ARBEITER WIE WIR


"Dämmung eines Feuerlöschbehälters bei Schenker Hannover"ARBEITER WIE WIR

Fabelhafte Geschichten über Monteure unterwegs.

Peter A. Bruns

Der Karton

Wenn ich mich recht erinnere, war es auf der Baustelle einer Papierfabrik in München. Wie so oft, hatten wir wieder einen Feuerlösch-Behälter für tiefkalte Kohlensäure zu isolieren. Worüber wir uns dabei immer sehr „freuten“ war, wenn der  Behälter, wie auf dieser Baustelle, im Keller lag. Wir mussten alles Material auf engen, rohen Betonkellertreppen, mit provisorischem Geländer, runter schleppen und dabei fiel oft das Licht aus, was den Reiz enorm erhöhte, wenn man mit einer schweren Blechplatte mitten auf der Treppe im Dunkeln stand und nicht sah, wo man hintrat und das Geländer, aus Brettern gezimmert, bedenklich wackelte. Gebrüll und zornige Rufe wie, „macht das beschissene Licht wieder an, ihr Saupreußen, ihr Chinesischen“, hallten dann durch den Bau. Die Bauleitung war aus Hamburg, aber die Bauarbeiter waren aus München, bis auf uns.

Wir waren oft in München auf Montage und freuten uns immer, wenn wir dort einen Auftrag bekamen. Überhaupt fuhren wir gern in den Süden. Südlich der Mainlinie, beginnt ja angeblich die Kultur, wie man uns im Süden versicherte. Eine Montage, egal ob Ober- oder Niederbayern, hatten wir immer gern. Wir mochten es, als „Saupreußen ihr Chinesischen“ angemacht zu werden. „Dreh di um, dann komm i gut bei“. Gaben wir zur Antwort. „Kriegst gleich a Fotzen, du Fischkopf“, kam umgehend die Antwort. Kurz und gut, wir hatten immer schnell herzlichen Kontakt mit Münchnern und Bayern, was ja bekanntlich ein himmelweiter Unterschied ist. Zurück zur Baustelle.

Es war Nachmittag und den Abend zuvor hatte ich, mit meinem Kollegen Klaus, heftig im Wettkampf mit Zweiliter Maßkrügen, im Malteser gezecht, wo wir lieber soffen, als im berühmten Hofbräuhaus und hatten große Portionen Sauerkraut mit Kesselfleisch und Kartoffelpüree verzehrt. Mit dreißig Jahren, hatten wir noch auf alles und jeden, einen Bärenhunger.

Am morgen danach machten sich, in den Tiefen meiner Darmwindungen, der Lebensmittelverarbeitung, nicht zu überhörende, chemische Prozesse bemerkbar. Es bildeten sich extrahierte Gase, denen mein Rückschlagventil auf Dauer nicht standhalten konnte. Von Ventilen hatten wir ja Ahnung. Klaus nahm die Vergasung zeitweilig den Atem, weil die Entlüftung im Raum noch nicht installiert war. Der Raum war außerdem nicht sehr groß und auch ohne meine Gase, feucht und stinkig. Eine kleine Baulampe, zum Glück explosionsgeschützt, tauchte alles in ein fades, blass gelbes Licht, wie die Autobahnbeleuchtung in Belgien, bei Nebel.

Klaus hatte Angst, mein aufsteigendes Gas, könnte zu einer Verpuffung führen, obwohl er ja kein Raucher war und ich versuchte, das Rauchen gerade mal wieder aufzugeben. Kurz Luft schnappen konnte er auch nicht, denn wir waren tief im dritten Kellergeschoss. Ich beruhigte ihn und meinte, die Vergasung würde bald beendet sein, und der Nebel sich lichten, weil „das dicke Ende“ schon ante Portas wäre, oder wie eine gute Bekannte es nannte, „es gibt schon Pfötchen.“

Diese, meine Körperfunktionen, waren regelmäßig am Morgen zu erwarten, so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich empfand es auch immer als heilige, rituelle Funktion, wie C.G. Jung es beschreibt, wo der Herrgott mit großem Aplomp, durchs zerberstende Kirchendach scheißt. Ich liebe diese Buchstelle. Es menschelt auch, wenn die Schwaben sagen: „am morgen muss das Schüssele voll und das Bettele leer sein.“

Mein eigenes Ritual, geriet mir aber stets durcheinander, wenn ich vollgegessen, betrunken, spät am Abend ins Bett wankte, aber früh wieder hoch musste. Das war an jenem Tag der Fall. Im Hotel war „mein Geschäft“ noch nicht so weit. Aber dann plötzlich, auf der Baustelle, spürte und wusste ich: Der schwarze D-Zug würde unweigerlich seinen Bahnhof verlassen. Egal ob im Tunnel, die Signale auf Rot geschaltet wären oder nicht. Er ließ noch ein letztes Mal Dampf ab, was Klaus fast vom Behälter taumeln ließ.

Dann ertönte ein tiefes, langgezogenes Signal und die Angelegenheit geriet in Bewegung. Die Zeit wurde knapp, es war nicht mehr zu bremsen. Mein Blick irrte hektisch durch das Dämmerlicht. Ich sah einen Karton mit Fittichen, Schraubverbinder, der Firma Minimax, den ich umgehend auf den Kopf stellte, dass die Teile hell klingend, wie Weihnachtsglöckchen, über den Beton purzelten, als wollten sie die Bescherung ankündigten.

Ich löste hastig die Träger meiner Latzhose, ließ sie runter, kämpfte mit der engen Schiesser-Ganzkörper-Unterwäsche und hockte mich blitzschnell, mit meinem rechtzeitig, entblößten, schönsten Teil, über den Karton. Keine Sekunde zu früh. „Just in time“, wie es heute, bei Transportunternehmen heißt, rutschte die Ladung ordnungsgemäß in den Karton. Der Zug war aus dem Tunnel und dampfte nun vor sich hin. Höchste Zeit für die umgehende Entsorgung, weil der Bahnhof, das provisorische Behältnis, nicht luftdicht war.

Wie eine Monstranz trug ich also den gefüllten Karton die Kellertreppe hinauf. Wie man sich denken kann, mochte ich ihn, undicht wie er war, nicht unter den Arm tragen und hoffte, dass das Licht nicht ausfallen möge. Sekunden später jedoch bedauerte ich, dass das Licht nicht ausgefallen war. Ich sah schon das Tageslicht schimmern, auf den letzten Stufen, als mir der Architekt entgegenkam. Ich kannte ihn, wir hatten einige Fachfragen besprochen. Ich grüßte und wollte schnell vorbei eilen. Doch er blieb stehen:

„Wollen sie zum Müllcontainer? Brauchen sie den Karton noch?“

ich stotterte:

„Nein, äh ich wollte…“

Er griff nach dem Karton,

„schön, ich suche gerade so einen Karton!“

Ich riss ihn wieder an mich,

„das geht nicht“

Er schaute verblüfft aus der Wäsche. Mir fehlten die Worte und ich rannte, bevor er reagieren konnte, weiter die Treppe hoch, hastete zum Container und warf den Karton in die Mitte und noch eine alte Plastikplane drüber. Dann wanderte ich einmal um den Bau, um dem Architekt nicht wieder in die Arme zu laufen. Später würde mir schon was einfallen.

Obwohl manche Architekten einen schönen Scheiß bauen und uns Handwerker damit ärgern, wollte ich meinen Scheiß selber beseitigen. „Ich bin doch kein Bremer!“ Hamburger kennen den Spruch. Einen Bremer nennen sie den, der sich seine Arbeit aus der Hand nehmen lässt. Ein guter Arbeiter, lässt sich seinen eigenen Scheiß, nicht aus der Hand nehmen.

Tage später, als wir mit Kollegen und dem Architekten im Bauwagen, einen Kasten Bier leerten, gab Klaus die Geschichte zum Besten. Es wurde ein Lacher und der Architekt hob, sehr von uns angetan, die Flasche und versprach, „unter Tränen“, einen schönen Zusatzauftrag. „Prost Jungs, ihr Fischköppe, dann rappelt es aber wieder im Karton was?“ meinte er und schlug sich dabei lauthals, lachend auf die Schenkel. Ein echter Bayer eben.

 

Die Brücke

 Als ich, noch bevor ich mit meinem Freund Klaus die Firma BOI Isoliertechnik gründete, in meinem ersten Beruf, als Raumausstatter auf Kundschaft war, hatte ich es oft mit der sogenannten „feinen Gesellschaft“ zu tun, vornehmlich in Hamburg, wo man jene „feinen Leute“, haute volee nennt. In Hamburg heißt es, „man kommt aus gutem Stall“. Diese haute volee, nennt ihre sehr lukrativen Geschäfte allerdings nicht Arbeit. Fragt man sie, auf Gesellschaften, welchen Geschäften sie nachgehen, heißt es: wir machen in… Ein alter Witz kursiert in Hamburg: Drei feine Hamburgerinnen, auf einem jour fix in Blankenese, „stolpernd übern spitzen Stein“, stellen sich vor: „Guten Tag, Dill mein Name, wir machen in Gewürz“. Die Zweite: „Angenehm, Darboven, wir machen in Kaffee. Sagt die Dritte: „Villeroy, wir machen in Toiletten.“

So eine war meine damalige liebste Kundin nicht. Sie war auch keine Hamburgerin. Sie war aber, wenn auch keine berühmte, aber gute Schauspielerin, aus einer Familie, bekannter Künstler und Dramatiker, mit dem Herz auf dem rechten Fleck, deshalb möchte ich diesen bekannten Namen für mich behalten. Ihr Bruder war ein bekannter Schauspieler und hervorragender Dramaturg. Sie hatte eine Begabung für Situationskomik, konnte Dialekte fabelhaft imitieren und war obendrein noch verdammt schön und wohlproportioniert, überall, nicht nur im Gesicht.

Woher ich das weiß? Nun, ich fange von vorne an. Ich nenne sie Käte. Namen sind ja angeblich, Schall und Rauch, wenn auch nur jene das in Hamburg behaupten, die nicht Meier, Müller oder Schmidt heißen, sondern… eben hamburger, traditionsreiche Namen haben.

Käte hatte einen Ehemann. Der Name? Nun, was ich sagen kann ist: er war einer der von den Neffen, der bekanntesten deutschen Prinzessin. Aber wie gesagt… dieser Ehemann, dessen Großvater in den Zwanzigern, auch ein militantes Freicorps führte, war durch und durch von zackiger Art, aber fürsorglich, auch mir gegenüber, was sich noch zeigen wird. Er las seiner Käte jeden Wunsch von den Augen ab und drückte die eigenen fest zu, wenn sie sich einen Wunsch erfüllte, den er ihr nicht erfüllen wollte, mochte oder konnte.

Einer dieser übersehenen Wünsche, den sie sich selbst erfüllen wollte, war ich. Ich war damals dreißig, ein viriler, lustiger Handwerksgeselle, der staunend durch die eleganten Anwesen der haute volee Hamburgs und seiner feinen Vororte strolchte und sie „nebenbei“ dekorierte und wo sich die Gelegenheit bot, das Personal deflorierte. Käte war „kein Personal“ sie hatte es. Sie war etwa fünfzig, aber sie ging, schier unglaublich, gut für die Hälfte durch. Jeder Zentimeter ihres Körpers war ein Karneval. Ich greife vor.

Es fing harmlos an, wie alle ernsten Komödien, ich wurde zum umgestalten und dekorieren ihrer kleinen Villa, etwas entfernt vom Alsterlauf, in einem der Hamburger Vororte, die hinten mit „Büttel“ enden, bestellt. Sie war mir auf der Stelle sympathisch, weil sie so verbindlich war und belesen, klug und voller Humor. Sie bereitete mir köstlichen Kaffee, aus Selterswasser, der mit Kakao und einer Prise Salz verfeinert wurde und fütterte mich, ahnungsloses Arbeiterkind, mit dem feinsten Nougat, Gebäck, Pralinen und kandierten Früchten. Sie war sehr belesen und konnte, wie gesagt, Dialekte imitieren und als gute Schauspielerin, in alle möglichen Rollen schlüpfen.

Einmal erschreckte sie mich in der halbdunklen Diele ihres Hauses, mit knallroten Lippen, nur mit einem braunen, samtweichen Nerz bekleidet, ein Bein angewinkelt an der Wand, dass der Mantel sich etwas öffnete, sein Innenleben, nicht nur sein Seidenfutter darbot, als sie im wiener Dialekt, mit rauchiger Stimme sagte: „Tschau Schmusi, hoast a Göld?“

Ich kam nicht eher zum Zug bei ihr, als bis ich einen Hunni, wie sie verlangte, einen Hunderter rausgerückt hatte. Dann wurden es aber, wie immer, zwei prickelnd heiße Stunden. Das Geld gab sie mir nach der Schmuserei zurück. „Das war doch nur symbolisch“, lachte sie, beim ersten Mal.

Kurz, ich fühlte mich bei ihr behaglich und sie brachte mich zum lachen und dazu lernte ich einiges über Dramaturgie und Literatur, aber vor allem, den Himmel blau zu sehen, wenn er mir grau schien.

So zog sich die Arbeit in ihrem Hause hin. Zu meiner Freude, fand sie immer neue Dinge die gerichtet und dekoriert, oder neu bezogen werden mussten. Mein Chef begann sich Gedanken zu machen, weil das Auftragsvolumen längst überschritten war. Sie tauchte auch im Geschäft auf, um Musterbücher zu bringen oder zu holen und mich manchmal auch gleich mitnahm, wie ein Muster, nicht ohne Wert. Mein Chef begann süffisante Andeutungen zu machen. Ich war konsterniert. „Keinesfalls!“ empörte ich mich stümperhaft, naiv.

Begonnen hatte unsere kleine Affäre, eines Nachmittags. Ich stand auf der Leiter, am Wohnzimmerfenster in ihrer Villa und richtete die Gardinen neu. Ich war gerade dabei, mich auf Zehenspitzen lang auszustrecken, um die Schabracke zu befestigen, als eine sanfte Hand in mein Hosenbein schlüpfte, bis an die Wade und dort sanft ruhte. Weiter reichte sie nicht, mit dem Arm. Auch trug ich damals Hosen, oben eng, mit weitem Schlag. Sogenannte Bellbottoms, wie es modern war. Ich schaute überrascht und fühlte mich geehrt. Welcher Mann läßt sich nicht gern bewundern und befummeln? Wir sahen uns an und ich stieg zu ihr runter und sie ließ dabei ihre Hände über meinen strammen Po und den ausgebeulten Hosenstall gleiten. Mein Eis war gebrochen.

Nun folgten für mich, unverhofft, wunderbare Tage. Die Aufträge für meinen Chef nahmen kein Ende. Ich begann den Ehemann zu bedauern, der, wenn auch gutverdienender Generalvertreter einer Sektkellerei, alles bezahlen musste. Das Haus wurde vom Boden bis zum Keller renoviert. Jeder Raum wurde Zeuge liebevoller Zärtlichkeit, oder wilder Leidenschaft, ja nach dem, wie er uns inspirierte und was zu dekorieren war. Wir wußten schon berufliches vom privaten gut zu trennen und doch spielte es wohlig ineinander.

Der einzige Raum, der bisher unbearbeitet geblieben war, in jeder Beziehung, war das eheliche Schlafzimmer. Als ich Käte harmlos nach dem Grund fragte, nahm sie mich spitzbübisch, lächelnd an die Hand und zog mich ins eheliche Gemach.

Dort entblätterte sie mich gekonnt, langsam und küsste mich von oben bis unten ab, bis ich heiß vor Sehnsucht, sie aufs Bett warf und hastig nackt auszog. Fortgetragen in den siebten Himmel, war ich drauf und dran, meinen wohlig Harten, seinen Willen zu lassen, als sie mich mit beiden Händen und fester Stimme abwehrte. „Warte Liebling, ich möchte dir erst etwas zeigen.“ Ich dachte an Kondome oder so, doch sie glitt unter meinem Körper heraus und zog, halb liegend, die Schublade des Nachtschranks auf. „Schau mal mein Süßer, das ist der Nachtschrank meines Mannes.“ Entgeistert und zugleich erotisiert, schaute ich in die offene Lade. Ich weiß nicht was ich erwartet hatte, oder was sie sich dabei dachte, aber dort lag, neben einer Hornbrille und Abführtabletten, eine sehr elegante, handliche Pistole.

Ich hatte immer Bammel vor Waffen, bis zu dem Tag, da mein älterer Bruder, ein Polizist, mir eines Tages seine Pistole in die Hand drückte und ihre Funktion erklärte. Doch ich betrachtete Waffen weiterhin als latent gefährlich. Jede Waffe ist ein kaltes Erlebnis, das aber, je länger man es in Händen hält, immer wärmer wird, sich einschmeichelt und seine in ihm liegende Bedrohung mystisch verbirgt, bis sie irgendwann, irgendwo laut, verletzend, tötend, akut wird.

Als ich in Australien mit meinem Schwager auf die Jagd ging und zum ersten Mal in meinem Leben, ohne Not ein Tier erschossen habe, wusste ich, das Waffen erst die eigene Seele verletzen und dann fremde Körper. Oder wie bei Hemingway, den eigenen.

Vorsichtig nahm ich die Pistole aus der Schublade. Käte schaute mich aufmerksam an. „Vorsicht, sie ist geladen. Er würde sie benutzen, wenn er uns hier im Bett zusammen fände, überall könnte er es verzeihen, aber nicht hier.“ Sie lächelte und flüsterte dabei, „vielleicht nicht töten, aber verletzen.“ Ich streichelte den sauberen, kalten Stahl. „Leg sie besser wieder zurück.“ Sie reichte mir ihr Negligé. „Wisch sie aber vorher ab, man weiß nie.“

Von da an dachte ich bei jedem Tete-a-tete, respektvoll an den kalten Tesching. Aber es war nicht nur Angst, sondern es schwang auch eine unbekannte Lust an der Gefahr mit und eines Tages… doch der Reihe nach.

Handstand und Kopfstehen, habe ich als Junge bei den Mädchen stets bewundert. Selten, dass ich einen Jungen körperlich Kopf stehen sah. Geistig schon. Die Mädchen, denen ich begegnete, waren damals in der Schule, schon ganz anders, selbstbewusst, mutig und unbefangener als wir Jungen. Nicht nur beim Kopfstehen. Ein Schulfreundin zeigte es mir, „ist doch einfach, so geht’s“, sie hob beide Arme empor und stieß mit Schwung, erst ganz schnell ein Bein vom Boden ab, dem das andere folgte und schwupp, stand sie, die Hacken hoch, an irgendeiner Wand, oder Baum. Alle Mädchen brauchten nur ein, zwei Versuche und zack, standen sie. Mir musste man die Beine gerade ziehen und festhalten. Mein Handstand blieb trotzdem ein Fragezeichen. Die Mädels lachten. Ich war hoffnungslos ängstlich, auf den Rücken zu fallen und steif und ungelenk. Jedenfalls was das körperliche Kopfstehen betraf.

Ebenso ging es mir mit der Brücke. Wenn ich versuchte mich nach hinten fallen zu lassen, vergaß ich stets, die Arme auszustrecken und knallte aufs Kreuz. Die Mädchen kicherten und beugten sich demonstrativ langsam hintenüber, bis ihre Handflächen nahe an den Hacken, auf dem Boden aufsetzten. Fertig. Die Brücke stand. Ja, ich konnte die höchsten Bäume fast mühelos erklimmen, oder auch von der Brücke am Winterhuder Fährhaus, in die Alster springen, aber die Brücke mit dem Körper bekam ich so wenig hin, wie den Kopfstand.

Zurück ins Erwachsenenleben, ins Schlafzimmer mit dem verborgenen Tesching. Rauchend, mit einem Glas Champagner, lagen Käte und ich auf dem zerwühlten Ehebett, als ich ihr die Kindergeschichten erzählte. Sie war eine gute Zuhörerin, wie es alle klugen Frauen sind. Sie lächelte und streichelte mir mit dem Handrücken die Wange, „was für eine liebe Geschichte“ flüsterte sie. Ich streichelte dafür ihre Schenkel und ihre Brust. Das mochte sie sehr. Ich liebte ihre Brust sehr. Sie hatte eine feste, große Brust und eine leicht, gebräunte Haut, so firm und sanft, doch wiederum wie Samt. Ihr Lustgarten war warm, dunkel und verlockend.

„Komm, ich zeig dir was.“ Sie sprang vom Bett auf und stellte sich in Positur, hob die Arme und ganz langsam bog sich ihr schlanker, geschmeidiger Körper, wie in Zeitlupe, nach hinten. Es war ein so quälend langsames Biegen des Körpers, das mein kleiner Teufel unbändig wuchs und dabei kräftig pulsierte. Als ihre Handflächen den Boden berührten und ihr Venushügel hervortrat, war ich aufgestanden und saß auf der Bettkante und versank in wonnigen Gefühlen, sie sehnsuchtsvoll betrachtend. Zwischen meinen Schenkeln, ragte recht vorwitzig, mein federnder Phallus. Ich hörte ihre sanfte, lockende Stimme, „Komm Liebling.“ Ihre Scham wölbte sich; ihre Brüste zitterten erregend. Ich beugte mich über sie, stützte mich mit einer Hand auf dem Boden ab und umfasste mit der anderen, ihre geschmeidige Taille und presste sie an mich. Unsere Bewegungen wurden Wellen, die wogend unsere Körper erfassten. Genusssüchtige Realisten, die wir waren und als die wir uns von Anbeginn erkannt hatten und deshalb auch begehrten, liebten.

„Sag mir was gemeines mein Liebling“, sie wand sich hin und her.

„So, die Brücke kann sprechen“, keuchte ich, sie lachte, während unserer rhythmischen Bewegungen. Ich zog mich langsam zurück, und küsste Bauch und Brüste.

Dann schwebte mein Körper wieder über der Brücke. Verband sich mit ihr. „Du gemeine, lüsterne Edelhure, du St. Pauli Nutte, du Ehebrecherin“, mir fiel nichts weiter ein, denn ich wollte endlich explodieren. Doch sie bestimmte die Szene. „Nein, bitte noch nicht, bitte noch nicht, noch einen Moment, bitte, bitte.“ Meine Arme erlahmten.

Es schien mir schier unmöglich, länger zu warten. Doch ich stöhnte: „Ich will’s versuchen, du ausschweifende Brücke“ und diese Worte, machten uns beide lachen und meiner blieb dabei weiterhin willig, wie immer beim lachen. Oh, lachend wollte ich immer wieder kommen, doch sie ließ mich lange nicht.

Mittlerweile, war’s schummrig im Zimmer geworden, die hellen, etwas durchlässigen Übergardinen waren zugezogen. So hatten wir beide nichts bemerkt. Erst ihre weit geöffneten Augen und dann der kalte Stahl an meiner Schläfe, beendeten unser Liebesspiel. Ich erstarrte auf der Brücke und die Brücke hörte auf zu schwanken.

„Ich wusste es von Anfang an, ihr beide passt zusammen wie zwei alte Latschen.“

Wir verharrten in der beklemmenden Stellung, mit meinem Steifen, der nicht schrumpfen wollte. Nun blieb er wohl vor Schreck steif. Seltsam genug, verspürte ich keine Furcht, wusste aber, wie leichtsinnig Furchtlosigkeit sein konnte. Doch ich hatte ihren Mann ja in weniger extremen Situationen kennen gelernt. Beim Gespräch mit einem Whisky etwa und glaubte einfach nicht an seine Gewaltbereitschaft, wusste aber auch, wie sehr man sich gerade was Gewalt betrifft, gewaltig täuschen kann. Ich begann dann doch zu zittern. Aber wohl mehr durch den Luftzug der geöffneten Tür und weil mich die Kraft in den Armen verließ. Der kühle Stahl an der Schläfe blieb real. Ihr warmer Körper ebenso.

„Runter von der Brücke Sportsfreund.“ Ich parierte sogleich und die Brücke sank auf den Teppich. Ich wollte ihr aufhelfen.

„Lass das“, kommandierte er, im Ton eines Freicorps Kommandanten. Er ließ die Pistole von meiner Stirn, runter zu meinem Halbsteifen sinken und umkreiste mit dem Lauf die Eichel. Eine leichte Panik stieg in mir hoch.

„Mein lieber Junge, ich hätte nicht übel Lust dir die Eier wegzuschießen“, und er schlug etwas heftig mit dem Lauf, links und rechts gegen meinen pendelnden Liebling. Mir wurde heiß und kalt und ich versuchte Ruhe zu bewahren, was mir seltsamer Weise gelang. Käte blieb auf dem Teppich, wie immer, sozusagen, lag nur da und beobachtete alles aufmerksam und erstaunlich kühl. Sie war eine gute Schauspielerin.

„Ich glaube hier hast du alles dekoriert, was zu dekorieren war“. Ich hörte ein leises Klicken und hielt den Atem an. Sicherte er nur die Pistole, oder entsicherte er sie? Er ließ sie in die Hosentasche gleiten. Ich atmete auf. Er sah mich grinsend an, aber mit ernstem Blick an, den ich nicht  deuten konnte.

„Ich fahre den Wagen in die Garage und wenn ich zurückkomme, bist du weg“, befahl er. So leise wie er gekommen war, verschwand er wieder.

Ich fragte Käte ob sie klar käme, oder mit mir gehen wolle. Sie war recht zuversichtlich und drängte mich zu gehen und wir würden am Telefon über alles sprechen. Sie half mir meine Sachen zusammen zu suchen, drückte sie mir in die Arme und als ich das Garagentor einrasten hörte, schlüpfte ich, mit kurzem Kuss und zwei hastigen Worten von ihr verabschiedet, aus der Tür.

Es blieb aber nicht die letzte Brücke, die sie für mich baute. Ein schöner Schlager dudelte Jahre später überall, „Über sieben Brücken…“ und dann, eines Tages, saß ein Jüngling, zehn Jahre jünger als ich, ein dunkelhaariger Krauskopf, ein Bob Dylan Verschnitt, im Schneidersitz, mitten in Kätes Küche auf den Fliesen und spielte auf der Gitarre „all you need is love… love is all you need“ für sie. Sicher konnte er eigene Brücken bauen und verstand was von Pylonen. Hoffentlich auch von Pistolen. Aber… ich liebe den Satz: Das steht auf einem anderen Blatt.

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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