Es gibt Sehnsüchte die nicht altern


»Es gibt Sehnsüchte, die nicht altern. Sie werden höchstens einmal, von Zeit zu Zeit unmodern – und dann wieder von Zeit zu Zeit modern. Zu diesen ewig jungen Uralten gehört das Glück«
(Ludwig Marcuse 1972).

Und unsere Sehnsüchte sind das Wichtigste in unserem Leben. Hermann Hesse hat das erkannt und ich bin sein treuer Freund im Geiste.

Unsere Eltern haben uns oft mit Erfolg beigebracht, dass das Leben eine „todernste“ Sache ist, in der kein Platz für Späße und Spontaneität ist. „Sei nicht so kindisch, sonst wirst du nie erwachsen“, mussten sich viele von uns anhören. Aber wir haben nicht immer gut daran getan, erwachsen zu werden und das kleine Mädchen oder den kleinen Jungen in uns verkümmern zu lassen. Astrid Lindgren hat das erkannt und die muntere Pipi Langstrumpf erfunden. Sie hat gut daran getan, die Spontaneität, Neugierde und Abenteuerlust nicht aus unserem Leben zu verbannen, sondern zu befördern, auch wenn’s manchen Erwachsenen gegen den Strich ging.

Leben heißt Spaß haben und Spaß haben kann nur, wer nicht alles so furchtbar ernst nimmt und sich über Zwänge und Normen hinwegsetzt. Auch ich wollte und habe es endlich gelernt. „Spaßgesellschaft“ nennen es abfällig manche Erwachsenen die „seriös“ wirken wollen. Damit habe ich kein Problem, denn diese Leute kennen nicht das Glück das uns praktizierter Unsinn geben kann. Denn das Wort Glück bedeutet jenen Leuten etwas „Todernstes“ und daran gebricht ihnen das wahre Glück, das sie in Lehrbüchern zu finden hoffen.

Es ist heutzutage wieder eine populäre Inflation an Glücksversprechen zu beobachten. Unter einer rauen philosophischen Verbrämung wurde das Glück zur Fabrikmarke und zu einem leicht erwerblichen Heilsversprechen. Philosophisch hingegen kommt das Glück etwas weniger beschwingt daher, und nicht so „simpel“ wie in dem Buch  »Die Glücksformel« des Hirnforschers Stefan Klein aus dem Jahre (2002).

Nicht nur philosophisch, sondern auch praktisch für das Glück und seine Ermöglichung einzutreten, war seit jeher anstößig und machte suspekt. Das erkannte Ludwig Marcuse schon früh.

Ludwig Marcuses Maßstäbe setzender Blick auf die Denker des Glücks und ihre Fragestellungen, wie sie die antike Klassik von den Sophisten bis Epikur, das Glück noch in den Mittelpunkt ihres philosophischen Denkens stellten, wird in Marcuses Vorwort zum Epikur Text ‚Über das Glück‘ wunderbar deutlich.

Doch nach Jahr und Tag seit Augustins Religiosierung des Glücks und schließlich seit Kant die Ethik zur Pflicht erhob, wurde es eingeknickt zum Sollen, und aus der areté wurde eine sittenstrenge beschwerte Tugend. Mit literarisch schnittigem Federzug kennzeichnet Marcuse diesen Wandel, wenn er sagt: »Man hat das Glück gekidnappt und stellt es, wohl verkleidet, als Pflicht vor« (Marcuse 1972, S. 316).

Die Sehnsucht nach dem Glück ist älter als alle Philosophie und der Anspruch auf Glück hat die conditio humana als Traum und Utopie immer bewahrt, denn sie steht schon am Anfang der natürlichen Bewusstwerdung des Menschen.

Im 5. vorchristlichen Jahrhundert schon, hatte Demokrit das Glück bündiger erläutert und eine Trennung von äußerem und innerem Glück formuliert. Mit der Niederschrift »Unsere erste Sorge gilt der Seele, sie ist das Wesentliche am Menschen, der Körper Gefäß oder Werkzeug. Glück wohnt in der Seele« (zit. nach Schmidt 1976, S. 56) hatte dieser weltliche Philosoph den Weg beschritten, auf dem dann Aristoteles in seiner »Nikomachischen Ethik« das antike Glücks-Denken einem endgültigen Höhepunkt entgegenführte. Aristoteles hat es zum Menschenrecht gemacht, »aber um den Preis, daß es Gegenstand von Lernen und Üben, von ‚Askesis’ sei« (Neschke 1997, S. 22).

Womit bei Aristoteles als Einfallstor in das Glück die intellektuelle Mühe, die zur möglichen Erkenntnis führt, angesprochen ist. Materielles Glück, die Frage »Wie werde ich ein Glückspilz«, rangiert bei ihm deutlich hinter dem Bild vom »Glücklichsein«.

Der heute so beständig anzutreffende Begriff »gelungenes Leben« geht auf diesen grandiosen Denker zurück. So findet sich die Glücksausdeutung des Aristoteles wie folgt überliefert:

»Das menschliche Glück besteht in der aktualen Betätigung der besten Fähigkeiten unserer Lebenskraft und der dadurch ausgelösten Freude; Glück ist gelungenes Leben (euzoia) in dem Sinne, daß unser bewußtes, mit allen Lebewesen geteiltes Streben nach Freude verwirklicht wird … Menschliches Glück bedarf nach Aristoteles der Anstrengung, führt aber dann zu einem solchen Höhepunkt des gelingenden Tuns und der Freude über das Tun, daß der Mensch hier seine conditio humana fast überschreiten kann« (ebd., S. 25).

Die Einheit von aktivem und reflektierendem Leben – von vita activa und vita contemplativa – führt (nicht nur bei Aristoteles) zur eudaimonia, zur Glückseligkeit eines gelungenen Lebens, weil der daimon, das gute Licht, in uns leuchtet. Damit ist aber auch die Brücke hergestellt, die Glückseligkeit und Erkenntnisfähigkeit, die Glück und Bildung miteinander verbindet.

 Immanuel Kant, der Skeptiker des Glücks, hat in seinem Werk über die praktische Vernunft für das innere Glück dem Menschen vier Fragen vorgelegt, sie lauten:

Was kann ich wissen?

Was soll ich tun?

Was darf ich hoffen?

Was ist der Mensch?

Diese vier Fragen scheinen mir für die Beziehung von Erkenntnisfähigkeit und Glück, die wichtigsten Konstanten. Gehen wir das Risiko ein, von anderen belächelt zu werden, und haben wir dabei unseren Spaß. Sollen die anderen sich ruhig wie Erwachsene benehmen – und sich langweilen.

Das Wissen, die Herzensbildung gehen voran, motivieren zum Tun, das derweil keine Sicherheit geben kann, nur Selbstvertrauen auf ein geglücktes Leben, in dem dann – vermutlich – das Bild aufblitzt: Das ist der Mensch.

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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14 Antworten zu Es gibt Sehnsüchte die nicht altern

  1. mayarosa schreibt:

    Lieber Peter,
    ich habe den Anfang deines Textes mit Genuss gelesen. Ja, recht hast du. Pipi ist cool. Und Michel auch. Und Ronja, und das Sams, und Tom Sawyer und Huck Finn und die Rote Zora … und Glück ja, das ist eine tiefe Sehnsucht im Menschen. Erleben kann Glück nur, wer auch Unglück kennt. Und irgendwann im Text habe ich den Faden verloren, weil da so viele „schlaue“ Menschen zitiert wurden, dass es mir irgendwann zu anstrengend wurde. Ich konnte oder wollte nicht mehr folgen. Vielleicht hat Maja ja sowas in diese Richtung gemeint. Sorry, für meine Ehrlichkeit. Ich hoffe, sie kommt gut an.
    Liebe Grüße mayarosa

    • Peter A. Bruns schreibt:

      Ehrlichkeit kommt bei mir an. Ich mache es meistens so, wenn irgendwo „viele schlaue Menschen“ zitiert werden, daß ich mir die „vorknöpfe“. Ich lese es nach. Gut, das kann ich nicht immer von jemanden, auch nicht von mir selbst verlangen und tue es auch nicht. Manchmal muß man etwas eine Weile ruhen lassen.
      Wenn jene Maja das gemeint hat, was Du schriebst, hätte sie es dann nicht ebenso schreiben können?

      Du lebst in der Gegend von Köln? Ich las einige Deiner Artikel. Sehr schön, sehr privat, sehr ehrlich, sympathisch und voller Lebensweisheit… Dein kluger Sohn usw.
      Übrigens: Ich kenne Köln beruflich von früher her sehr gut und liebe die Rheinländer als Nordlicht. Gerade vor zwei Wochen war ich dort. Auch wieder beruflich in einer Gasstation, Gaswerk. Danach waren wir mal wieder im schönen Dom und danach im „Früh-Kölsch“ essen. Es war ein sonniger Tag und wir haben viel gelacht. So weit, so gut… Danke für Deinen Kommentar.

  2. mayarosa schreibt:

    Hach, danke für die Blumen 🙂 – freut mich, wenn dir mein Blog gefällt. Komm‘ gerne öfters vorbei und hinterlass‘ ein paar Worte, wenn du magst.
    Ja, ich wohne in Köln. Bin aber ene Immi, wie es op Kölsch heißt. Wobei das in Köln bzw. für die Kölner keine Rolle spielt. Hauptsache, du bist dabei. Dann es allet joot.

    • Peter A. Bruns schreibt:

      Mach ich gern. Es hat ja noch immer jootjegange – oder so – meine Mutter selig, kam aus dem Rheinland, Vater aus Hamburg – schöne Mischung. Bei uns gings früher oft zu wie in der TV-Schow „Mitternachtsspitzen.“

  3. mayarosa schreibt:

    Lach! Kann ich mir vorstellen.

    • Peter A. Bruns schreibt:

      …ja, lach nur – und manchmal wars bei uns „Ein Herz und eine Seele“ – ich meine wie bei Ekel Alfred – Alfred Tetzlaff meine ich… kennst Du sicher nicht mehr, Du bist zu jung… Gruß an Köln!

  4. mayarosa schreibt:

    Oh. Ich wollte keinesfalls etwas verniedlichen. Hatte deine Aussage eher augenzwinkernd aufgefasst. Sorry. LG

    • Peter A. Bruns schreibt:

      Nix „sorry“ – ich habe Dein Augenzwinckern verstanden – ICH sage sorry wenn ich nicht eindeutig geschrieben habe. „Ja, lach nur“ – sollte „witzig“ sein. Du bist schon richtig und passt in die Welt –
      und ich mach‘ gern mal das „Ekel Alfred“ – LOL
      – wie heißt Küßchen noch auf kölsch? Hier – drei Stück – XXX

  5. mayarosa schreibt:

    Äh, danke. Deinen Kommentar hatte ich heute morgen gelesen und schon wieder verdrängt …

    • Peter A. Bruns schreibt:

      Meinst Du den Kommentar, auf den ich, mit meinem Kommentar auf Deinen Artikel in Deinem Blog, über den Castortransport geantwortet habe, mit der Beschreibung meiner Fahrt nach Dannenberg? Äh, was gabs denn da zu verdrängen? Du hast doch völlig recht mit Deinem Artikel. – Ach übrigens ist mir das kölsche Wort „Bützje“ wieder eingefallen… (kicher)

  6. mayarosa schreibt:

    Die hier auf deinem Blog. Nicht wichtig. Schönen Tag.

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