Change Trains at Babylon – Umsteigen in Babylon


Umsteigen in Babylon

von Peter A. Bruns ©

Alle Bilder von Klaus Lehnartz

Im Angedenken an Hermann Hesse.

Es war früher Morgen und Hellmut Ritter stand am Fenster und blinzelte, zufrieden lächelnd, durch den Rauch seiner Zigarette in die Sonne und den blauen, wolkenlosen Himmel. Lange Jahre lebte er verzagt, nur in der Hoffnung auf die Zukunft. Die Gegenwart galt ihm nicht viel. Er fühlte sich oft geistig abwesend. Der Morgen brach an, der Abend, die Nacht kam, ihm erschien alles Leben in seinem Umkreis, wie dem Kurzsichtigen ohne Brille. Er lebte für die Zukunft, auf eine Fata Morgana hin. Das war in den letzten Tagen anders geworden. Er hatte seine irrationalen Hoffnungen aufgegeben, die ihm an jenem Morgen erschienen wie das Warten auf Godot. Er schaute über das Häusermeer in die blaue Ferne. Er spitzte den Mund, die Wangen wurden hohl, tief sog er den Rauch der Zigarette ein. Der Rauch drang in die Lunge. Er rauchte nicht viel. Ihm schwindelt für einen Moment. Wie wäre denn sein Leben, hätte er weiterhin in dieser unbestimmten Hoffnung gelebt? Es wäre ein Traum geblieben und real inhaltslos. Jawohl verdammt inhaltslos. Das Theaterstück „Warten auf Godot“, hatte er mal vor vielen Jahren, im Fernsehen gesehen. Er ging selten ins Theater, doch er sah oft Kultursendungen. Dieses Stück von Samuel Beckett, hatte ihn einerseits zum Lachen gebracht, doch andererseits tief betrübt. Es gehört seit dem in die Welt seiner Gedanken, wie dieser Schauspieler Minetti, in dem Thomas- Bernhardt- Stück, Der Weltverbesserer.

Noch vor Tagen fühlte er sich einsam und nicht in diese Welt gehörig, als er diesen ET- Film sah. Den verstümmelte Satz: „nach Hause telefonieren“, des vom Heimweh kranken Außerirdischen-ET, kannte er lange zuvor. Als Kind schon, hat er sich ähnlich wie ET, gefühlt und das war im Grunde so geblieben. Er machte den Krieg dafür verantwortlich und die Erfahrungen, die er mit Besatzungssoldaten machen musste. Er dachte noch manchmal daran, aber sprach nicht darüber. Es war jedenfalls eine seltsame, unwirtliche Einsamkeit. Doch sein Leben war deshalb nicht trostlos. Oder besser gesagt: Es war nicht ohne Tröstungen, die er durch die Beschäftigung mit der Kunst und Literatur erfuhr, womit er seinen Elfenbeinturm ausgestattet hatte. Heute sieht es anders aus, da überfällt ihn Angst vor dieser alten Einsamkeit in seinem selbstgebauten Elfenbeinturm.

Die Helle dieses alten Elfenbeinturms hat sich, im Laufe der Zeit verdunkelt. Denn es war keine selbstgewählte Einsamkeit – wie er lange glaubte – aber sie beinhaltete ein helles Versprechen. Ein Versprechen, für diese Kasteiung, für dieses Leiden an Einsamkeit eines Tages belohnt zu werden, wenn er es nur verstand auszuharren; und wenn nötig bis zur Todesstunde. Er hatte immer das unbedingte Gefühl nur standhaft bleiben zu müssen, dann würde die Belohnung wie von selbst erfolgen, als die Schlussfolgerung einer Logik, die er zwar nicht nachvollziehen konnte, die es aber – so spürte er – wirklich zu geben schien. Doch immer öfter plagten ihn Zweifel, ob er nicht am Leben vorbei ging, wie es landläufig heißt.

Keine Kinder zu zeugen, war einer der festen Grundsätze die er hatte. Nicht weil er Kinder nicht mochte, im Gegenteil, er liebte sie. Ihm war sehr wohl recht deutlich, dass das, dem Leben gegenüber, eine Verweigerungshaltung, im Sinne der normalen Fortpflanzung war, die, sozusagen, „die Welt im Innersten zusammenhält“. Er wollte eben keine Verantwortung übernehmen für etwas, was er nicht größten Teils selbst kontrollieren konnte und doch brauchte er zum atmen die Souveränität und Zuneigung der anderen.

Er hatte als Kind im Hitlerkrieg und in der Nachkriegszeit, am Leben gelitten, weil seine Souveränität beschnitten war und fühlt sich deshalb heute nicht befugt, ein ihm unbekanntes Wesen ins Leben zu rufen und ebenso leiden zu lassen, wie er gelitten hat. Er denkt so, weil er sich nicht in der Lage sieht, seine Kinder dem Leben zu überlassen, dem Schicksal anheim zu stellen. Er hat kein Vertrauen in das, was die Menschen sich als Welt geschaffen haben und in das, was die Menschen als Gott bezeichneten, schon gar nicht. Er könnte sich mit dem Gedanken versöhnen seine Kinder der Natur, dem Schicksal anheim zu stellen, aber nicht mit dem Gedanken, seine gezeugten Kinder dem Leben, also den Mitmenschen auszusetzen, weil er ja täglich sieht, wie die Menschen miteinander umgehen und vor allem, wie er selber mit den Menschen manchmal umgeht. Sollen seine Kinder am Leben leiden wie er? Oder zu Kanonenfutter werden? Vergewaltigt, oder einem Raubmord zum Opfer fallen? Da hätte er sein Leben lang ein schlechtes Gewissen. Er hat ja sogar ein schlechtes Gewissen, wenn er daran denkt, wie er selber Tiere, die ihm anvertraut waren, schlecht behandelte. Das schmerzhafte Unwohlsein, das ihn danach plagte, führte dazu, dass er hernach die Tiere mit mehr Respekt als die Menschen behandelte. Allerdings ohne dass er mit ihnen Tisch und Bett teilt. Natürlich schließt das nicht aus, dass er auch mal mit seiner Katze ein kleines Nickerchen macht. Wie Augustinus ist er nun auch wieder nicht.

Einmal, vor zwanzig Jahren in Lyon, hat er ein Zimmer mit einem Säugling teilen müssen, weil nach einer Party, bei einem jungen Ehepaar, keine andere Schlafgelegenheit vorhanden war. Es war ein besonderes Erlebnis für ihn. Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugetan. Er horchte unablässig auf den Atem des Babys und wenn er stockte, fuhr er ängstlich hoch, knipste das Licht an und schaute gebannt nach ihm, so lange, bis es einen tiefen Seufzer tat und danach die regelmäßige Atmung wieder aufnahm. Das ging unzählige Male, die ganze Nacht hindurch. Nein, er will keine Kinder, er hilft jenen, die schon ungefragt in der Welt sind, so gut er kann. Außerdem gibt es mehr als genug Menschen die Kinder zeugen. Er fühlt sich mit Menschen die ähnlich denken, verbunden und durchaus als ein äußerst natürliches, sinnvolles, menschliches Regulativ, auch was das Bevölkerungswachstum betrifft.

Er hat keine Freunde, was er bedauert, nicht mal einen Freund, jedoch, seit einigen Jahren eine Freundin. Doch er fühlt sich von ihr oft eingeengt. Das mit den Freundschaften hat sich nie ergeben. Niemand hat ihm je so recht gepasst. Erlebnisse hatte er schon. Auch sehr schöne, mit Geist und Erotik, doch gab es nie eine Fortsetzung. Er hat wenig Geduld, für den langsamen Aufbau einer Verbindung.

Hellmut Ritter reist gern; und würde er genügend Zeit besitzen, wäre er wohl ständig unterwegs. Reisen ist seine einzige, wirkliche Leidenschaft, neben der Erotik, ohne Zeugungszwang. Dann ist da noch das Lesen. Was das Reisen betrifft, so ist er schon auf allen fünf Kontinenten gewesen. Was das Lesen betrifft, so ist sein Horizont etwas eingeschränkt. Stephen King liest er am liebsten. Jedoch handelt es sich in der Literatur nur um kurze Stippvisiten. Selber zu schreiben traut er sich nicht. Beim Reisen waren seine längsten Aufenthalte, sechs Monate in Australien und zwei vierwöchige Aufenthalte in den USA, wo er sich gerade  wieder befindet.

Er liebt besonders Manhattan und Long Island; und damals 1977, bei seinem ersten USA Aufenthalt, zog es ihn oft nach Montauk, weil die Bahnfahrt so herrlich lang ist. Er konnte aus dem Zug schauen und sich vorstellen wie die Menschen leben und er konnte die Menschen studieren, mit denen er in diesem Vorortzug fuhr. Er fühlte sich dann sehr amerikanisch, was immer er darunter verstand. Aber das war nun 24 Jahre her. Jedenfalls war es nicht das Amerika, welches er durch Stephen King, oder durch Gewaltfilme aus dem Fernsehen heute kennt. Er hat das Land damals, von Küste zu Küste und kreuz und quer durchfahren. Mit den Sorgen und Ängsten des Einzelnen, war es hier nicht viel anders als in Europa, oder sonst wo auf der Welt. Das ist heute noch so. Wenn er damals 1977 am Pen Station, in den Zug Richtung Long Island stieg, verwirrte ihn stets das Umsteigen, wegen einer Banalität. Auf dem Umsteigebahnhof tönte es aus den Lautsprechern: Change Trains at Babylon! Faszinierend fand er das, weil er es irgendwie, auf sich und sein Leben bezog; und eigentlich auch auf den Lauf der Welt, so unsinnig wie es auch scheinen mochte. Er fühlt heute noch so. Er kann sich dem eingebildeten Sinn dieser Ansage, nicht entziehen: Change Trains at Babylon! Seit 1977 ist dieser Satz in seinem Denken, eine unauslöschliche, unendliche Gedankenschleife. Wie jenes „Warten auf Godot“.

Hellmut Ritter steht noch immer still am Fenster und schaut in den Himmel, von dem er, nicht wie viele andere glaubt, er hätte ihm die schönen Stunden der vergangenen Nacht geschenkt. Es gab und gibt für ihn keinen Himmel, sondern nur die Erhellung der Nacht, durch Verbrennen von Materie. Für ihn gibt es kein Leben über den Wolken, noch nach dem Tod. Wenn es einen Gott geben sollte, muss der blödsinnig sein. Das hat er mal aus dem Munde von Marlene Dietrich gehört und als durchaus logisch empfunden.

Langsam dreht er sich um und schaut ins Zimmer, ohne jedoch bewusst die Wirklichkeit wahrzunehmen. Erst als er den schönen Körper, halb entblößt, dort in dem großen Bett liegen sieht, schleicht sich ein verliebtes Lächeln in sein ernstes Gesicht. Es wird ihm wieder alles deutlich. Versonnen, sein alterndes Herz voller Liebe, schaut er ihn an. Oh, verweile noch, du bist so schön! – Oder wie heißt das noch gleich?

„Du kannst mich nicht lieben“. Die Stimme kommt aus den Kissen. Dunkle Augen fixieren Hellmut.

„Doch, ich kann“. Hellmut hat ohne Nachdenken geantwortet.

„Aber ich will nicht von dir geliebt sein“. Die sanfte, etwas dunkle Stimme aus dem Bett, klingt gespielt trotzig.

„Doch, du willst“. Seine Antwort klingt eine Spur zu selbstsicher.

„Nein, denn du kennst mich nicht“. Die Stimme aus den Kissen ist weich und anzüglich.

„Doch, denn ich kenne mich“. Überrascht stellt Hellmut fest, dass es die Wahrheit ist.

„Ich bin nicht wie du“. Doch im Stillen fragt Omar sich: „Wirklich nicht? Warum mag ich dich nur, Alter?“

„Doch, das bist du“. Hellmut lächelt und denkt: „O schöne Überheblichkeit der Jugend.“ Er schaut in das schwache Spiegelbild seines Gesichts in der Scheibe, zieht eine Grimasse und flüstert, albern wie ein Kind: „Auch ich war einst ein Jüngling im lockigem Haar!“

„Ich bin aus einem dir völlig fremden Kulturkreis“. Spricht Omar aus den Kissen. Das stimmt zwar, ist aber für ihn kaum von Belang, oder von religiösem Interesse gewesen. Er hielt sich schon immer für sehr aufgeklärt, trotz seines Glaubens und seiner Herkunft.

Helmut meint etwas überheblich lächelnd:

„Das ist nur angelernt und der Rest ist religiöser Fanatismus“. Was heißt heute schon Kulturkreis denkt er, das ist doch überall nur noch Folklore.

„Das stimmt zwar nicht, aber – nun gut. Ich bin, wie du hoffentlich bemerkt hast, außerdem viel jünger“. Omar verbirgt sein Grinsen im Kissen und er unterdrückt sein aufkommendes Lachen und denkt: Seltsam, warum mag ich gerade dieses Verschrobene an ihm so sehr?

„Auch das ist nur äußerlich“. Hellmut weiß nicht recht wie ernst das Gespräch werden soll. Es ist ihm nicht egal, weil er hofft er könnte diese Bekanntschaft, mit diesem schönen jungen Mann, länger fortführen.

„Du kannst aber wohl nicht ernsthaft bestreiten, dass du um einige Jahrzehnte älter bist?“ Warum sagst du das? Willst du ihn verletzen? Fragt Omars innere Stimme.

„Nicht älter, sondern reifer. Oder hat dir die Nacht mit mir keine Freude gemacht? Ich sehe du lächelst?“ Er hofft dass es echt ist, das weiß man ja bei diesen Menschen aus Afghanistan nicht immer.

„Ja, in der Nacht, in der Dunkelheit, als du mich umfingst, fühltest du dich warm an und voller Liebe und du warst sehr stürmisch, erotisch, wie die Tage zuvor. Du hast mich wahnsinnig erregt. Ich hätte nie geglaubt dass… – verdammt, schau mich nicht so wissend an!“

„Ich liebe dich eben.“ Helmut fragt sich: Liebe ich ihn wirklich, oder ist es nur das Exotische an ihm, seine besondere Hingabe, diese fremdländische Erotik?

„Du kannst mich nicht lieben.“

„Das hatten wir schon geklärt.“ Hellmut schaut ihn begehrlich an.

„Du solltest mich bald verlassen.“ Er verbirgt sein Gesicht im Kissen.

„Meinst du jetzt, nur für heute, oder für immer?“ Hellmut erschrickt vor den eigenen Worten und denkt: Was ist nur los mit ihm?

„Wer kann das wissen.“ Sagt Omar gespielt lapidar. Soll er sich ruhig quälen, der verliebte alte Kerl, denkt er.

„Wie, das weißt du nicht?!“ Mein Gott, grübelt Helmut, was will er nur?

„Drehe dich um und schau aus dem Fenster!“ Sagt Omar. Ob er darauf kommt? Ob ich’s ihm sage? Denkt er. Nein, er will sein versprochenes Schweigen nicht brechen.

„Ja und? Ich schaue.“ Hellmut betet im Stillen: Bitte weise mich nicht ab, nicht jetzt schon.

„Was siehst du?“ Bei Allah, denkt Omar, ich muss es ihm nicht sagen.

„Ich sehe Manhattan.“ Hellmut sieht die Morgensonne in wunderschönen Farben auf den Dächern und an den Häuserwänden blitzend rauf und runter gleiten. Die Wasser des Hudsons schimmern, als hätte eine unsichtbare Hand, unzählige Brillanten darüber hingeworfen.

„Träum nicht in die Ferne Hellmut. Schau hinunter auf die Menschen.“ O Allah, er ist so alt und noch so naiv. Dabei sieht er  dem Schauspieler Bruce Willis ähnlich.

„Tu ich. Sie sind klein und unscheinbar – ich weiß worauf du hinaus willst!“ Hellmut lügt, er weiß es nicht.

„Nein, das weißt du nicht – trotzdem“. Omar schweigt einen Moment, „ich bin sehr froh und zugleich verwirrt, dir begegnet zu sein.“ Was hatte er da gesagt? Wozu ließ er sich hinreißen? Er schließt die Augen. Seine innere Stimme schweigt und bekommt ein ihm ähnliches Gesicht, das ihn schweigend, wissend mustert. Verwirrt öffnet er schnell wieder die Augen und sieht zum Fenster wo dieser alte Deutsche, dieser Bruce Willis Verschnitt, noch immer steht und er spürt Helmuts Angst, ihn zu verlieren. Das gefällt ihm irgendwie. Er hat ihn liebgewonnen, will es ihm aber noch nicht offenbaren. Er liebt seinen Körper, seine ergraute Behaarung. Er ist noch kräftig, Schutz gebend. Er muss mal ein schöner blonder Deutscher gewesen sein. Diese Vorstellung von ihrer Vergangenheit, das ist es was er besonders liebt an älteren Männern. Deshalb fragte er sie auch immer über ihre Jugend aus, und ließ sich wenn möglich alte Fotos von ihnen zeigen. Wenn er dann mit ihnen zusammen war, hatte er oft ein seltsam interessantes, schönes Bild von ihnen. Das Bild des jungen Mannes verwob sich dann mit dem Alten, als würde er ihn seit seiner Jugend kennen. Es erotisierte ihn. Schon in seiner Heimat, im romantischen Bamyantal Afghanistans, hatte er die alten Männer verehrt. Er war als Waise, mit seinem zehn Jahre älteren Bruder, aufgewachsen, den er sehr liebt und der es als Rechtsanwalt und Finanzmakler in New York zu ansehnlichem Wohlstand gebracht hat. Aber der hält sich sehr bedeckt, wenn sein jüngerer Bruder etwas über seine Geschäfte wissen will. Doch es muss ihm sehr gut gehen, denn sonst hätte er sich wohl kaum ein solches Büro, im 90. Stock, des World Trade Centers, leisten können.

Er liebt und braucht seinen Bruder, auch weil dieser die einzige Verbindung in seine Vergangenheit ist. Er, der Ältere hat noch die Eltern gut in Erinnerung und kann von ihnen erzählen. Auch von getöteten Verwandten, erzählt er, und so kann sich der Jüngere ein Bild seiner Familie machen. Sie hatten, bevor sein Bruder zum studieren in die USA ging, noch einige Jahre in Charikar und Kabul gelebt. Gerne erinnerte er sich an eine Reise mit seinem Bruder nach Mazar-e-Sharif. Nicht weil er so sehr gläubig ist, im Gegenteil, sondern weil sie so viel Spaß auf der Reise hatten. Als er seinem Bruder unterwegs sein Leid klagte, über ihre Armut und dem Tod der Eltern, Verwandter und Freunde, hatte der ihm gesagt: “Vollkommen arm ist der, dessen Herz in der Armut schwarz ist“. Das hat er sich zu Herzen genommen.

Es gab nicht einmal mehr Fotos von seinen übrigen drei Geschwistern und auch nicht von seinen Eltern. Seine Familie war einst angesehen, gebildet und eher westlich liberal. Sie waren in alle Winde zerstreut, aber die meisten wurden ermordet oder sind im Widerstand gefallen. All das ging ihm durch den Kopf, bis Hellmut unvermittelt antwortete:

„Das klingt so nach Abschied. Hat dir die eine Nacht mit mir schon gereicht?“ Hellmut ist so unsicher wie nie – oder wie immer, wenn er hofft, Liebesgeschichten würden sich, über den Tag hinaus fortsetzen.

„Ja und nein.“ Sagte Omar. „Wenn der alte, liebe Knabe nur wüsste“, dachte er und schloss kurz die Augen.

„Wovon hängt dein Ja oder Nein ab?“ Leise flüstert Helmut für sich: „Bitte Gott, gebe mir eine Chance!“ Gleich darauf, dachte er lächelnd: Was hatte er denn plötzlich mit Gott am Hut?

„Nicht von mir hängt es ab.“ Sagte Omar. „Natürlich von dir, mach dir nichts vor“, sagt seine innere Stimme.

„Komm schon. Spann einen alten Mann nicht auf die Folter und was lächelst du so seltsam schön – was ist mit dir? Erst soll ich dich verlassen und nun…“

„Bitte komm zu mir ins Bett. Umarme und küsse mich.“

„Ich will erst duschen du…“ O danke Gott, du hast mich erhört, jubelt er innerlich. Schon wieder Gott, er wog bedenklich den Kopf hin und her.

„Nein, lass das blöde Duschen, verschwenden wir keine Zeit damit, komm sofort wieder ins Bett.“ Die Bettdecke ist halb auf den Boden geglitten und der wohlgeformte, braune Körper Omars, zieht Hellmut so sehr an, dass er glaubt seinen Duft wahrzunehmen.

„Warte Omar, ich möchte noch etwas hinausschauen. Letzte Nacht war der Himmel voller Sterne und heute ist er so hellblau, von der Sonne durchtränkt und du, du liegst dort in den hellen Laken von denen sich dein gebräunter Körper so wundervoll abhebt. Einen Moment lass mich diesen Anblick noch genießen.“

„Du alter Träumer bringst mich zum Lachen. Du hättest gut ein Afghanischer Weiser in unserem Bamyantal sein können. Weißt du, ein Derwisch sagte, als er den gestirnten Himmel betrachtete: „O Gott! Wenn das Dach Deines Gefängnisses schon so schön ist, wie schön muss erst das Dach Deines Gartens sein!“ Und er denkt: „Nein, ich darf es ihm noch nicht sagen.“

„Ich komme gleich.“ Doch in Helmuts Kopf klingt es: „Nein, er soll mich erst noch einmal bitten.“ Und Omar tut es unbewusst. Er lächelt wissend und warm klingt seine Stimme:

„Komm zu mir Hellmut, schau mich an, wie ich mich hier für dich hingestreckt habe. Deine Lieblingsstellung!“ Er hat ihm den Rücken zugewandt, denn er will alles tun ihn glücklich zu machen.

„Ganz schön lasziv aufreizend. Man könnte es aber auch die stabile Seitenlage nennen.“ Da er meint diese Liebe habe eine Fortsetzung, wird er wieder froh und frech, so wie Omar ihn liebt.

„Da sind wir uns wohl gleich!“ Omar grinst, freimütig und charmant.

„Haben wir nicht viel zu viel Gleichheit?“ Hellmut spricht so, obwohl er doch gar keine politische Diskussion mit Omar will. Er will Frieden und sanftes Glück mit ihm auskosten. Nicht die Probleme der Welt wälzen. Er fühlt sich zu alt dafür. Die Zeit liegt hinter ihm. Solche Debatten empfindet er nur noch als Verschwendung. Und doch fährt er fort:

„Gustave Flaubert schrieb an Louise Colet: „Was ist Gleichheit anderes als die Verneinung aller Freiheit, alles Höheren und der Natur selbst?“ Doch er meinte damit nicht die materielle Gleichheit, welche die Voraussetzung ist für persönliche Freiheit, aus der nicht jene von den Börsenspekulanten desavouierte Gleichheit entspringt, sondern die größtmögliche Vielfalt.“

Omar hat sich Hellmut zugewandt und halb aufgerichtet, auf seinen rechten Ellenbogen gestützt, sieht er ihn mit seinen dunklen Augen an. Bereit mit ihm zu debattieren. Hellmut kennt Omar, wie gesagt, erst seit drei Tagen, er hat ihn in einer Seitenstraße des Riverside Drive, bei einem Zahnarzt kennen gelernt, den Hellmut von seinem letzten Aufenthalt in New York her kennt. Er war in einem kleinen Hotel „of Broadway“ abgestiegen, hat das Zimmer aber die letzten drei Tage nicht benutzt. Omar wollte ihn nicht fortgehen lassen.

Omar mochte Hellmut von dem Moment an, als er in den Warteraum von Dr. Bloom trat. Hellmut hatte sich auch sofort in Omar verguckt, doch irgendwelche Chancen hatte er sich nicht ausgerechnet. Er sieht zu gut und zu klug aus, sagte er sich resigniert. Doch auf dem zufällig, gemeinsamen Weg, am Ufer des Hudsons, es wurde schon etwas dunkel, hatten sie sich plötzlich umarmt und geküsst. Wie magisch voneinander angezogen, beide nicht wissend wodurch diese Zuneigung hervorgerufen wurde. Und obwohl sie sich erst so kurz kannten, hatten sie neben heißen Debatten über den Zustand der Welt, auch schon einige heiße, sehr stürmische Stunden der Liebe miteinander genossen. Omar hatte ihn dazu in das komfortable Büro, im 90. Stock, des World Finance Centers mitgenommen. Sein Bruder befand sich gerade beruflich in Kalifornien. Das Büro ist recht geräumig und modern und teuer eingerichtet. Dunkles Leder, Mahagoni, Parkett, teure Afghanische Teppiche, Skulpturen und ein breites Wandbett, welches sich aus der dunklen Anbauwand elektrisch heraus schwenken lässt. Dort in den dezenten, pastellfarbenen Seidenlaken, räkelt sich Omar seit drei Nächten für Hellmut. Omar zündet sich eine Zigarette an und erwidert sehr selbstsicher und besonnen:

            „Welche Art von Gleichheit der Börsianer und seines Gleichen meint, ist für mich eindeutig. Ich habe sie durch meinen Bruder kennen gelernt. Der Börsianer meint: „Wir sind als Menschen alle gleich – nur einige sind eben gleicher“.  Nein, wir haben keine Gleichheit, da stimme ich zu! Ich sage das bewusst, weil die Gewalten ungleich verteilt sind und die Humanisten keine Gewalt anwenden können und wollen. Aber ohne Gewalt wird sich nichts Grundsätzliches ändern. Den Spekulanten ist das natürlich ebenso bewusst, und ich fühle mich gelinde gesagt „verschaukelt“, wenn ich solche Äußerungen über Gleichheit höre und lese, von Menschen die es besser wissen sollten. Schließlich habe ich lange genug in deiner Heimatstadt Hamburg studiert.“

Hellmut hat ihm nicht geantwortet und so führt Omar das Gespräch in Richtung Politik fort. Eine gelockte, dunkelbraune Haarsträhne fällt ihm dabei oft in die Stirn und manchmal bläst er sie mit dem Rauch seiner Zigarette zur Seite. Nach kurzem Schweigen, streift er die Asche im Kristallaschenbecher ab und meint, bewusst langsam sprechend:

„Die reichen Arrivierten, sollten es also deiner Meinung nach, nicht zu weit treiben mit ihren Forderungen und „Reden an den kleinen Mann“, und dem „auf die Schippe nehmen“ der kleinen Leute? Oder ihre Scheinheiligkeit zügeln, mit der sie ihre verblasenen Statements über die Armen dieser Welt verbreiten? Und du meinst damit, auch der dümmste Reiche, wird ja wohl nicht die Unkenntnis einer Marie Antoinette für sich reklamieren wollen, oder?“

Omar kichert in sich hinein und verschluckte sich fast am Rauch, als er hinzufügt: „Wohl auch nicht ihr Ende.“ Dann besinnt er sich und schaut Hellmut ernst an und meint:

„Weißt du, dass die mittlere Lebenserwartung in meiner Heimat, bei nur 43 Jahren liegt? Also, Ich halte die meisten reichen Börsianer nicht nur für scharfzüngige, sondern durchaus auch für scharfsinnige, Protagonisten. Erste Verfechter der Steinreichen, unserer freiheitlichen, darwinistischen Marktwirtschaft. Denn sie entsprechen unserem globalen Zeitgeist. Der Bedarf an solchen beinharten „Tatmenschen“, oder besser: Schreibtischtätern, wird offensichtlich, künstlich geweckt. Denn es waren ja alles einmal kleine Jungs und Mädels. Doch ohne ihre Gegenspieler im öffentlichen Leben, deren Reihen sich leider bedenklich lichten, bedeuten sie eine Gefahr für das friedliche soziale Zusammenleben, auf unserem Globus.“

Er raucht einige Sekunden schweigend und fragt:

“Meinst du nicht auch, dass man so betrachtet, die Gewaltbereitschaft und den Terrorismus zumindest verstehen kann?“

Hellmut schaut wieder hinaus als er antwortet, obwohl er lieber über etwas viel intimeres sprechen würde, und sagt:

„Mir wurde aus eigener Anschauung und persönlicher Erfahrung über Jahrzehnte meines Berufslebens, welches bedeutend länger ist als deines, ebenso deutlich, dass sich die Wohlhabenden, die Begüterten, die wirklich reichen Leute einen geistigen Paravent zwischen sich und den wirklich arbeitenden Lohnabhängigen aufstellen, um „das Elend“ nicht sehen zu müssen. Das ist menschlich – aber auch unbedacht, weil es zur Spaltung der Gesellschaft führt. Nach dem Motto des Ehemannes: „Frau mach die Küchentür zu, ich kann dich nicht arbeiten sehen!“ Er dreht sich wieder um, sieht den schönen Omar an und meint:

    „Die Reichen werden kaum wissen, oder wissen wollen, was es für die Lohnabhängigen bedeutet und was es an Aufwand erfordert, auch nur das Papier, auf dem ihre Aktien gedruckt werden, herzustellen. Wüssten sie um diesen Arbeitsablauf und müsste ihn hautnah spüren, sie hätten mehr Mitleid. Vielmehr, sie würden ganz anders denken. Er streicht über den eleganten Fenstervorhang, betrachtete seine sorgfältige Verarbeitung und fährt fort:

„Es ist zeitweise geistig ermüdend, aber man muss es gewissen arrivierten Wohlhabenden, wie kleinen ungezogenen Kindern, wohl ständig ins Gedächtnis rufen: „In der Einkommenssituation zwischen uns Menschen, gibt es eben nicht „zu viel Gleichheit!“ Kein humaner, das heißt, vernünftig, denkender Mensch würde dem widersprechen! Ich jedenfalls warte noch immer auf den klugen Kopf, der mir eingängig verdeutlichen kann, welche menschlichen Gründe es gebieten, dass ein Mensch für seine Arbeit z.B. im Jahr 1,2 Mio. DM als Vergütung erhält und ein anderer 30.000,-DM oder gar nur einen Euro pro Tag? Deinen Bruder eingeschlossen.“

Omar hörte ihm aufmerksam zu und statt zu antworten, fordert er Hellmut auf seinen Gedanken weiter zu entwickeln. Er hört ihm gerne zu. Auch weil ihm seine Stimme gefällt und weil der Sex nach solchen Debatten oder Gesprächen, einfach lustvoller ist. Helmuts Stimme versagt etwas. Er räuspert sich und trinkt einen Schluck Whisky.

„Wenn die Wohlhabenden nicht weiter als Ausbeuter gelten wollen, weil sie durch die Arbeit ihres Nächsten ihr unangemessenes Wohlleben fördern, dann müssen sie erkennen, dass unsere Wirtschaft und Demokratie, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bedeutet und die eigentliche Grundlage unserer heutigen freien Marktwirtschaft ist. Erst wenn sie das erkannt haben, können wir alle damit beginnen uns über eine Veränderung dieser Situation, über eine „Gleich­heit“ und Vielfalt, zwischen den Menschen zu verständigen. Denn es gibt keinerlei Gleichheit zwischen denen die die Produktionsmittel besitzen und den Habenichtsen. Es gibt keine Gleichheit zwischen denen, die die Kastanien aus dem Feuer holen und jenen, die sie verzehren, ohne einen Finger an den „heißen Ofen“ dafür zu legen.“

Er sieht Omar offen an und meint vorsichtig hinzusetzend:

„Schau dich hier in diesem Raum deines Bruders einmal um, oder in diesen zwei Gebäuden überhaupt, Omar. Ist nicht fast alles hier gestohlen? Gestohlen denen die es erschufen?“ Er hob die Hand, um weiterzusprechen, weil Omar einen Einwand machen wollte und spricht etwas lauter weiter:

 „ja, ich verstehe die Motive der Terroristen, und kann doch nicht die Gewaltausübung tolerieren. Ich empfinde auch keine klammheimliche Freude, wenn Menschen ermordet werden, egal ob arm oder reich. Du weißt ich bin ein Kind des Krieges, ich komme aus einer Zeit, wo die Gewalt herrschte. Lassen wir dahingestellt, durch wen sie ausgeübt und in Szene gesetzt wurde, es waren jedenfalls Menschen, die sie verübten. Wir haben doch mit Gewalt genügend Erfahrung gemacht. Empirisch betrachtet. Es gibt für mich keine perfidere Art den Krieg zu verherrlichen, als wenn behauptet wird, er sei der Vater aller Dinge, denn er ist der Mörder aller Seelen.“

Omar drehte sich auf den Bauch, er kennt solche Argumente und denkt ganz anders. Für Sekunden zeigt er seinen runden, behaarten männlichen Hintern, bevor er die Decke rüber zieht und seinen Körper darunter reckt und streckt. Er greift sich ein Buch, das auf einem Mahagonitisch, neben dem Bett liegt. Mit dem Buch in der Hand, setzt er sich auf und lehnt sich an das gepolsterte Kopfende des Bettes. Er sieht für Hellmut – der sich fragt: was zum Teufel debattiere ich hier überhaupt? – zum anbeißen aus. Omar blättert zügig in dem Taschenbuch und sieht Hellmut an, lächelt; und als er die Stelle die er suchte gefunden hat, sagt er:

    „Du glaubst also an die Veränderung des Menschen ohne Gewalt? Ich bin mir da nicht so sicher, aber das liegt wohl an dem Kulturkreis aus dem ich stamme. Ihr im Westen macht Politik als spieltet Ihr Buzkashi. Schau dich doch um in Amerika. Schau sie dir an, diese eingezäunten, reichen Enklaven.“

Hellmut nickt und sagt: „Ich kenne sie, die lassen dort nicht deine eigene Mutter rein, wenn sie nicht angemeldet ist. Aber was sagst du spielen wir? Buzkashi? “

Omar winkt mit dem aufgeschlagenen Buch, lacht und sagt:

„Buzkashi ist ein Torspiel in meiner Heimat, bei dem ein Tierkadaver anstelle eines Balles verwendet wird.“ Omar schweigt und schaut ihn verschmitzt, abwartend an. Hellmut lächelt, und meint etwas bedenklich: „Nun, in der Tat, darüber lässt sich fein sinnieren.“

„Gut, das kennst du nun, also, dann hör zu Hellmut: Der amerikanische Schriftsteller Francis, Scott Fitzgerald sagt hier in seinem Roman „Der große Gatsby“ schon 1925, ich lese es dir  kurz vor: „Lass dir von den Steinreichen erzählen. Sie sind anders als du und ich. Sie haben Besitz und können ihn früh genießen, und das – macht sie weich, wo wir hart sind“.  Das klingt gut, und viele Habenichtse hören es gern, weil sie im Stillen hoffen, auch mal reich zu werden. Es ist ihnen tröstlich, es ist aber falsch. Weil diese Steinreichen eben nicht weich sind, wie man uns glauben macht. Sie sind hart wie Stahl und Stahl kann man nur durch Feuer erweichen.“

Er klappt das Buch zu, sieht ihn ironisch lächelnd an, und meint lapidar:

„Und was den Status meines Bruders betrifft, so glaube ich, dass er sehr viel Nützliches tut. Besonders für einige Menschen in Afghanistan. Er hat die Paschto-Akademie besucht. Die alte Kunst des Geschichtenerzählens blüht in Afghanistan noch immer, was allerdings größtenteils eine Folge des verbreiteten Analphabetentums ist. Die Gesellschaft für Afghanische Geschichte und die Paschto-Akademie haben meinen Bruder gefördert. Er ist auch ein Literat.“ Omars Stimme klingt ein wenig gekränkt. Doch er spricht weiter: „Für meinen Bruder ist Geld nur Mittel zum Zweck. Auch Marx und Engels hätten ohne Geld und Protektion nichts erreicht.“ Omar schaut ihn erwartungsvoll an.

Helmut zieht die Brauen hoch, er hofft dieses Gespräch wird bald enden, er hat im Grunde weniger Schulbildung als Omar. Doch er hat Lebenserfahrung und Grundsätze und so sagt er: „Ich empfehle deinem selbstlosen Bruder dagegen, als nur ein Beispiel, einmal mit mir für einen zehnstündigen Tag, in einer mir gut bekannten Kesselschmiede zu arbeiten, dort zu schweißen, zu schleifen und zu flexen, in Dreck, Staub und Lärm, in engen Stahlbehältern eingezwängt und sich zu vergegenwärtigen, diese Arbeit über Jahre tun zu müssen. Ein Pole verdient dort z.B. 9,80 DM die Stunde, ein Deutscher 27,-DM. Man muss nicht immer nur von den Müllhalden der dritten Welt sprechen.“

Omar drückt die Zigarette aus und nimmt einen Schluck Whisky, bevor er antwortet:

„Die Blicke die Vertreter des Kapitals über die Grenzen werfen und über den großen Teich nach Asien und Amerika, sind ungetrübt von sozialer Fürsorge. Darüber sind wir uns wohl einig. Weder für die Deutschen oder Europäischen Lohnabhängigen, noch für Lohnabhängige weltweit überhaupt, denn sie werden vom Profit bestimmt. Die Protagonisten des Kapitals, die Anwälte der etablierten, steinreichen Familien, die unser aller Schicksal gewalttätig bestimmen, reden viel von Globalisierung und der daraus zwangsläufige zu praktizierenden Anpassung des sozialen Netzes. Doch diese Globalisierung ist nur ein Alibi, ein lächerlicher Popanz, hinter dem sie den Abbau und die letztendliche Privatisierung, des sozialen Systems, betreiben. Ihr seid doch auch in Deutschland voll auf Amerikanisierung eingeschworen. Diese Taktik ist ein alter Hut. Die wirklich Reichen dieser Welt wissen das natürlich. Besonders jene Amerika Gläubigen. Ihr Ziel ist es alle Staaten zu Aktiengesellschaften zu machen. Hört sich doch gut an: Deutschland AG, oder?“

Hellmut schmunzelt und wird ebenso ironisch, und schaut ihn kritisch an. Er weiß von jenen Islamiten, die Wasser predigen und Wein saufen, ebenso wie die Christen und er hofft Omar und sein Bruder sind anders:

„Du meinst also: „wie wenn wir ärmer wären?“

Omar zieht die Brauen hoch und streichelt seine behaarten Schenkel:

„Das alles habe ich schon in der Schule, aus der Geschichte gelernt. Oder ich sollte sagen: ich hatte gute Gelehrte! Aber die Allgemeinbildung unserer Bevölkerung sinkt ja bekanntlich. Nicht nur in Afghanistan, durch den ewigen Krieg, den Stammesfehden, und ausländischer Einmischung, sondern ja auch bei euch in Deutschland. Vorbild sind die USA.“

„Du hast recht!“ Hellmut geht zu Omar ans Bett, küsste ihn aufs Haar und nimmt sich eine Zigarette und als er sie anzündete meint er, während Omar ihm grinsend die flache Hand auf sein Geschlecht presst und er sich mühsam beherrscht:

„Als ich einmal vor Jahren in den USA war, in einem Kaff in Arizona, traf ich dort auf Jugendliche, die mich ernsthaft fragten, ob in Deutschland der Zweite Weltkrieg beendet wäre. Die Auswirkungen auf Jugendliche in Deutschland, was mangelnde Allgemeinbildung betrifft, sind ebenso nicht zu unterschätzen, aber es wird vom Kapital bedenkenlos in Kauf genommen. Der Wahnsinn hat Methode.“

Omar faltete die Hände hinter den Kopf:

„Ich habe ja drei Jahre in Deutschland studiert wie ich dir erzählte, und fand ihr habt dort ein gutes System mit Gewerkschaft und Arbeitgeber, findest du nicht?“

Helmuts Schwanz schwillt im Boxershorts, er dreht sich weg und sagt:

„Die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften – das ist heute nutzlos. Ihre Abkommen Makulatur. Denn beide Verbände sind doch dank latent faschistoider Massenmedien, nur noch Papiertiger. Jeder weiß es, der sich ernsthaft damit beschäftigt.“

„Glaubst du das wirklich Hellmut? Ich hatte einen anderen Eindruck!“

„Na klar, das haben Studenten immer, die nie in einer Fabrik arbeiten mussten! Die kapitalistischen Protagonisten von Wirtschaft und Politik haben sich doch umgehend nach dem zweiten Weltkrieg, und nach der Godesberger SPD-Schamfrist und dem Wirtschaftswunder und dem Verbot der KPD und indem sie ihre schützende Hand über die Nationalde­mokraten hielten, wieder für das weltweite, materialistische Rattenrennen entschieden, bei dem der soziale Konsens nahezu vollends unter die Räder kommen wird. Die Deutsche Amerikanisierung und Globalisierung  hat nicht erst heute begonnen, sie begann bereits mit der zweiten Amtsperiode Adenauers.“

„Und was soll man deiner Meinung nach dagegen tun, ohne Gewalt?“

„Weißt du Omar, Flaubert, den du ja auch kennst, schrieb einmal: „Ich empfinde keinerlei Liebe zum Proletarier und ich habe kein Mitgefühl für sein Elend, aber ich verstehe ihn und teile mit ihm seinen Hass gegen die Reichen.“

Omar senkt die Augen und antwortete ein wenig ernster. Nicht zu ernst, denn er hat vor älteren Männern Respekt. Er der seinen Vater nie kennen gelernt hat, sucht in älteren Männern oft den Vater. Deshalb sagt er vorsichtig, mit besänftigender Stimme:

„Hellmut, ich hege keinen Hass gegen die Reichen im allgemeinen und auch nicht gegen das Amerikanische Kapital im besonderen, aber ich bin doch immer wieder erstaunt, und enttäuscht, mit wie viel skrupelloser Selbstsüchtigkeit, um nicht zu sagen: Habgier, die Welt von Amerika regiert und damit jeglicher humane, menschliche Fortschritt erschwert, oder unmöglich gemacht wird. Dagegen gilt es unermüdlich Front zu machen. Das ist auch die Position meines Bruders, dem du seinen Wohlstand vorwirfst. Oder ist es Neid? Man braucht doch Gewalt, also Kapital, um das Kapital zu schlagen.“ Letzteres hat Omar besonders ironisch betont, um Hellmut zu provozieren. Allerdings glaubt er auch daran.

„O ja Omar, da muss ich etwas weiter ausholen. Denn Neid ist es schon, nur Du fragst nicht wessen Neid? Der Neid steckt auch in den Religionen, aber da sprachen wir ja drüber. Wir sind uns ja beide darüber einig, dass die Einflüsse von Religionen für unsere Meinungsbildung nur eine geringe Rolle spielen. Wir sind wohl beide, wenn überhaupt, eher Theisten, und das ist auch gut so. Doch zurück zum Neid. Aber natürlich ist es der Neid der reichen Krähen, der Topmanager, Toppolitiker, die sich aber zwecks Arterhaltung, nicht die Augen aushacken, wenn es um reiche Pfründe geht. Gerade hier in diesen zwei Türmen, diesen Phallussymbolen der Steinreichen.“

Hellmut war in Rage gekommen und Omar sah es mit Vergnügen und dachte: „Der Alte ist also noch nicht völlig tot und noch beträchtlich mehr, als ein alter geiler Bock. Kein Kadaver mit dem man Buzkashi spielen kann.“ Hellmut bemerkt Omars Lächeln nur am Rande und fährt erregt, ironisch fort:

„Dieser hoch angesiedelte Neid spielt sich natürlich auf einem vornehmeren Niveau ab, als, sagen wir mal zwischen Kanalarbeitern, dort ist es nicht Neid sondern Zorn. Natürlich ist es nicht der Neid der Habenichtse, die ja mit diesen Millionenwerten angeblich nichts zu schaffen haben, weil sie sie ja nur produziert haben und an ihrer eigenen Mittellosigkeit ja selber Schuld sind. Sie sind eben zu dumm und zu schwach, sich nicht um den Wert ihrer Arbeit bringen zu lassen, aus denen jene Millionen der Börsenheinis und Konsorten stammen, die sich auch diese zwei Geldtürme hier, in denen es sich so wunderschön, abgehoben lieben und leben lässt, sich haben errichten lassen, von den Habenichtsen.“

Hellmut greift zitternd nach einer Zigarette, er weiß, dass seine Rede fahrig war, denn er will Omar lieben, nicht mit ihm diskutieren. Doch er sagt:

„Die Arbeitnehmerschaft global gesehen, ist doch derart von den Medien gelähmt und verblödet, dass sich die echten Kapitalisten doch nicht mehr ihres gestohlenen Reichtums schämen müssen. Die Scham ist längst vorbei. Jeder nimmt es doch hin, dass wir in einer vogelfreien Marktwirtschaft leben. Es herrscht die Macht der finanziell Stärkeren, nicht jene der geistig Klügeren, oder gar der produktiv Schaffenden. An vielen Einzelfällen ist zu erkennen, dass unsere Wertebegriffe wieder auf den Kopf gestellt sind. Das rechte Maß ist futsch. Die Tugend der Bescheidenheit hat sich  aufgelöst. Auch, oder gerade angesichts von unermesslicher Armut und der andauernden Kriege und Scharmützel in der Welt.“

Hellmut geht etwas erregt, wieder zum Fenster und schaut von so weit oben über altes Indianerland, über Manhattan, über Amerika:

„Ich bin mir sehr wohl bewusst einer von den unbedeutenden Rufern in der Wüste zu sein und kein Martin Luther, weder jener Ami noch jener Deutsche; kann aber dadurch, weil diese zwei Männer lebten, damit besser leben. Somit bin ich mir sicher, dass sich irgendwann unsere Menschenwelt evolutionär wandelt –  mit oder ohne Gewalt und Terrorismus.“

Omar lächelt ihn an, seine Zuneigung wächst und er sagt:

„Verzeih Alter, aber du sprichst große Worte gar nicht gelassen aus. Sei doch einfach du selbst. Nicht so geschwollen. Weißt du Hellmut, welchen Satz ich in Deutschland auch gelernt habe: „Bedenke Mensch, dass du sterblich bist.“ Er schweigt bewusst einen Augenblick, schaut ihn an, zieht die Brauen hoch, lächelt und setzt hinzu: „Haben wir noch so viel Zeit?“ Hellmut zieht die Schultern hoch: „Wir haben alle Zeit der Welt, wenn wir nur wollen!“ Omar streckt die Hände nach ihm aus. Seine Stimme versagt etwas: „Das ist ein Phrase und du weißt es. Komm setz dich lieber zu mir und liebe mich, das macht mehr Sinn, denn wir sind nur kleine, verletzliche Vorreiter, aber die Menschheit wird irgendwann auf die Ausbeuter, jene Vertreter des Privatkapitalismus und ihre Pilotfische schauen und sie als das betrachten was sie sind: Belächelns werte Anachronisten, ihrer Zeit. Bis dahin allerdings mag noch viel unschuldiges Blut vergossen werden. Doch wen stört das heute noch, bei der Bewertung von DAX und DOW? Und vielleicht ist es morgen unser Blut.“

Hellmut setzt sich neben ihn. Er atmet seinen herben Duft, der etwas wohlriechend, verfälscht ist, von teurem Herrenparfüm. Er betrachtet seinen starken Nacken, um den sich eine massive Goldkette schmiegte. Omar kuschelt sich nackt an ihn und küsst ihn in den Nacken und sie sinken umschlungen aufs Bett und Omar sagt sanft: „Denke nicht nach, liebe mich einfach, wer weiß wie viel Zeit uns bleibt, uns zu lieben, hier in dieser schönen Umgebung!?“

Benommen und verwirrt, hat Hellmut noch immer etwas auf dem Herzen:

„Ja aber, ich denke…“

Doch Omar verschließt ihm den Mund mit seiner braunen, feingliedrigen Hand, die Hellmut küsst, als sie seine Lippen berührt. Und Omar flüstert lächelnd:

„Weil er schweigt, sitzt der Falke auf der Hand des Königs. Weil die Nachtigall singt, ist sie im Käfig eingesperrt.“ „Er lächelt viel, und sagt kluge Worte“, denkt Hellmut. Solche Menschen sind eigentlich gefährlich. Omar leckt sich die Lippen. Dann dreht er sich, anschmiegsam und geil, in Helmuts Schoss, beugt den Kopf in den Nacken, an Helmuts Schulter und schließt die Augen; und seine feuchten, leicht geöffneten Lippen verlangen nach Helmuts Mund.

Hellmut spürt Omars behaarte, warme Backen, zwischen den Lenden und er kann kaum atmen und wird fast verrückt vor Wonne. In ihm wallt eine solch pulsierende, sexuelle Leidenschaft empor, dass er fürchtet sie könne einen Herzinfarkt verursachen. Doch anders als sonst, ist es ihm in diesem Augenblick gleichgültig. Sein Herz schlägt ihm kräftig bis zum Hals. Doch sein Glied wächst weiter, rapide, kerzengerade zwischen Omars feste, behaarte Backen. Er spürt Omars kräftige Hand die seinen dicken, pochenden Schwanz umschließt und einführt; und als seine Eichel eindringt, küsst er endlich Omars Lippen und denkt banal, bevor ihn die Lust den Verstand umnebelt: „Warum ist der Hintern eines Mannes eigentlich immer warm und der einer Frau so kühl?

Omar spürt Helmuts Herzschlag unregelmäßig, doch kräftig gegen sein Schulterblatt pochen. Den Phallus in sich, fühlt er sich von einer alten Furcht befreit, die in ihm gewachsen war, weil er sich früher in seiner Heimat, oft Männern hingeben musste, ohne dass sein Herz dabei war. Das war nun anders. Er schreit auf vor Liebe und Leidenschaft, seine Arme fassen nach hinten, umschließen wild Helmuts Kopf, bedingungslos fordernd küsst er ihn, beißt ihn in die Lippen und er öffnet sein Herz, lässt sich völlig einsinken in den männlichen Schoß und unkontrolliert, lustvoll, spürt er, wie sein Sperma im Phallus emporschießt, in die warme Hand seines Geliebten. Helmuts Schwanz stößt wieder und wieder vor. Dann schreit auch er vor Wonne und presst zugleich Mund und Nase in seine Handfläche. Es duftet nach Leben und schmeckt nach nichts. Doch es ist Leben und er sagt es ihm: „Du bist ich, ich bin du“. Omar murmelt nur: „ Halt deinen süßen Mund Alter.“ Hellmut stöhnt laut. Unerwartet pulsiert sein Sperma in Omar hinein. Er lacht und stöhnt vor Wonne. Was Helmut immer ahnte, weiß er nun. Er wird immer frei sein, wenn er sich für die Liebe entscheidet. Für die Liebe und den Humor. Lachen will er wieder. Wenn es sein muss, auch totlachen. Auch im Angesicht der Gewalt. Er sieht in dieser Welt keinen besseren Weg.

Er schmiegt sich fest an Omar. Beide sind nassgeschwitzt. Ihre Haut klebt aneinander und wenn sie sich voneinander lösen, macht es ein schmatzendes Geräusch. Sie lieben es. Omar wendet ihm sein von Schweißperlen benetztes Gesicht zu, seine braunen Augen sind, ganz dunkel geworden, die Lider halb geschlossen, die langen Wimpern miteinander verklebt; so flüstert er: „Bleib in mir bis ich eingeschlafen bin.“ Hellmut küsst die feuchte Stirn, schmeckt das Salz. Sein Salz der Erde. Seine Lippen gleiten über den geraden Nasenrücken und enden auf dem Mund, der sich langsam öffnet, als seine Zunge sich zwischen die weißen, nicht ganz vollkommenen Zähne drängt. Voller Wonne spielen und tanzen ihre Zungen, miteinander. Hellmut erkundet unermüdlich, Gaumen, Zähne, Wangen, bis Omar einfach vor Ermüdung gähnt; und sich langsam abwendet und bevor er einschläft, sich fest an ihn kuschelt, Helmuts Hand umfasst, sie auf das feuchte, schwarzblaue Haar führt, in dem sein beträchtlicher Schwanz und seine dicken Hoden sich verborgen halten.

Hellmut ist glücklich, mag die Welt da draußen machen was sie will. Er darf heute glücklich sein. So hoch oben über Manhattan, über allem. Was hat Omar ihm zu Beginn ihrer Bekanntschaft, dort unten am Hudson gesagt: „Alle Freude und alles Leid kommt aus uns selbst; alles, was über uns kommt, kommt von uns“.

Und bevor auch er einschläft, schaut er zum Fenster. Omar schnarcht ein wenig, in seinen Armen. Von ihrer Matratzengruft aus, ist von der übrigen Welt nichts zu sehen, nur der weite Himmel; und der ist wolkenlos blau.

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Ende des ersten Abschnittes meines Romans: „Umsteigen in Babylon“

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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