Lost in France


20. Mai 2006 Lyon.

Als der blausilberne Zug der SNCF im Bahnhof Lyon-Saint-Exupéry einlief, wachte ich auf. Ich war doch eingeschlafen, mein Laptop neben mir hatte sich längst ausgeschaltet, das Fläschchen Rotwein auf der Ablage war leer. Die Türen öffneten sich und der Widerhall der weiblichen französischen Stimme, die ihre Durchsagen sprach und durch die gewaltige, lange, breite und hohe Bahnhofshalle aus Stahl, Glaselementen und Stahlbeton echote, drang gedämpft ins Waggoninnere. Ich stand auf, klappte den Laptop zu, ging zur Tür und streckte den Kopf dann hinaus, wenn gerade niemand einsteigen wollte.

Ich hatte den Bahnhof vor Jahren, auf einer Autoreise nach Südfrankreich, von der Autobahn aus gesehen. Er ist verbunden mit dem gleichnamigen Flughafen von Lyon. Seine Form gleicht einem gewaltigen Vogel, der die Flügel ausbreitet, zum Abheben. Ein spannendes Bauwerk. Lust auszusteigen, verspürte ich dennoch nicht. Ich schaute mich noch einmal um, sah in die Höhe zu den Dachfenstern, dann ging ich zurück und setzte mich auf meinen Platz, legte die Süddeutsche zur Seite und klappte den Laptop wieder auf. Mein Freund Klaus würde sagen: „Herr Konsalik hat eine Inspiration.“

Ich führte ein Journal, ich sage lieber Tagebuch, und sammelte Texte, Einfälle verwegener Art, freies Assoziieren, Texte, die ich unter Namen oder Überschriften abspeicherte, die nur mir etwas sagten. Die Hand vorm Hintern halten war so eine Überschrift, worunter ich schon einiges geschrieben hatte und die mir bei der Ausfahrt des Zuges aus Paris eingefallen war. Als die Buchstaben auf dem Bildschirm, vom Starren und Grübeln, vor meinen Augen zu tanzen anfingen, schaute ich hoch, um einen Gedanken, nachsinnend zu verfolgen.

Mich traf beinahe der Schlag. Vor mir im Gang stand ein wahres Bild von einem Mann.

„Bon jour, Monsieur.“

Von so viel Attraktivität geblendet, stotterte ich:

„Äh, bon jour.“

Da stand dieser dunkle Kerl, etwa vierzig Jahre alt, kurze dunkle Haare, unrasiert, dunkler Anzug, weißes Hemd, drei Knöpfe auf, die rote Krawatte wie eine offene Schlinge, um den kräftigen Hals, dunkle Brusthaare, anmaßender Blick aus blauen Augen, halb geschlossen, lange Wimpern, einer Website für gefährliche Kerle entstiegen. Ich starrte ihn an, mir war egal, was er dachte, den wollte ich mir, wie die Jugend so sagt: reinziehen. Ich war total überwältigt. So ein hochnäsiger, arroganter Scheißkerl. Und doch hätte ich ihn, genau deshalb, wie ein geiler alter Hund gern angesprungen, ihn umarmt, mich durch seine Kleidung bis zu seiner Haut hindurch gewühlt.

Sonst hatte ich bei solchen Typen immer aus Scham weggeschaut, diese Art von feigem Anstand warf ich diesmal über Bord. Ich starrte ihn furchtlos, staunend an, wie ich noch nie jemanden angestarrt hatte. Ich wollte bewusst ein Wagnis eingehen, ihn aggressiv machen, denn in meinem Blick war sicher alles zu lesen, was ich über ihn dachte und was ich von ihm am liebsten gewollt hätte. Gierigen Sex, Sex, Sex.

Schon nach wenigen Augenblicken, nachdem er sich gebückt hatte, um seinen Koffer abzustellen, drehte er, meinen Blick spürend, den Kopf langsam in meine Richtung und seine umränderten, dunklen Augen wurden nur durch das Blau der Iris, in der die dunklen Pupillen mir etwas stechend erschienen, erhellt. Er starrte plötzlich, mit zusammengekniffenen Augen, zurück, stolz aufgerichtet, eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen die Lehne des Sitzes umklammernd. Sein Blick fiel kurz auf die Süddeutsche-Zeitung neben mir, dann ließ er eine harte, heisere, mir offen drohende, aber doch auch erotische Stimme auf Deutsch hören:

„Warum starren Sie mich so unverschämt an, wollen Sie was von mir?“

Einige Fahrgäste schauten zu uns hin, ob des harschen Tons. Ich starrte frech, ungerührt weiter. Der Zug war voller geworden in Lyon, und nur die Sitze mir gegenüber waren beide noch frei, ansonsten waren sie alle, mit wenigstens einen Fahrgast besetzt und er hätte sich neben jemanden setzen müssen, was er aus, welchen Gründen auch immer, wohl nicht wollte.

Er zog einen Laptop aus der Seitentasche seines Gepäcks, legte ihn auf den Sitz und wuchtete dann den Koffer in die Gepäckablage. Er wirkte kräftig und in dem Anzug zeichneten sich seine muskulösen Schenkel deutlich ab. Der Zug fuhr sanft, fast unmerklich wieder an. Wir verließen den Bahnhof Exupéry.

Der dunkle Kerl wollte sich, nach seiner Äußerung, bewusst nicht um mich scheren, das ließ er mich merken. Er dachte wohl, seine Abfuhr hätte die Fronten geklärt, das zeigte er mir deutlich, wie er sich, wie selbstverständlich einrichtete,  seinen Laptop aufklappte und einen Notizblock aus dem Jackett zog. Doch ich hatte in Paris, bei den Pourrats trotz meines Alters etwas Frechheit hinzugelernt. Alter schützt zwar vor Torheit nicht, aber Alter ist auch ein Schutzschild, wenn man sich töricht benimmt, oder bewusst benehmen will. Man muss es nur verstehen und nicht starrsinnig werden, sondern immer schön fröhlich bleiben.

Also starrte ich ihn nicht mehr an, sondern betrachtete ihn nur verstohlener, wenn es sich ergab, sich unsere Blicke begegneten, was ja nicht ausbleiben kann, wenn man sich gegenüber sitzt. Da saß dieser Kerl nun vor mir, in seiner ganzen dunklen Schönheit, eine Schönheit, die auch in seinen Bewegungen lag, und musste sich von mir betrachten lassen wie ein Monet, ein Cézanne, na vielleicht auch Dali, der geile Spanier, der hatte in seiner Jugend auch sehr gut ausgesehen.

Ich scannte mein Gegenüber förmlich ein und speicherte ihn in meiner Hirndatei, sozusagen. Seine Hände etwa, sie waren so sympathisch, so ebenmäßig und kräftig, ohne plump zu wirken. Die sauberen Fingernägel hatten schöne Halbmonde und waren fraglos manikürt. Sicher ruhten seine Füße auch oft im Schoß einer Pediküre.

Er trug glatte, blanke, schwarze Lederschuhe. Handgefertigte. Er spürte meinen betrachtenden Blick nach einer Weile sehr wohl und hob wiederholt langsam den Kopf, sein Blick zeigte nun gefährlichen Zorn, Ich hielt ihm freundlich stand. Seine Augen waren besonders schön, so zornig, eine Boxernase hat er jedenfalls nicht, dachte ich amüsiert. Ich nahm mir vor, mit ihm, wie man sagt: einen auszugucken. Er hatte schnell verloren, starrte fortan auf seinen Bildschirm und versuchte, sich zu konzentrieren. Es sollte ihm nicht gelingen, nahm ich mir vor.

Er machte sich irgendwelche Notizen, riss sie wütend aus dem Block, knüllte sie zusammen und warf sie auf den Sitz, schrieb erneut, riss sie wieder heraus, knüllte sie wieder zusammen, so flogen einige Papierkugeln in Abständen auf die Polster. Dieses für mich neue Spiel begann, mir einen Heidenspaß zu machen. Ich ließ mir Zeit und schaute. Er war wirklich gutaussehend, mit seiner drei-Knöpfe-freien, offenen, behaarten Brust, der roten Krawatte, so unrasiert, der sinnliche feste Mund, die gerade, wohlgestaltete Nase. Kein Nasenhaar wuchs heraus. Seine Ohrläppchen waren ausgeprägt, nicht angewachsen. Angewachsene Ohrläppchen sollen ja starke Sparsamkeit und Kleinlichkeit des Charakters bedeuten. Ich glaubte daran nicht, aber seine waren es nicht. Seine Augenbrauen schienen mir ebenso gepflegt, gezupft.

Er klappte den Laptop auf seinen Knien plötzlich zornig zu, stützte den Ellenbogen darauf und die Stirn in die Hand, den Laptop mit der Rechten umklammernd und schüttelte langsam den Kopf wie jemand, der nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dann drehte er seine goldene Armbanduhr am Handgelenk einige Male hin und her, stützte sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und starrte mich, langsam nickend an und sagte: „O. k., alter Mann, was willst du von mir? Was soll dein Glotzen?“ Endlich, dachte ich und antwortete: „Kennst du die Story, ich glaube von Hesse, wo einem älteren Mann, ein jüngerer im Zug gegenüber sitzt und beide trauen sich nicht, Kontakt miteinander aufzunehmen, und als sich der Ältere endlich dazu durchgerungen hat, steigt der Jüngere aus und verabschiedet sich ganz freundlich, woraus zu erkennen war, dass er gern Kontakt geknüpft hätte, aber es verpasst hat?“

Der Dunkle stützte nun beide Ellenbogen auf, hielt sich, wie betend, die Hände vor den Mund und schüttelte langsam den Kopf dabei.

Hallo Gäste auf meinem Blog. Das war eine weitere Leseprobe, aus meinem Roman „Australia mon amour“

Das Titelbild links, wurde von mir ausgetauscht, erscheint aber noch bei manchen Internet-Buchhändlern. Da ich schöne Erinnerungen daran knüpfe, kann es stehen bleiben. Das publizierte Titelbild ist dagegen etwas eintönig. Ich hoffe, das sagt man nicht vom Inhalt…

es grüßt der Autor

 

 

 

 

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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