenn ich so lese, was Du über Euren Sohn und Deinem Umgang mit ihm schreibst, denke ich schon daß Du eine „besondere, bedachtere, liebevollere Mutter“ bist, als der „Durchschnitt“.
      Männer kriegen keine Kinder, auch wenn sie „den Samen dafür geben“ und später als Väter „das junge Pflänzchen“ gemeinsam mit der Mutter pflegen, das ist wohl so: Lebenslang für die Kinder da zu sein.
      Meine Mutter sagte oft: „Kinder werden erst wirklich erwachsen wenn die Eltern tot sind.“ Das mag man so sehen, oder anders.
      In Australien traf ich mal eine Mutter in einer Fabrik an der Presse, die gerade mit Mann (beide 50) und Kind (12) aus Deutschland ausgewandert waren um sich drüben ein neues Leben aufzubauen. Sie hatten ein Haus gekauft, das Kind lernte schnell die Sprache und sie waren voller Zuversicht, Optimismus und Elan. Sie waren wohl ein gutes solidarisches Team.
      Ich nehme mal an: Gute Eltern sind in der Mehrzahl, aber es gibt eben doch die Ausnahmen der Regel.

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