Bürgerlied


Bürgerlied 1845

Ob wir rote gelbe Kragen

Ob wir rote, gelbe Kragen
Helme oder Hüte tragen
Stiefel tragen oder Schuh
Oder ob wir Röcke nähen
Und zu Schuhen Drähte drehen
Das tut, das tut nichts dazu.

Ob wir können präsidieren,
Oder müssen Akten schmieren
Ohne Rast und ohne Ruh
Ob wir just Kollegia lesen
Oder aber binden Besen
Das tut, das tut nichts dazu.

Ob wir stolz zu Rosse reiten,
Oder ob zu Fuß wir schreiten,
Fürbaß unser’m Ziele zu.
Ob uns Kreuze vorne schmücken
Oder Kreuze hinten drücken,
Das tut, das tut nichts dazu.

Aber ob wir Neues bauen,
Oder Altes nur verdauen,
Wie das Gras verdaut die Kuh;
Ob wir in der Welt was schaffen,
Oder nur die Welt begaffen,
Das tut, das tut was dazu.

Ob im Kopfe etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
Daß es brennt in einem Nu,
Oder ob wir hinter Mauern
Im dunkeln träge kauern,
Das tut, das tut nichts dazu.

Ob wir rüstig und geschäftig,
Wo es gilt zu wirken kräftig,
Immer tapfer greifen zu;
Oder ob wir schläfrig denken
Gott wird’s wohl im Schlafe schenken,
Das tut, das tut was dazu!

Drum, ihr Bürger, drum, ihr Brüder
Alle eines Bundes Glieder
Was auch jeder von uns tu!
Alle, die dies Lied gesungen,
So die Alten, wie die Jungen,
Tun wir, tun wir was dazu.

Georg Büchner

An die Familie

Straßburg, den 5. April I833

Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzählungen aus Frankfurt. Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen.

Es ist eine blecherne Flinte und ein hölzerner Säbel, womit nur ein Deutscher die Abgeschmacktheit begehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Landstände sind eine Satire auf die gesunde Vernunft, wir können noch ein Säkulum damit herumziehen, und wenn wir die Resultate dann zusammennehmen, so hat das Volk die schönen Reden seiner Vertreter noch immer teurer bezahlt, als der römische Kaiser, der seinem Hofpoeten für zwei gebrochene Verse 20,000 Gulden geben ließ.

Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen?

Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, dies Gesetz ist eine eweige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. Wenn ich an dem, was geschehen, keinen Teil genommen habe und an dem, was vielleicht geschieht, keinen Teil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung, noch aus Furcht, sondern nur weil ich im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblendung Derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf bereites Volk sehen.“


An August Stöber

Darmstadt, d. 9.Dezember 1833

… Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu d. Laternen.“

Dazu passt ein Brief von heute:

Peter A. Bruns,     Datum 29.Juli 2010

Offener Brief von Peter A. Bruns an den ersten Senator der Hansestadt Hamburg.

Mustermann der Politiker von heute.

Genug ist genug! Und nun ist es genug! Wie kommt jemand wie Du, ein Freiherr von Beust dazu, so eine Unverschämtheit zu sagen: „31 Jahre Arbeitsleben, sind genug und nun bist Du Müde und willst Dich Deinem Privatleben widmen? Für den kleinen Mann beginnt das „Rentenalter“ mit 67. Welche negative Chuzpe gehört dazu, im Alter von 55 Jahren, den Bürgerinnen und Bürgern ein so ehrenvolles Amt, in das Du Dich förmlich hineingedrängt hast, vor die Füße zu werfen, mit der Begründung von Amtsmüdigkeit und im Bewusstsein einer Senatspension von, um die 9000 Euro monatlich zu erhalten?

Ich bin 68 Jahre, habe 12 Jahre Rentenbeiträge gezahlt, (Du ja nicht) und erhalte eine Rente von 167 Euro, und will keine staatliche Sozialhilfe und muss daher allerdings noch als Handwerker arbeiten, bis an mein seliges Ende, um leben, um überleben zu können. Du bist amtsmüde freier Herr von Beust? Wie kannst gerade Du Dich erdreisten so zu argumentieren? Gerade Du, der ins Amt kam, mit dubiosen Methoden, ich erinnere nur an Deinen Steigbügelhalter Ronald Schill. Denn ohne diesen abgebrühten Typen und dessen rechtslastiger Partei, hättest Du das ehrenvolle Senatsamt nie bekommen.

Du hast alle Hamburger in die Irre geführt, eines Kindertraumes willen, vom Bürgermeisterspielen. Ich habe Dich von Anfang an beobachtet und erkannt, aber ich habe mir im Laufe der Jahre Deines Aufstiegs gesagt: „Nun gut, er hat das Amt, lassen wir ihn gewähren, vielleicht wird was Vernünftiges daraus.“ Aber dem ist nicht so geworden und alle könnten, sollten es sehen: „Der Gewinn der Welt, wiegt eben nicht den Verlust der Seele auf“. Hamburg hat nun mehr Schulden denn eh und je. Und Du „verehrter“ Freiherr von Beust, hast zuerst Dir und dann dem Ansehen des hamburger Bürgermeisteramtes geschadet.

Meinesgleichen kann es sich schlichtweg nicht leisten „Amtsmüde“ zu sein, denn dann würde ich ganz einfach verhungern. Larme ist das französische Wort für „Träne“ und Du Bürgermeister bist eine. Ich hingegen kann mir Rührseligkeit, Überempfindlichkeit, Wehleidigkeit, Selbstmitleid, Weinerlichkeit, nicht leisten. Keiner aus unserer alten, hamburger Arbeiterfamilie konnte das jemals. Nicht vor, nicht während und nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich kam im Bombenhagel zur Welt, geboren von einer der  tapferen Mütter, aus echtem Schrot und Korn. Du kannst nichts dafür, mit dem silbernen Löffel im Munde geboren zu sein, aber: um so mehr hättest Du die Pflicht gehabt Rückgrat zu zeigen. Einer der so vehement das Amt des hamburger Bürgermeister angestrebt hat, wie Du, hat absolut nicht das Recht es hinzuwerfen aus Larmoyanz. Ein primus inter pares, lateinisch Erster unter Gleichen, oder weiblich prima inter pares – das ist gleich gültig – hat zu seinem Wort zu stehen. Früher wurde vom Rat (seit 1860 Senat genannt) aus dessen Mitte zwei „worthaltende Bürgermeister“ gewählt. Gute alte Zeit. In diesem Sinne lebe wohl.

Lasse es Dir, auch von meinem Steuergeld gutgehen

Peter A. Bruns


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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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