Kleine Erinnerung an Willy Brandt


Kleine Erinnerung an Willy Brandt

(als Politiker noch Persönlichkeiten waren)

Von Peter A. Bruns

Unser Willy, mein Willy Brandt, zur Zeit des Ersten Mai 1972. Verdammt lang, verdammt lang her… Ich war damals in Dortmund, mit meinem Freund auf Montage, im Thyssen-Stahlwerk. Es herrschte eine kämpferische, virile Atmosphäre im Werk, das sich wie ein großer eigener Stadtteil Dortmunds ausdehnte. In den Kneipen, nahe am Werk, war die Empörung darüber, dass dubiose Kräfte Willy aus dem Amt hebeln wollten, auch noch nach dem gescheiterten Misstrauensvotum, sehr groß und schweißte uns Arbeiter zusammen. Am Tag vor dem Ersten Mai, beklebten wir die Plane unseres LKW mit Plakaten und Parolen wie: „Willy muss bleiben“ usw. Die Pförtner wollten und durften uns damit nicht ins Werk fahren lassen. Wir debattierten selbstbewusst mit ihnen und plötzlich waren wir umringt von vielen IG-Metallern und unter Jubel und Hochrufen, ließ man uns doch passieren. Natürlich hatte das später ein Nachspiel bei unserem Chef, der um seine Aufträge bangte.

 Der Erste Mai 72 wurde zu einem großartigen Erlebnis für mich und meinen Kumpel. Wir marschierten gemeinsam unter den IG-Metall- Fahnen, mit den Stahlarbeitern zum Westfalenpark, mit Willy, in einem Pulk von Arbeitern. Die Willy-Rufe sind mir noch im Ohr und wir alle zeigten freimütig, mit glänzenden Augen, unsere Zuneigung. Allen war seine Einmaligkeit bewusst. Wir Arbeiter brauchten ihn. Er und kein anderer sollte unser Kanzler sein. Wir fühlten die drohende Gefahr nahezu körperlich, und kämpften vehement an seiner Seite.

Der „Extremistenbeschluss“ dämpfte später meine Begeisterung und ich verlor „mein Idealbild“ von Willy aus den Augen. Ich schrieb ihm sehr aufgebracht meine Ablehnung und warf ihm meine SPD-Mitgliedschaft sinnbildlich „vor die Füße“. Ich war damals um die 3o und „radikaldemokratisch“. Der Parteivorstand forderte darauf mein Parteibuch zurück. Ich weigerte mich und schwieg. Willy Brandt hatte sich noch durch einen Referenten an meinen damaligen Hamburger Ortsverein gewandt, der auch versuchte mich umzustimmen. Trotzig beharrte ich darauf im Recht zu sein.

Erst 1982/83 wandelte sich meine Einstellung und ich schrieb Willy dass ich damals wohl überreagiert hätte und ja nicht richtig ausgetreten sei, und nicht über alles informiert. Wie auch? Da ich mein Berliner Parteibuch behalten hatte, bekam ich eine sachliche Antwort von einem Referenten, der mich an meinen Ortsverein verwies. Aber in diesem Brief fand ich auch erstaunt, eine unterschriebene „Autogrammkarte“, auf die Willy noch drei Worte hinzugefügt hatte: Machs besser Peter. Doch das ist, wie jeder weiß, nicht so einfach. Heute bin ich achtundsechzig, acht Jahre älter als Willy damals.

Heute, 2010, möchte ihm nachrufen: „Du hattest kein Recht Willy, als du Felipe Gonzáles, vor deinem Tod sagtest: Es scheint, dass die Dinge ohne mich besser gehen…“

Nein, wahrhaftig nicht.

Peter A. Bruns

PS. 2007 bin ich aus der SPD endgültig ausgetreten.

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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Eine Antwort zu Kleine Erinnerung an Willy Brandt

  1. fortylicks schreibt:

    Ja, recht haste, Peter, dass du aus der SPD ausgetreten bist.
    Das ist auch nicht mehr meine Partei. Obwohl ich nie Mitglied war.
    Aber ich komme aus einer „roten“ Arbeiterfamilie, mein Vater SPD-
    Mitglied und Betriebsratsmitglied.
    Als er 2000 starb, ging es schon unter Schröder bergab mit dem
    sozialen Auftrag und mein Vater verfolgte das mit Sorge. Er würde
    sich jetzt wahrscheinlich, wie man so schön sagt „im Grabe umdrehen“.
    Im Moment suchen sie ja wieder ob der steigenden Wählerzahlen
    ihr soziales Gewissen. Aber das liegt wahrscheinlich eher an der
    Stümperei unserer jetzigen Regierung. Politik ist ein schmutziges
    Geschäft und darum bin ich nie bei einer Partei Mitglied geworden,
    jetzt schon gar nicht mehr.

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