Altersarmut


Mein Leben, meine Peanuts

Peter A. Bruns ein Tatsachenbericht

 

Auf Hein ist verlass. Bei mir hat er, in den vergangenen Jahren, drei Stippvisiten gemacht. Immer auf dem Sprung, sozusagen, denn er ist, trotz seines sagenhaften Alters – keiner weiß wie alt – für seinen Arbeitgeber im Außendienst unverzichtbar und er macht deshalb, mit wenigen Ausnahmen, nur Überraschungsbesuche. Aber sein Erscheinen, ist immer ein Gewinn. Auch ich habe mich stets wie befreit gefühlt, nachdem er gegangen war. Hein zieht keinen vor, er behandelt alle gleich.

Wenn andere, meines Alters und älter, mir von ihren Plänen erzählen, die immer mit Geld verbunden sind, das ich nicht habe, kommt manchmal Hein überraschend vorbei und schaut meinem Gesprächspartner, ohne das der es bemerkt, lächelnd über die Schulter, blinzelt mir zu und nimmt mir so meine Furcht, die sich mit Altersarmut gut umschreiben lässt.

(Links: auf dem Schild fehlt noch mein Name)

Hein grüßt mich nur mit einem Kopfnicken und ich vergesse ihn schnell, weil im Rest des Tages keine Zeit bleibt, für konkrete Auseinandersetzungen mit meiner Zuneigung für ihn und ich kann auch nicht die Energie aufbringen, viele Gedanken daran zu verwenden. Doch sein Lächeln schafft es immer wieder, dieses Armutsgefühl zu vertreiben, wenn es sich vor mich gestellt hat und aufdringlich winkt, wie die Leute, die bei Reportagen immer hinter dem Reporter stehen, dümmlich in die Kamera grinsen, nicht ins Bild passen, aber bis zum Ende der Aufnahme nicht verschwinden. Da und doof.

„Das geht irgendwann vorbei“, sagte gestern ein gutsituierter Bekannter zu mir, als ich auf dem Markt, Kartoffeln und Radieschen kaufte, und kurz im Gespräch mit ihm, meinen Unmut darüber äußerte, dass ich im März nicht weiß, was mich im August erwartet, bzw. ganz simpel, wie ich dann Geld verdiene, mit meinen 67 Jahren und meiner winzigen Rente und wie ich dann die Zahnarztrechnung bezahlen soll, weil meine Genossenschaftsbank meinen Notgroschen verspielt hat, meine „Hilmar-Kopper-Peanuts“. Nicht viel, nur das Geld meiner kleinen Lebensversicherung. Dazu kommt noch die neue Krankenversicherungspflicht für jeden, die sich perfide Politiker ausgedacht haben und deren Beiträge mich zwingen könnten, Sozialhilfe zu beantragen, die ich nicht will. Ist das überhaupt verfassungsgemäß? Aber so gesehen: was gilt unsere Verfassung überhaupt noch? Eigentum verpflichtet. Wessen Eigentum?

„Mein Gott, was jammerst du“ und mein Bekannter zeigte auf das Bund Radieschen, „dann schau sie dir doch von unten an“. Und sein Wohlstandsbauch zitterte, als er schimpfte, „das Risiko gehört doch zum Leben, denk doch an Afrika oder Indien und wie gut du es hier hast, du kannst zum Sozialamt gehen“, sagte er, der pensionierte Beamte, und wandte sich ab und ich konnte deutlich an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass er sich nicht, von mir und meinen Finanzsorgen, in sein gutdotiertes Pensionsdasein spucken lassen wollte.

Ein anderer, ein ehemaliger Verwaltungsangestellter einer Versicherung, meinte, „ich solle doch mal konkret sein, mein Schicksal annehmen und weiterarbeiten, wie der clevere Müntefering richtig sagt, für ein paar Jahre noch und als Nebenjob im Supermarkt Einkaufswagen zusammenschieben, wenn ich keine Sozialhilfe wolle, statt immer von Lebensqualität im Alter zu faseln und eine ausreichende Bürgerrenten für alle, zu fordern“. Nach diesem langen Satz war er, wegen seines Blutdrucks, dunkel rot angelaufen.

Ein anderer Pensionär, ein ehemaliger Abgeordneter der SPD, der sich grad die Mercedes E-Klasse, mit einigem Schnickschnack, für 60.000 Euro bestellt hat, weil Mercedes auf die Abwrackprämie von 2.500 Euro, noch 2.500 drauflegt, meinte ungehalten und dabei stieß er mir nach jeder Silbe, seinen Zeigefinger vor die Brust, „ich wäre genau der Typ Mensch, der kleine Scheinselbständige, der unserem System schon immer geschadet und finanziell zur Last gefallen wäre“.

Da hatte ich nun mein Fett weg. Was sollte ich dazu sagen? Nicht ich, nicht meine Großeltern, nicht meine Urgroßeltern, haben vom Staat je einen Pfennig geschenkt bekommen. Ganz im Gegenteil. Meine Familie hat sich – alles fleißige Handwerker – seit eh und je krumm gearbeitet, und sich immer auf ihre eigenen Peanuts verlassen.

Seit ich diese arrivierten Bürger immer häufiger auf dem Marktplatz und anderswo treffe, sie in den Medien klugscheißen höre und sehe, wobei mir oft beides vergeht, habe ich immer die Zeit meiner Zukunft vor Augen, die noch nicht gefüllt ist mit einem oder mehreren Jobs, um meine Kredite abzuzahlen. Und die flimmern mir dann nervös vor Augen, denn so einen guten Job wie Johannes Heesters beim Autovermieter Sixt, singend „ich brauche keine Millionen“, werde ich wohl nie ergattern. Und was ist wenn ich auch 100 Jahre alt werde, wie Heesters? Eine Horrorvision! Einkaufswagen schieben bis zum umfallen.

Und so bewirken diese Anfälle von Zukunftsangst, diesen besorgten, ausschauhaltenden Blick bei mir, dass ich den alten lahmen Fuß in viele Türen stelle, um an Geld zu kommen. Auch bei guten Freunden, was mein Verhältnis zu ihnen belastet. Und es zeigt, dass „meine Kaste“ immer darauf angewiesen sein wird, nach einem erfüllten Leben als Handwerker, bis ans Lebensende schauen zu müssen, dass sich „etwas ergibt“.

Von Hilmar Kopper, oder seinem Kumpel, Kanzler a.D. Helmut Kohl einen Kredit aus dessen 6 Millionen-Fond zu erhalten, ist gleichermaßen unrealistisch, wie ein Lottogewinn. Vielleicht sollte ich, mit Gleichgesinnten Pläne schmieden, wie man die Geldautomaten einer Bank knacken könnte. Das wäre realistischer. Da gab es doch mal diese Rentnerbande, die die Geldautomaten ausraubten, statt eine Bank zu gründen. Tolle Kerle waren das. Und im Kittchen ist ja stets ein Zimmer frei. Mit Bibliotheksbenutzung. Oder aber man wartet eben brav und bescheiden, bis man mal zum Essen eingeladen wird. Suppenküchen sind für mich allerdings noch Tabu. So weit bin ich noch nicht. Aber wer weiß, was nicht ist … nun, Hungern macht schlank.

Natürlich rechne ich nicht nur „geldgierig“ in Soll und Haben auf meinem Giro-Konto, dazu steht dort das Komma zu weit links. Nicht so beim Kreditkonto. Ich plane vor allen Dingen, notgedrungen, selbständige Arbeitsprojekte, im alten Job, auf dem Bau, auch wenn die Knochen schon mürbe sind.

Denn selbst wenn ich genügend Geld hätte, wie der Milliardär Merckle, könnte ich nicht nur vor mich hin leben, das Geld meiner Lohnabhängigen verprassen, ohne es zu genießen, (welche Verschwendung) und mich dann langweilen und einen braven Lokomotivführer noch ins Unglück stürzen. So selbstsüchtig sein bis zum Tode? Nein, das könnte ich nicht. Das funktioniert nicht bei mir, selbst wenn ich den Geldfaktor komplett ausblenden würde. Vielleicht wäre es für eine kurze Zeit entspannend, ja. Vielleicht könnte ich dann mal den Ansprüchen meiner Begabungen entsprechen. Nach Südfrankreich reisen und dort malen und schreiben. Vielleicht hätte ich dann mal den Kopf dafür, wenn es die finanziellen Umstände zuließen. Vielleicht.

 Ja, viele Dinge laufen schief in unserer Gesellschaft. Das liegt auch an der Veränderung der Kommunikation, die ich noch in meinem Alter, mit den neuen Medien lerne und beobachte. Die Umwandlung alter Wertvorstellungen, wie „anständig leben“. Ein verändertes 1968, mit einer neuen APO, wäre heilsam. Stattdessen gebiert unsere unehrliche Gesellschaft, vernachlässigte, frustrierte Amokläufer.

Die Geldfrage wirft einen großen Schatten. Besonders junge, kluge Lebenskünstler, oft von attac sagen mir „davon musst du dich freimachen“ und ich antworte „wie soll das denn gehen, im Alter, wenn sich die Rechnungen nicht von alleine bezahlen und ich bisher noch nicht in der Lage und der Typ dafür war, Geld beiseite zu legen, weil ich nie genug hatte und man mir dann das Wenige noch raubt?“

Ich jammere nicht, ich sage nur, dass es meine, mir verbleibende Zeit nicht mehr zulässt, Wert darauf zu legen, dass wieder was reinkommt. Somit stecke ich im Alter, in meiner letzten Finanzkrise. Ich habe in meinen 67 Jahren, nicht den Status erreicht, sagen zu können, da läge etwas auf der Kante, in der Schweiz oder anderswo, das mich auch nur über ein paar Monate rettet. Nun stehe ich angeschissen da, obwohl ich mein Geld immer mit produktiver Handarbeit, ohne zu betrügen, wirklich verdiente und natürlich auch Steuern zahlen musste und nicht zu kapp.

Aber mir fehlte immer die Leichtigkeit, die Sorglosigkeit der Staatsbediensteten und der Bankmanager, das Geld anderer Leute, zu veruntreuen. Finanzmanager, die ja immer von der Gewissheit getragen sind, dass sowieso etwas an Spareinlagen eintrudelt, ohne dass sie sich die Hände schmutzig machen müssen. Sinnbildlich gesprochen tun sie das zwar schon, aber … LOL (Internetsprache) Ich musste immer in Lohnarbeitszeiten rechnen und ich muss weiter in Lohnarbeitszeiten rechnen, weil ich von etwas Nützlichem leben will, wenn ich denn anständig leben will.

Und deshalb sehe ich ständig das zuckende Lämpchen im Armaturenbrett meines alten Autos, das immer flimmert und schreit, wenn der Tank leer ist. Lange habe ich gehofft, dass sich mein Leben irgendwann mal so drehen lässt, dass ich wenigstens ab 65 bescheiden, aber unabhängig leben kann und diese beschissene kleine Lampe mal Pause hat, die ja den Zwang ausmacht und nicht die Arbeit. Gott gebe, dass das Lämpchen nicht noch dreiunddreißig Jahre flackert, und mir erst dann die Abwrackprämie winkt. Das wäre zu viel des Guten.

Ein weiterer gut dotierter Pensionär vom Marktplatz meinte dazu, „diese Sicht wäre ihm zu negativ, so zu denken sei ein Armutszeugnis.“ Nun, dieses Zeugnis meiner Armut, habe ich schon als Kind erhalten. Dessen brauche ich mich nicht schämen. Schämen müssten sich die Reichen ihres Reichtums. Auf deren Scham zu warten ist aber sinnlos. Warten?!

Ich habe in meinem Leben stets gerne auf einen Menschen gewartet, mit dem ich verabredet war. Es machte mir nichts aus, sehr lange, „unter einer Normaluhr zu warten“. Ich sah mich währenddessen in der Gegend um. Beobachtete die Passanten, die Dinge, die Fahrzeuge, den Himmel, die Sonne, den Wind, wie er die Blätter treibt, den Regen oder Schnee, nahm mir einfach die Zeit, stillzustehen und nur zu schauen. Ich hatte einen guten Grund zu schauen, denn ich wartete auf einen Menschen. Das war schön, das finde ich heute noch schön. Ich setze mir da kein Zeitlimit. Meine innere Uhr, mein Gefühl für den Menschen, sagt mir, wann ich lange genug gewartet habe. Gute Bekannte kamen schon, weit über die vereinbarte Zeit zu spät zur Verabredung, ganz außer Atem und waren erstaunt mich noch anzutreffen „was, du bist noch hier? Das hätte ich nicht gedacht“, während Hein ihnen plötzlich über die Schulter sieht, und mich anlächelt.

Es ist kein Warten auf Godot, nein, das ist es nicht. Mit vielen lieben Menschen kann ich aber keine Verabredungen mehr treffen, denn Hein hatte, meist ohne dass ich davon etwas ahnte, eine Verabredung mit ihnen getroffen. Sie kamen nicht wieder. Und ich denke, „sie mal an, sie kamen nicht wieder, es muss ihnen also dort, wo sie mit Hein hingingen, gefallen“. Irgendwann wird die Fähre ans andere Ufer auch für mich anlegen.

Das ist auch ein Grund, warum ich gelassen auf meine letzte Verabredung mit Hein warte. Ich warte gern und schaue mich derweil noch etwas in der Gegend um, denn egal wie lange ich warten muss, Hein wird seine Verabredung mit mir auf jeden Fall einhalten. Mit jedem von uns wird er seine Verabredung einhalten. Das mag bitter sein, für die Reichen, aber für mich ist es, erhellend und schön zu wissen. Das hilft mir zu leben.

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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2 Antworten zu Altersarmut

  1. Marina Sellisch schreibt:

    Die Altersarmut wird kommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Leider erkennen das viele einfach nicht oder wollen es nicht erkennen. Jeder sollte sich so schnell wie möglich über Alternativen in Form von Fonds oder Kapitallebensversicherungen informieren. Übrigens, sehr guter Artikel mit Ironie und Witz geschrieben.

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