Der neue Bundespräsident


Dem neuen Bundespräsidenten ins Stammbuch.

Die „Neujahrsansprache“ eines Arbeiters an den Deutschen Bundestag.

Von Peter A. Bruns

Herr Präsident, Frau Bundeskanzlerin, liebe Landsleute und Eingewanderte, geehrte Abgeordnete des deutschen Volkes, so geehrt wie ich sie aus „Kürschners Volkshandbuch“, Deutscher Bundestag, kenne. Beim oberflächlichen durchsehen dieses Volkshandbuchs, etwa so wie man ein Daumenkino durchblättert, schauen mich durchweg sympathische Menschen an, „Menschen wie Du und ich“, von denen ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sie „Unanständiges“ beschließen könnten, sondern das Wohl von uns allen im Sinn haben und nicht nur das eigene. Davon, so möchte ich betonen, gehe ich grundsätzlich aus – denn, wir waren alle einmal unschuldige kleine Mädchen und Jungen. Daran sollten besonders Parlamentarierinnen und Parlamentarier hin und wieder zurückdenken, wenn sie ihre, anerkennungswürdige, gewiss nicht unerhebliche Arbeit, für das deutsche Volk tun.

Ich möchte meine Rede also beginnen – das etwas „vermessene“ Wort „Neujahrsansprache“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt – indem ich den Sohn des Direktors einer Papierfabrik erwähnen möchte, der natürlich auch einmal ein kleiner Junge war. Denn in einer Papierfabrik Niedersachsens, in Varel, wo ich auf Montage war, kam mir einst die Idee für diese Rede. Dort sah ich ein Foto von Gerhard Schröder, der auch einmal ein kleiner Junge war, am schwarzen Brett. Das Brett war nicht schwarz, man bezeichnet es ja nur so, egal ob ein Bild Schröders drauf ist, oder nicht.

Es war anlässlich einer Fabrikbesichtigung Schröders aufgenommen. Darunter hatte jemand, wohl ein Arbeiter, der offenbar lesen und schreiben konnte, etwas von Brecht geschrieben. Jenem Bertolt Brecht, dem Westdeutschland nach dem 2. Weltkrieg, die Einreise verweigerte. Und das ist ja sehr bezeichnend für die Nachkriegszeit gewesen. Als ich die Zeilen meinem Arbeitskollegen zeigen wollte, waren sie bereits wieder entfernt. Die Strophe war natürlich aus Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“, welches ich für mich hier reklamiere. Einige sollte ich laut und deutlich wiederholen:

„Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon –

Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern wohnten die Bauleute?“

Einige Zeilen weiter schreibt Brecht, mit dem ihm eigenen Humor:

„Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“

So viel ich weiß, konnte Cäsar allerdings auch kochen. Jedenfalls, in diesem berühmten Gedicht, liegt wie gesagt ein feiner Humor, der Brecht ja eigen war und natürlich eine, recht unbequeme, jedoch zeitlose Wahrheit und die materiellen und geistigen Trümmer, einer verwahrlosten, vergangenen Zeit. Das Gedicht deutet auf das Phänomen des Überflusses, der jeweils herrschenden Klasse. Sie mögen sich nun fragen, welche Absicht meine Rede wohl verfolgen mag? Sie glauben Sie gar zu kennen? Grundlegend möchte ich dazu sagen, und der Anfang meiner Rede hat das wohl schon deutlich gemacht:

„Nicht Verneinung ist die Absicht, sondern eine, wenn auch noch so winzige Hilfe durch Besinnung“, wie Karl Jaspers schrieb, in seinem Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ Besinnen sollten sich  jene, im Sinne der Gedichtzeilen Brechts, die selbstsüchtig mehr von unserem Bruttosozialprodukt für sich beanspruchen, als ihnen offensichtlich, nach sachlich- wirtschaftlichem und humanem Ermessen, zusteht. Vielleicht könnten Sie darüber auch humorig, reflektieren. Obwohl der Humor als Gegenpol, einer gewissen Ernsthaftigkeit bedarf.

Aber diese Einsicht in die überzogene, persönliche Selbstsucht, lässt sich nicht, weder innerhalb noch außerhalb eines Bundestages erzwingen, und auch nicht durch Krieg und Terror und nicht durch Geheimdienste und Konzentrationslager, und kaum durch „gute Worte“ auf Parteitagen, welcher Couleur auch immer, sondern nur durch eine, wenn möglich, liebevolle Bildung, der Kinder und indem man ohne Furcht, die Probleme, die uns bedrängen, beim Namen nennt.

Was weder der Parteivorsitzende der SPD, noch irgendjemand einer anderen Partei bisher getan hat. Folglich wird sie noch lange dauern, diese „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“. Sie in erträglichere Bahnen zu lenken, damit haben wir in Deutschland und in Teilen Europas, nach dem Zweiten Weltkrieg zaghaft begonnen, aber immerhin, wir haben es versucht und auch Beachtliches erreicht. Doch um das Erreichte zu sichern und den weiteren humanen Fortschritt durch Unduldsamkeit, oder Maßlosigkeit und Anspruchsdenken, unseres menschlichen Wesens, nicht zu gefährden, darum spreche ich zu Ihnen.

Aber auch, weil es sogenannte Politiker und Staatsmänner gibt, die sich über das menschliche Wesen erheben, nur nicht über ihr eigenes, was natürlich blödsinnig ist, mitsamt ihrem dumpfen Glauben, unsere Welt würde so auf Dauer bestehen können.

Die Idiotie dieses dumpfen Glaubens, wird ihnen dabei nicht bewusst. Was heißt es, diesem Kinderglauben anzuhängen, „die Welt beherrschen zu wollen“, Wasser zu predigen um  Wein saufen zu können und dabei „auf hohem Ross zu sitzen“? Es heißt doch ganz simpel, sich für etwas Besseres zu halten und mit dieser Verblendung, dieser Einbildung, seinen Nächsten unterdrücken zu wollen, nur nicht sich selbst.

Aber jeder Einzelne, macht die Welt aus. Also müssten diese sogenannten Staatsmänner, oder Politiker, oder Wirtschaftsfachleute, Professoren aller möglichen Wissenschaftsbereiche, doch bei sich selbst anfangen, sich zu verändern.

Doch wie aufgeklärte Menschen von sich selbst wissen, und jeder Psychologe weiß, ist das eine Crux die wir nur langsam lösen können, weil in jedem Menschen ein, simpel gesagt: kleiner, oder großer „Lampenputzer“ oder gar Schweinehund steckt, der gerne auf andere zeigt. Wie unser ehemalige Bundespräsident Heinemann sagte: „Richtest du deinen Zeigefinger auf deinen Nächsten, zeigen drei Finger auf dich zurück“. Der Daumen zeigt dabei nach oben, setze ich hinzu. Vielleicht weil ein Gott, oder das Glück, man nenne es wie man will… lassen wir das.

Trotzdem glaube ich an die Lernfähigkeit des Menschen. Hielte ich sonst diese Rede? Mit einer gegenteiligen Einstellung würde ich nicht wahrhaftig leben, und auch nicht leben wollen. Nur glaube ich nicht an den nürnberger Trichter und auch nicht an den „Knüppel aus dem Sack“, wie Menschen simplen Gemüts, wie sogenannte Staatsmänner, die ihre Weltsicht anderen Nationen einprügeln wollten und wollen. Sie überhoben und überheben sich aus Dummheit, an angezettelten Kriegen.

Gut ist es da, was die Deutschen gelernt haben: nämlich zu ahnen, was man nicht kann. „Und willst du nicht mein Bruder sein…“

Es bestätigt mich in meiner Einschätzung jener, die Geld und Macht haben darin, „mit wie viel Dummheit noch immer unsere Welt regiert wird“. Wir sind eben keine Übermenschen aus dem „Lebensborn“, wir sind alle „nur Menschen“. Wir wachsen nur dann ein wenig über uns hinaus, wenn wir das erkennen. Wohin es aber führt, wenn wir als Individuum glauben, uns stehe mehr zu, als unserem Nächsten, wir seien besser als andere, das sahen wir an Auschwitz und sehen es heute an den weltweiten Terroranschlägen. Es steckt hinter allem, und überall stets nur eine menschliche Hand, mal vom Gewissen geleitet und mal gewissenlos.

Deshalb brauchen wir in Deutschland besonders nötig diesen Bundestag, dessen Abgeordnete Frauen und Männer, an keine Weisungen gebunden sind und nach ihrem Gewissen entscheiden.

Und Organisationen wie die UNO, um in streitbarer Gemeinschaft, unsere Welt zu gestalten. Damit wir uns gegenseitig auf die Finger sehen können, wenn dieser oder jener „Staatsmann“, in Wahrheit ein Mensch wie Du und ich, mal wieder aus der Haut fahren will, und mehr für sich und sein mangelndes Selbstwertgefühl beansprucht.

Ich will nicht schulmeistern, sondern ich versuche mit gutem Beispiel voranzugehen, mit dem, wovon ich glaube es ist gut für die freie, humane Gestaltung unserer Welt. Ich habe zuerst vor meiner eigenen Tür gefegt. „Ich habe meinen Kamin gefegt“, wie die Psychologen es nennen.

Aber bleiben wir mit dem, was wir als human und richtig empfunden und gestaltet haben, auch bei uns und schielen nicht ständig auf andere. Woher soll sonst der demokratische, konstruktive Disput erwachsen? Bei uns im Norden sagt man: „Wat den een sien Uul, is den annern sien Nachtigall“. So gesehen können wir zum nächsten Schritt übergehen, der da heißt: „Edel sei der Mensch hilfreich und gut“. Wobei ich das Edle etwas vernachlässigen will, denn der Anspruch scheint mir etwas zu hoch.

Aber hilfreich, hilfreich sollten wir schon sein, als Individuum und als Volk, um die Dummheit der Ausbeuter zu zeigen, den Finger in die Wunde unseres Dilemmas zu legen, welches ich mit, „Überfluss ist der Fluch der herrschenden Klasse“ bezeichne. Genauer müsste es aber heißen: „Überfluss in der herrschenden Klasse, ist unser aller Fluch“.

Ich bin einer, „auch einer“, der sich noch bewusst Arbeiter nennt, der wie Millionen andere Menschen auch, noch mit achtundsechzig Jahren, Produktives erarbeitet und damit seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdient und mit seinen bescheidenen Steuern, noch andere Menschen, z.B. Sie im Bundestag unterstützt, um in Freiheit und Frieden, unter blauen, oder verhangenem Himmel leben zu können.

Doch einige aus Ihren Reihen, Herr Westerwelle etwa, oder auch unser Kanzlerin, sie alle appellieren an „den kleinen Mann, die kleine Frau“: „Ihr müsst mehr leisten, denn ihr habt über eure Verhältnisse gelebt.“

Wir, die „kleinen Leute“, werden mit diesem Vorwurf, seit einigen Jahren von der herrschenden Klasse, kräftig zusammengestaucht, zur Ordnung gerufen, man redet uns ein schlechtes Gewissen ein, wenn wir unser ehrlich erarbeitetes Geld verzehren, indem man sagt: Wir hätten ein zu hohes Anspruchsdenken, wir Lohnabhängigen, seien nicht effektiv genug, wir sollten fleißiger werden und unsere Arbeitskraft billiger verkaufen, den Gürtel enger schnal­len, wir, die doch erst uns allen das zivilisierte Leben ermöglichen, ausgerechnet wir sollen den Gürtel enger schnallen, damit die Besitzer der Produktionsmittel, die im Überfluss leben, global noch mehr Gewinn machen? Die Steuerzahler gar noch kräftig betrügen, wie in dieser schauderhaften Finanzkrise, verursacht von gewissenlosen Spekulanten, weil sie den Hals nicht voll kriegen? Sei’s drum’, auch jedem Reichen steht der Sargdeckel offen. Da hinein können sie ja ihr ergaunertes Vermögen werfen, zusammen mit ihren Knochen. Doch ich frage Sie im Parlament:

„Muss sich Deutschland und Europa nach dem Rest der Welt richten, oder sollte es nicht, was die soziale Marktwirtschaft betrifft, umgekehrt sein?“ Hat diese Sichtweise der „Farm der Tiere“, der vogelfreien Marktwirtschaft, denn nicht mit zum Einsturz der beiden Geldtürme in New York geführt? Ich glaube jedenfalls, dass jener Raubtierkapitalismus, Teil dieses Dramas war, welches sich auch in jenem unsicheren Dauergrinsen des Amerikaners und Multimillionärs Georg W. Bush wiederspiegelte. Doch damit möchte ich mich an die eigene deutsche Nase fassen und komme zurück nach Deutschland, zum deutschen Bundestag und zu mir und zu Ihnen hier vor mir, in Kürschners Volkshandbuch.

Wenn ich die letz­ten Jahre Revue passieren lasse, in denen Deutschland von Bürgerinnen und Bürgern, besonders von jenen, denen es durchweg hervorragend geht, innerhalb und außerhalb des Parlaments, zum Armenhaus der Welt herunter geredet wurde und sehe aber gleichzeitig den immensen, stetig wachsenden Reich­tum derjenigen, die Deutschland miesmachen, so frage ich mich: Hat dieser Unsinn Methode? Denn wo läge das Problem, wenn ein jeder, was z.B. seine Altersversorgung betrifft, nicht von der zukünftigen Generation, sondern vom selbst erarbeiteten Geld leben würde und vom Verfassungsanspruch Artikel 14, Absatz 2, „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. Wie steht es denn mit Ihren Rentenansprüchen, liebe Abgeordnete? Natürlich läuft keiner jeden Tag mit dem Grundgesetz unterm Arm herum. Schon gar nicht hat er den Artikel 14 ständig im Kopf – obwohl – sollten Sie es als Abgeordnete, Abgeordneter im Bundestag, nicht stets im Sinn haben? Schauen Sie sich einmal genau um in Deutschland, wer denn unsere Verfassung ernst nimmt und nicht dauernd daran denkt sie zu verändern, nur weil ein Artikel, der ein Grundrecht garantiert, irgendeiner Klientel gerade nicht in den Kram passt. Betrachten Sie den gutsituierten Herrn Merz, der mit seinen großen, unschuldigen Brustbonbonaugen, den Höchststeuersatz auf 36% senken möchte. Ich meine, jeder der auch nur etwas von Adam Ries weiß, dem Mann vom Annaberg und die Struktur der Vermögensverteilung in unserer Republik kennt, muss es kalt den Rücken runter laufen, wenn er nachrechnet, was das für die Habenichtse und die ansteigende Vermögensanhäufung der Reichen, in diesem Land bedeutet und welche Auswirkungen es für unseren gesellschaftlichen Konsens in der Zukunft haben wird.

Zurück zur Wirtschaft und dem gepriesenen Wachstum. Ich frage: Wohin wollen wir wachsen? Haben wir keine anderen Werte als jene des Mammons? Ist all das, was wir gemeinsam erarbeitet haben, an „Volksvermögen“ denn gerecht verteilt? Oder unteilbar, für immer gehortet im Privatbesitz, akkumuliert, durch Zins und Zinseszins und Spekulation, von Generation zu Generation? Soll es denn unser Ziel im Leben sein, die Habgier, also den Dax, Dow und den Euro und den Dollar und Gold und Diamanten anzubeten?

Die bereits reichen Leute starren auf Wachstumsraten, weil sie ihr Geld wachsen sehen wollen. Sie wollen nicht mehr arbeiten, das soll ihr Geld für sie tun. Ist denn das nicht ein gewaltiger, unmenschlicher Schwachsinn, sich diesen geistig hohlen Menschen zu beugen? Welche Diskrepanz zwischen Geist und Wohlstand und Hunger und Armut wollen wir und Sie im Bundestag denn noch und für wie lange, akzeptieren? Jedes einzelne Kind, welches auf den Müllhalden der Welt sein Leben fristen, sich prostituieren muss, ist eines zu viel.

„Wie wenn wir ärmer wären“ betitelte einst Luise Rinser eines ihrer Bücher. Wie wenn die Reichen „ärmer“ würden? Wie wenn der Fortschritt jenen zukommen würde, die ihn erarbeiten? Welch eine Arbeit schaffende Freizeitindustrie würde entstehen, durch kürzere Arbeitszeiten. Es gäbe ein kreativeres Miteinander, ein Austausch von Ideen. Ja, ich wage zu sagen: Ein Austausch von Lust und Freude. Lust und Freude die nicht vom Profitmachen bestimmt sein müsste.

Wie? Wir sind schon verarmt sagen Sie und das sind alles phantastische Hirngespinste? Aber sehen Sie doch genau hin. Die Autobahnen in Deutschland sind überfüllt mit unendlichen Lastwagenreihen, voll von Wirtschaftsgütern, einige davon sind auch von mir produziert, die in alle Himmelsrichtungen rollen. Flugzeuge in Frankfurt am Main starten und landen in sichtbaren Abständen, in ebenso endlosen Reihen. Die eleganten, hochtechnisierten, teuren Privatwagen, deutscher Fabrikation, werden ständig mehr, privat und von „Staatswegen“ in Deutsch­land. „Das Beste oder nichts“, wirbt ein Autohersteller.

Die Häuser der „Staatsdiener“ und anderer Reicher und der weniger Reichen werden immer kostbarer und teurer, ihre Bankguthaben praller. Wenn ich dann an Hunger und Armut in der Welt denke, fällt mir seltsamer Weise immer eine vergangene, eigentlich hübsche Szene ein, jene, wo unser Außenminister a.D. Fischer, mit der ehemaligen Außenministerin a.D. Allbright, lachend ein kleines Tänzchen wagt. Es ist nicht böse gemeint, es ist ja schön und human wenn der „Kongress tanzt“, aber… Nun, ich glaube Sie verstehen mich. Eine Außenministerin, ein Außenminister muss reisen; und tanzen ist Diplomatie, es hängt nur davon ab, nach wessen Pfeife.

Viele Deutsche können und dürfen reisen, privat und von „Staatswegen“ und verjubeln gewaltige Summen Geldes, jenes ihrer Mitbürger nämlich, ohne tiefer darüber nachzudenken, ob es ihnen denn auch zusteht. Wir Deutschen, auch die „Aldi-Kunden“, leben im Großen und Ganzen, ein recht wohlhabendes, oder auskömmliches Leben, besonders allerdings jene, die sich auf dem jährlichen Presseball verlustieren. Der Einwand: andere Nationen lebten ebenso ungeniert zählt da nicht.

Wenn es dennoch angebliche „relative“ Armut in verschiedenen Bereichen unseres Zusammenlebens hier in Deutschland gibt, (und es gibt sie) sollten sich da die Reichen nicht einmal fragen, woran es denn liegen könnte, dass einige den Euro zweimal umdrehen müssen bevor sie ihn ausgeben, während eine „relative Minderheit“ kaum weiß wohin mit dem Geld?

Schauen sie sich doch einmal die Sparguthaben an, hier und in ausländischen Steueroasen. Die herrschende Klasse lebt in Saus und Braus, in der Privatwirtschaft auf Kosten ihrer Angestellten und als Beamte auf Staatskosten. Doch sie jammern trotzdem aus ihren vielen Villen heraus, die sie sich oft in Steueroasen haben bauen lassen.

Ja, uns Arbeiterinnen und Arbeitern jammern sie scheinheilig die Ohren voll und proklamieren und praktizieren hire and fire. Ich nenne das: „Die Unzu­friedenheit der Nimmersatten“. Es erinnert mich, milde gesagt, an das Sprichwort: „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still“. So setzen diese Ungenügsamen, diese Selbstsüchtigen, wie unerzogene, mutwillige Kinder, unser aller Glück aufs Spiel. Jedoch:

Das Glück ist eine leichte Dirne

Und weilt nicht gern am selben Ort;

Sie streicht das Haar dir von der Stirne

Und küsst dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück hat im Gegenteile

Dich liebefest ans Herz gedrückt;

Sie sagt, sie habe keine Eile,

Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

Ich muss stets süßsauer schmunzeln, wenn ich mir jenes bestrickende Unglück vorstelle, wie es da an meinem Bette sitzt und strickt. Es strickt Designer Kaschmir Pullover, für die Hautevolee an meinem Bett, das mal Deutschland heißt und dann: „Matratzengruft“.

Besonders, wenn diese Miesmacher mich wieder mal für kurze Zeit „kleingeredet“ haben. Ich möchte deshalb ihnen allen im Bundestag, mein „deutsches Herz“ ausschütten, das Herz eines Arbeiters, eben, damit es keine Mördergrube wird, denn dass es keine wird und dafür gibt es noch keine Garantie, hängt im besonderen Maße von Ihren Entscheidungen ab.

Ich gehöre nicht zu denen, die, im Sinne der Agenda 2010, auf zu hohem Niveau klagen. Wie die Menschen in den Parteien, mit ihren moralischen Ansprüchen die sie für uns alle erheben, sich weit aus dem Fenster lehnen, wie Herr Esser und Konsorten, „das ist ein weites Feld“.

Jedenfalls sind die Statistiken in Kürschners Volkshandbuch sehr erhellend, was Bildung und Beruf der Abgeordneten betrifft. Wenn ich als Arbeiter, mit dem Wissen, das mich drückt, egal ob Mitglied einer Partei oder nicht; schweigen würde; weil kaum jemand hier im Bundestag zu meinesgleichen steht, kann man sich schon mal selber so eine Mördergrube von Vorurteilen schaufeln, in die man ja bekanntlich dann selbst als Arbeiter hineinstürzen kann, wie etwa 1933. Denn mehrheitlich stürzt ja eh Meinesgleichen da hinein, nicht jene gebildeten Nimmersatten, jene herrschende Klasse. Man denke an die Krupp-Familie nach dem Krieg, oder an Thyssen, womit ja die Vorfahren jenes Georgs W. Bush ihren Reichtum begründeten.

Die Habenichtse sind es ja, welche die Suppe der bestialischen Dummköpfe auslöffeln müssen. Also gilt heute mehr denn je: Wehret den Anfängen. Ich komme damit zu einem heiklen Thema, aber ich muss darüber sprechen. Es ist eine Mördergrube, die wir zwar zugeschüttet haben, doch in meinen Augen jedenfalls, drängen Arme aus den Gräbern, schuldiger und unschuldiger Opfer, die uns mahnen.

Denken wir dabei einmal an Menschen wie Bader und Meinhof und Menschen mit ähnlichen Gedanken. Denken wir an ihre Opfer, aber denken wir auch daran, dass einige Ihrer Opfer auch zuvor Täter waren. Ich denke an Hanns Martin Schleyer, der wohl verblendet, wie so viele, schon mit 16 Jahren der Hitlerjugend beigetreten war. Das war bereits im Jahre 1931. Dass er dann schon 1933 in die SS eintrat, stieß mich ab. Er studierte in Freiburg und Heidelberg Rechts- und Staatswissenschaften. War er wie so viele andere, trotz seines hohen Bildungsgrades, denn blind für das, was um ihn herum geschah? War er so naiv? Sein Vater war doch Richter in Offenburg gewesen. Und er hatte keine Ahnung was da vorging? Was hat ihn, den Sohn eines Richters, denn bewogen im Auftrage von Reinhard Heydrich, Chef des nationalsozialistischen Sicherheitsdienstes, 1941 die Leitung des Präsidialbüros des Zentralverbandes der Industrie für Böhmen und Mären zu übernehmen? War er das was die drei Affen symbolisieren? Hat er sich ahnungslos gestellt, gegenüber den Zwangsarbeitern?

Schleyer wurde 1977 von Terroristen ermordet. Ihn ereilte, er, der sich in der Bundesrepublik unter seines Gleichen sicher fühlte, jenes mörderische Schicksal, zu welchem er zuvor den Nazis die Hand reichte und denen durch seines Gleichen, Unzählige zum Opfer fielen, schließlich selbst.

Gewalt gebiert stets Gewalt. Helmut Schmidt hat damals mit seiner Entscheidung, zwar nicht den Teufelskreis, von Staats wegen durchbrochen, aber er hat zum Wohle unserer Demokratie gehandelt. Den Terrorismus konnte er, der Nachfolger Brandts, nicht beenden, aber das Klima in der Bundesrepublik hat er durch sein Handeln, hin zu mehr Gerechtigkeit, beeinflusst.

Wir haben uns seit diesen Tagen der RAF, trotzdem, weiterhin mit Humanismus und Tatkraft unsere heutige Bundesrepublik aufgebaut und wir dürfen wahrhaftig von Glück sagen, das wir uns dieses liberale, tolerante, föderative, demokratische Staatengebilde haben schaffen dürfen. Dass wir uns auch immer deutlicher vom kriegerischen Mittel als Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln, distanzieren, nein, eigentlich ganz deutlich dagegen aussprechen, ist ein Novum dieses deutschen Bundesparlaments gewesen. Seit dem Kosovo und Afghanistan, ist es das nicht mehr.

Ob uns die heutigen, noch „glücklichen Umstände“, jenes Glück, (auch jenes der Wiedervereinigung) welches Heinrich Heine als „leichte Dirne“ beschreibt, noch ein Weilchen treu bleiben wird, liegt vor allem an ihnen allen, im Bundestag. „Das Unglück“, so sagt der Volksmund, „schreitet schnell“ – und bleibt dann auch ein Weilchen, füge ich hinzu. Wir Deutschen haben es erfahren von 1933 bis 1945, als es an unseren deutschen Betten saß und uns ein Hakenkreuz nach dem anderen, in die Socken strickte, auf die wir uns dann machten, um andere Völker mörderisch zu überfallen.

Was es hier nur bei Heine zu relativieren gilt, ist der Umstand, dass das Unglück bei ihm eine Frau ist und das Glück ebenso. Ich bin der Meinung, Das Glück und dass Unglück ist weder Frau noch Mann, es ist die Dummheit, (selig sind die, die da geistig arm sind). Es ist die fehlende Herzensbildung, oder:

„Das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt“, (Nietzsche)

die aber, bekannter Maßen, in beiden Geschlechtern grausam abwesend sein kann. Es waren andere Zeiten, als Heine lebte. Deutschland litt damals unter fürstlich geprägter Kleinstaaterei, es war ein Flickenteppich ständischer Interessen. Ein Lehrstück des Satzes: „Teile und herrsche“. Kriege waren die Folge. Darunter zu leiden hatten Menschen meines Standes wiederum am meisten.

Das änderte sich dann, etwa ab 1848 langsam und oft schmerzhaft, in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von etwas mehr als 150 Jahren, bis heute. Seien wir also weiterhin beharrlich und werden nicht ungeduldig, wie jene Faschisten und Nazis damals und bauen weiter beharrlich an dieser guten Bundesrepublik, die sich im Europa der Zukunft, ihren demokratischen Platz heute schon erobert hat. Doch wie diese Zukunft wird, ist ungewiss.

Mit Willy Brandt zu sprechen, könnten wir tatsächlich in die Lage gezwungen werden, „mehr Demokratie zu wagen“. Wie uns das bekommen wird, steht in den Sternen. Die „Dirne“ mag uns zwar noch treu bleiben, aber geben wir Acht, an unserem Bette steht doch schon hin und wider jene ewig Strickende.

Obgleich, Frau Merkel ist nicht Frau Thatcher, von der man ja sagte, sie sei eine Frau, die sich für einen Mann hält, der glaubte ein General zu sein. Ich mochte Frau Thatcher nicht, weil ich Feminist bin und sie nicht. Was Frau Merkels Richtung ist, weiß ich nicht. Wohin sie uns führen könnte, vermag ich nur zu hoffen. Vielleicht kann sie ja auch stricken.

Heinrich Heine ist für mich hingegen seit langem ein vorbildlicher Deutscher. Frankreich und Deutschland haben sich zusammengerauft, was die Voraussetzung war und ist, für ein einiges Europa und Heine hat einen gehörigen Anteil daran. Zwar ist es eine Strophe aus einem Liebesgedicht von ihm, aber in meinen Ohren hat es auch einen Klang der zu unserer Völkerfreundschaft passt, die ohne Herzensbildung nichts ist und die ja persönlich betrachtet, auch durchaus von Liebe geprägt sein kann:

„Unsre Seelen bleiben freilich,

In platonischer Empfindung,

Fest vereinigt, unzerstörbar

Ist die geistige Verbindung.“

Frankreich hatte uns viel revolutionären Elan voraus, aber ebenso konnten wir mit „dem Ernstnehmen der kleinen Dinge“, womit andere Völker uns Deutsche gerne bespötteln, unseren Beitrag zur Befreiung der rechtlosen Arbeiterinnen und Arbeiter beitragen.

Napoleon (der absolut kein „Engel“ war) in Hamburg und in Baden, die Preußen die den Gegnern, der sich ausbreitenden französischen Revolution zur Hand gingen und ein größeres Blutbad verhinderten, haben mit dazu beigetragen, das heutige Europa so zu schaffen, wie es Adenauer und de Gaulle in den Fünfzigern, wieder aufgenommen, oder vielmehr neubegonnen haben.

Allerdings musste de Gaulle die bittere Pille Adenauers schlucken und sich mit dessen Liebe zu den USA abfinden. Das hat Europa nicht immer gut getan. Ich habe aufgeatmet, als diese heutige Regierung sich, zusammen mit unseren Freunden in Frankreich und Belgien, gegenüber der Bush-Regierung gerade machte und die aufgesetzte, falsche Freundschaft ins rechte Licht Gesetzt hat. Der Kern eines einigen Europas aber, ist und bleibt die enge Freundschaft mit Frankreich.

Man hat uns Deutsche oft entweder am Hals oder zu Füßen, sagt man über uns. Das ist eine Betrachtungsweise und auf den Blickwinkel kommt es an. Als Kanzler Willy Brandt in Warschau, auf die Knie sank, was polnische Politiker gerne verdrängen, tat er es nicht nur vor dem Leid welches wir den Polen antaten, nein es war eine herzliche Geste, die allen Opfern menschlicher Dummheit und Bestialität gelten konnte und wohl auch galt. Dass dieser ehrenwerte Mann und Widerstandskämpfer diesen notwendigen Kniefall tat und nicht eine Figur wie Filbinger, der meinte „was damals Recht war kann heute kein Unrecht sein“, hätte damals jeden ehrlichen Menschen aufrütteln müssen. Stattdessen hat man dieser Figur Filbinger, noch offiziell, seinen 90. Geburtstag ausgerichtet. Das ist schlichtweg auf französisch: degoutant. Und wir sehen am Fall des Abgeordneten Hohmann, dem Major der Reserve, (welcher?) wohin das führen könnte, wenn wir nicht genau hinschauen, was solche Figuren noch heute zu sagen wagen.

Ich könnte mit Recht, als Arbeiter allemal, vor diesem ehrenwerten Bun­des­tag, welchen ich sehr bewusst nicht Reichstag nennen will, all jene „Kiesingers“ abkanzeln, jene Mitläufer bei den braunen Horden, über die ich nicht den Stab brechen will, aber die ich doch nicht weniger gering achte, weil sie noch nach ihren Verbrechen gnadenlos ihren Opfern das Brot weggefressen haben. Das Witwen von SS-Offizieren und Nazi-Richtern, hohe Pensionen verzehren, während Witwen von Widerständlern von der Sozialrente leben, das unseren ehemaligen Regierungen nach 45 zu vergeben, ist mir nicht möglich. Doch das ist eine graue Litanei, die ich nicht weiter ausführen will. Ich habe die Gnade der späten Geburt und will nach vorn schauen. Regierungen kommen und gehen, und dass dem so ist, ist gut so, denn das bestimmen Sie. Sie und Ihr Gewissen, oder Ihre Gewissenlosigkeit. Nichts sonst.

Doch wer „liebt“ uns, so wie wir heute geworden sind? Wir? Lieben wir uns selber? Ich meine nicht die Vergötterung aus fatalem Minderwertigkeitsgefühl, („der Hitler in uns selbst“) ich meine die Liebe zu uns selbst, unsere Heimat, ganz sensibel aufgeschlossen für unsere Begabungen. Für unsere Dichtungen, unsere Kompetenz auf so vielen Gebieten, unseren Aufbauwillen, der unsere Zivilisation ausmacht, bis hin zur gut organisierten „trockenen“ Verwaltung, die man von uns weltweit abschaut und kopiert, wegen ihrer Effizienz. Allerdings, auch in demokratischen und in grausamen, diktatorischen Tagen eines Eichmanns. Gut, es geht auch ohne Liebe, es genügt die Achtung, dafür, dass wir uns gewandelt haben.

Das Nazireich ist vergangen und nicht vergessen. Ich kann nicht nur, ich will mit der Vergangenheit leben. Mit dem Mahnmal in Berlin und der Degussa. Gerade deshalb kann ich viele Gründe anführen, warum ich heute gerne in Deutschland, in Europa lebe. Ich sehe auch nüchtern die Gründe, warum Millionen Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen hier leben wollen. Nicht weil sie die Deutschen lieben, sondern wegen ganz nüchterner wirtschaftlicher und sozialer Vorteile. Die Welt hat sich eben verändert, wir und nicht nur die anderen, sind nicht mehr so romantisch, „sehnen uns nicht mehr trunken, nach dem Land wo die Zitronen blühen“, die Menschen sind berechnender geworden. Alles soll sich heute „rechnen“, auch die Nächstenliebe. Nur sollten die Menschen, die zu uns kommen und an unsere Nächstenliebe appellieren, so klug sein und ihre partielle Abneigung uns gegenüber, relativieren. Doch sie beißen oft die Hand, die sie füttert und beschützt, im politischen Asyl.

 „When in Rom, do as he Romans do“. Niemand wurde, nach 1945 gezwungen nach Deutschland, dem Kriegsverlierer, zu kommen und es kann ja auch nicht der Wunsch jener Einwanderer sein, die schlechten Verhältnisse, in ihrer Heimat, die sie ja offensichtlich verlassen wollten, nun hier zu etablieren. Das macht keinen Sinn. Für uns „alten Europäer“ bestimmt nicht, die wir ebenso wissen, was es heißt auszuwandern.

Ich bin für eine globale Freizügigkeit, was die Wahl meines Lebensmittelpunktes betrifft, am liebsten wäre es mir, es gäbe einen globalen Pass. Nach dem Motto: „Meine Heimat ist die Welt“ – die Erde, doch wir sollten die üblichen Landessitten des Gastgebers respektieren. Wir Deutschen haben es nicht getan, als wir fremde Länder kriegerisch überfallen haben. Daraus sollten die Menschen, die zu uns kommen, weil sie es hier „besser haben“, lernen, statt  darauf zu pochen ihre Landessitten, oder fundamentale Religionsauffassungen hier einzuführen, die uns Deutsche, liberal, human betrachtet, rückschrittlich anmuten und zumeist auch sind.

Natürlich müssen wir ihnen bei diesen Integrationsbemühungen tatkräftig helfen und wir sollten nicht in Panik verfallen, wegen eines Kopftuches. Es gab eine Zeit in Deutschland, da trugen viele Frauen Kopftücher. Die Trümmerfrauen etwa. Meine Mutter trug auch oft ein Kopftuch und sie war katholisch. Ach so, Sie meinen es steht eine Religion, eine Gesinnung dahinter? Nun, ignorieren wie sie doch, jene Gesinnung, oder Religion. Stehen wir doch tolerant darüber, im öffentlichen Zusammenleben und richten uns nach unserem Grundgesetz. Fordern das aber auch von den Zugewanderten.

Ich meine: Religion und Staat gehören nicht zusammen. Religion ist Privatsache, sie frei ausüben zu können, sofern sie nicht die Würde des Menschen verletzt, (Beschneidung der Genitalien z.B.) steht in unserer Verfassung, es steht dort nicht, sie mit öffentlichen Ämtern und Behörden, oder Schulen zu verquicken. Es sollte keine völkischen Enklaven für lange Zeit geben, weil es nur den mächtigen Ausbeutern nützt und der Demokratie schadet, nach dem Motto: Teile und herrsche.

Wenn ich das sage, so komme ich wieder auf Heine zurück. Sein Buch der Lieder zeigt mir etwas Schönes, was mir hilft meine Seele zu erfreuen. Ganz simpel zu erfreuen. Aus Heine spricht die Weltseele. Sie könnte auch zu den Einwanderern sprechen, dann würden sie uns sicher besser „verstehen“ um Gleichheit und Gerechtigkeit mit uns zusammen zu fördern. Doch wir kürzen ja ständig den Etat für die Goethe-Institute.

Gleichheit und Gerechtigkeit sind aber keine unerfüllbaren Begriffe, interpretiert von hochwohlgeborenen Eliten. Gleichheit und Gerechtigkeit kann allerdings auch kaum von einer demokratischen Mehrheit unseres Volkes ausgehen, die derartig stark von Selbstsucht geprägt ist, schon gar nicht von Heut auf Morgen, sondern etabliert sich im Herzen des Einzelnen. Das Gespür dafür offenbart die Herzensbildung, von der ich sprach. Sie sollte in diesem guten deutschen Parlament, im Herzen jedes Einzelnen, der oder die, sich hierher hat wählen lassen, um einen Teil seiner Landsleute zu vertreten, verankert sein. Aber natürlich, in der Wahl des Abgeordneten spiegelt sich letztendlich der Wähler wieder. Auch jene, die einst Herrn Hohmann direkt in den Bundestag gewählt haben.

Na gut, ich will realistisch sein: nicht im Herzen einer, oder eines jeden, kann die Herzensbildung verankert sein. Das steht jedem frei, Herz zu zeigen oder nicht. Obwohl ich schon den Wunsch hege, es möge eine gehörige Mehrheit dafür geben. Goethe meinte ja, „wer sich nicht auch mal kompromittiert, lebt furchtsam“. Das Märchen vom „kalten Herz“ von Wilhelm Hauff, der die Tradition Ludwig Tiecks fortsetzte, sollte in den Schulen öfter gelehrt werden.

Herzensbildung ist möglich und so sagte auch Heine es. Herzensbildung ist jene Bildung die man nicht nur auf der Universität und in besonderen Schulen lernt, oder wenn doch, dann sehr vereinzelt. Herzensbildung entsteht im Elternhaus. Nicht in der „guten Kinderstube“, denn ich; und viele andere hatten keine, weil unsere Eltern sich keine leisten konnten. Heute diskutiert man wieder über Studiengebühren. Warum konnten sich viele Eltern keine „Kinderstube“ leisten? „Der Hunger der Vielen, füllt die Bäuche der Wenigen“. So heißt es in einem australischen Volkslied. Ich schaue diesbezüglich voller Hoffnung und Zuversicht auf Berlin, auf unsere Bundesrepublik, auf diesen freien Bundestag, von dem ich hoffe, dass er Kinder nicht nur als Mittel zum wirtschaftlichen Zweck ansieht, wie es in diesen Zeiten überall laut heraus posaunt wird. Kinder werden als „ wirtschaftliche Investition“ betrachtet, eingebunden in einen sogenannten „Generationenvertrag“. Eine abscheuliche, primitive Vorstellung, von Liebe zu Kindern, die sich aber wie eine schlimme Seuche verbreitet.

Doch zu etwas Erfreulichem. Wenn ich mir dieses schön gestaltete Parlament hier anschaue, diese gläserne Kuppel, unter der die Menschen empor schreiten können, wie ich es auch bereits tat, diese gewollte Durchsichtigkeit und dann an die Arbeiter, des Kopfes wie der Hand denke, die es gebaut haben und sehe wie viele davon hier vertreten sind, so wundert es mich nicht, wenn die Haushaltskasse nicht stimmt und viele Entscheidungen fallen, wie sie fallen. Das Problem in unserem demokratischen Zusammenleben besteht unter anderem eben auch darin, dass der Einzelne nicht deutlich genug erkennt, was ihm zusteht und was nicht.

Ich wiederhole mich. Es sind eben nicht nur, etwa die „Lohnnebenkosten“, es ist mehr. Es ist die treuhänderische Verantwortung, die der Bürger diesem Parlament aufgetragen hat und der dieses Parlament nicht immer gerecht wird, je nach seiner gewählten Zusammensetzung. Doch diese Einsicht, was uns Menschen als Individuum zusteht, lässt sich nicht befehlen, wie gesagt, ohne der Demokratie Schaden zuzufügen. Diese Einsicht, muss im Herzen jedes Einzelnen geboren werden. Doch sehr viele haben eine gewisse Scham verloren, wenn sie skrupellos in die Taschen derjenigen greifen, die produktiv arbeiten. Diese Menschen ohne Scham, leben nicht wirklich. Sie leben unfrei im Nebel ihrer Existenzangst.

Diese „soziale Geburt“ hat bei mir 60 Jahre gedauert. Ich kann also auch als männliches Wesen ein Lied davon singen, was „Schwangerschaft“ bedeutet. Meine sozialen Wehen waren oft ganz schrecklich, qualvoll. Wer lebt nicht gern bequem? Nicht weich zu sitzen, das ist hart. Doch wie wir im Norden sagen, und wie es die Ministerpräsidentin und Rheinländerin Heide Simonis, in meiner Heimat, adaptiert hat, „da mööt wi dörch“.

Die oft genannte Auffassung, vom „Parlament als Selbstbedienungsladen“, hat seine Berechtigung und hat seine Entsprechung in der freien Wirtschaft. Sie, die Wirtschaft und die Politik, bedingen sich hier, in der Lobby, gegenseitig. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, denke ich, wenn ich das parlamentarische Subventionsunwesen ansehe und die geldlichen Abfindungen der Manager, wenn sie ein Unternehmen verlassen. Wenn ich die Zumutbarkeitsregeln, was die Entfernung zum Arbeitsplatz, oder gar der berufliche Umzug, einer Arbeiterin oder Arbeiters, betrachte und vergleiche sie mit den Vergütungen welche die Politiker bekommen, dann sträuben sich mir die Haare.

Der Fehler, die Ungerechtigkeit, liegt im Augenmaß des Einzelnen hier im Parlament. Vielleicht wäre dieses Parlament effizienter, wenn es seine Entlohnung nicht selber bestimmen könnte und seine berufliche Struktur vielfältiger wäre. Vielleicht brauchen wir mehr Parlamentarier und Parlamentarierinnen mit mehr Zivilcourage. Vielleicht brauchen wir überall im öffentlichen und nichtöffentlichen Leben, mehr Menschen die etwas aus Lust und Begabung tun und nicht weil sie samt ihrer akademischen Titel, persönlich versorgt sein wollen, so wie man eben zum Bund geht, um versorgt zu sein, heute und später als Rentner oder Pensionär. Dieser Wunsch ist ja allzumenschlich, doch nicht alles was allzumenschlich ist, ist auch für die Allgemeinheit bekömmlich.

Den sogenannten „inneren Schweinehund“ täglich zu besiegen ist eine immerwährende Aufgabe, der der Mensch besonders verpflichtet ist, wenn er sich öffentliche Aufgaben auftragen lässt. Um diese Aufgaben im öffentlichen Leben und nichtöffentlichen Leben zu erfüllen, kann es wohl gut sein „Eliteschulen“ zu besuchen. Doch es muss dort auch deutlich gelehrt werden, dass wir Menschen im Grunde alle gleich sind. Dort wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht, gehen wir alle hin, mit oder ohne Bauchschmerzen und mein guter Vater sagte oft recht derb zu mir, wenn ich mich „über ihn erheben wollte“: „Jung, du schitts ok nicht dorch de Fingerspitzen“. Oder wie mir mal ein Freund nach einem Schachspiel sagte: „Siehst du, wenn das Spiel am Ende ist, kommen sie alle wieder in den selben Kasten, die Könige und die Bauern“.

Jedoch, so lange wir leben und spielen, glauben doch alle, dass wir unsere aufgetragene Arbeit, schlecht und recht tun und wollen dafür entsprechend entlohnt werden. Entspricht unsere geforderte Entlohnung aber tatsächlich immer unserer Arbeitsleistung? Wo ist das Maß? Bei 700 Euro im Monat? Bei 2000 ? Bei fünf, zehn, zwanzig? Bei 200 000 ? Bei einer, zwei oder drei Millionen? Bin ich neidisch wenn ich das so simpel frage? Das behaupten viele. Oder darf ich auch nicht fragen, wie viele Stunden Arbeiterinnen und Arbeiter zusätzlich ableisten müssen, um, sagen wir nur mal: den Hafen von Antibes mit seinen Yachten zu füllen? Von der anderen Seite betrachtet, leben wir, und damit beruhigen wir gern unser Gewissen, nach dem zweifelhaften Prinzip von Angebot und Nachfrage und nach dem „Leistungsprinzip“, obwohl wir wissen, dass Leistung nicht immer und überall messbar ist.

Sie, die Abgeordneten im Bundestag, bestimmen selber darüber was Ihnen Ihre Leistung wert ist. Einflussreiche Manager in der freien Wirtschaft, tun das ebenso, nur im viel größeren Rahmen. Gleichwohl möchte man die Tarifverträge der Arbeiter aus dem Weg haben. Empfinden Sie das nicht als bedenklich? Sollte man da nicht etwas in den Denkgewohnheiten ändern? Ich empfinde beide Praktiken als sehr bedenklich. Jene der Manager in der freien Wirtschaft ebenso. Beide Praktiken gefährden auf Dauer ein friedliches, ersprießliches Zusammenleben. Denken Sie nur mal als Beispiel, an Herrn Esser. Was wird daraus entstehen, aus dieser Gemengelage unserer Mediendemokratie? Revolution? Guillotine? Ich weiß es nicht, ich stehe fest zur Herzensbildung.

Einflussreiche Franzosen haben, um diese Crux zu klären, (oder zu vernebeln?) eine berühmte Reihe von Eliteschulen eingerichtet und eben auch mein verehrter Heine liebäugelte mit den Eliten seiner Zeit, da bleibt mir nur zu sagen: „ich weiß nicht was soll es bedeuten“. Doch ich weiß es wohl: Heine war eben „auch nur ein Mensch“. Wie ich nur ein Mensch bin und wie alle Frauen und Männer in den Eliteschulen und hier als „Eliten“ im Bundestag. Doch erst wenn wir das erkannt haben, wirklich erkannt haben, dass hinter allem immer eine menschliche Hand steckt, und oft ist es die eigene, wissentlich oder unwissentlich, können wir, nein dann müssen wir daraus auch Schlüsse ziehen lernen.

Doch die Dinge sind nicht so. Könnte man daher nicht den Bundestag, oder eben jedes Parlament der Welt, als großen Analysesaal betrachten? Eine gewaltige Gruppentherapie? Die Supervision der Abgeordneten, säße dann auf den Regierungsbänken und die Opposition hätte die Pflicht die Therapie zu überwachen und der Bundestagspräsident oder Präsidentin, die Pflicht Mitglieder, die Ihren Stand ausnutzen, zu berufen. Denn wir alle brauchen eine neue Therapie. Wir sind alles Schwestern und Brüder, wir sind alle aus Fleisch Blut und mit viel Glück, haben wir kräftige Knochen im Leib. Wenn dazu noch ein anständiges Rückgrat kommt, können wir schon froh sein. Aber ein Ende der Analyse ist nicht absehbar. Doch wir können die Kosten, die uns unser Fehlverhalten macht eindämmen, (nein, nicht von der Steuer absetzen) indem wir uns ehrlich fragen, wie selbstsüchtig wir sind, wie sehr wir auf Kosten anderer leben und dafür brauen wir nicht in die Ferne schweifen.

Damit komme ich am Schluss meiner Rede, kurz noch mal zum Geld, dass wir gerne mit vollen Händen ausgeben, besonders wenn es nicht unseres ist. Denn am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles, wie ich bereits sagte und Geld und Rückgrat bedingen sich oft.

Ohne Geld geht es nicht. Noch nicht und ob es je ohne gehen wird, ist fraglich. Der Rubel muss rollen. Geld welches gehortet wird ist gestohlene und tote Zeit. Geld, welches nur „angelegt“ wird, damit es, pervers ausgedrückt: „arbeitet“, schadet unserem Gemeinwesen. Sich durch, oder über große Geldsummen, in Form von Aktien oder Gold, oder Diamanten und andere Spekulationsobjekte, menschlich zu „erhalten“, gar zu definieren, ist dumm und für einen humanen Menschen unwürdig und absurd. Wohin das führt, sehen wir an der US- Gesellschaft, von der wir schon zu sehr infiziert sind.

Schauen wir doch auf die schönen Fähigkeiten die ein Mensch entwickeln kann, wenn man ihm die finanzielle Möglichkeit dazu gibt. Es entstehen dann wunderbare Dinge, geistig wie materiell. Der erzwungene Mangel an Geld, in Wahrheit gestohlenes Geld, jenes Tauschmittel für „abgezählte“ Lebenszeit, führt uns auf die Müllhalden und in die Armenhäuser dieser Welt, wo Menschenkinder nach Brauchbarem im Abfall herumwühlen, um zu überleben. Nein, nicht überleben: vegetieren. Ein jeder von uns, der Zinsen entgegennimmt und ich tue es auch im geringen Maße, macht sich schuldig an diesen Menschenkindern, wissentlich, oder unwissentlich.

Doch wir können unser, von etablierten, arrivierten Menschen argwöhnisch, bewachtes System, nicht von heute auf morgen ändern, denn zu viele sind noch mit Blindheit geschlagen, was die „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ betrifft, wie ich bereits sagte. Denn sie können einem armen Menschenkind wohl den Abfall von dem es leben muss, nahezu gefahrlos auch noch wegnehmen, aber versuchen sie einmal einem „Gutsituierten“, gar Reichen, etwas wegzunehmen, und er wird zur Bestie. Ob die Geschichte wahr ist weiß ich nicht: ein reicher Amerikaner hat sich angeblich eine große Nadel aus Stahl schweißen lassen, so groß, dass ein Kamel durchs Nadelöhr geht.

„Freundschaft ist Liebe ohne Flügel“ sagt ein französisches Sprichwort. Gut getroffen. Was bedeutet in diesem Sinne: „Eigentum verpflichtet?“ Weil das in unserer Verfassung steht, darum müssen Parlamentarierinnen und Parlamentarier, dieses aus Leidenschaft sein. Einer Leidenschaft für eine deutsche Demokratie, die die Würde des Menschen, unabhängig vom Geldvermögen, als unantastbar in ihrer Verfassung verankert weiß. Sie, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die „Auserwählten“, tragen dafür die Verantwortung und sollen einander als Regierung oder Opposition, vertrauensvoll begleiten auf den unsicheren Erkenntnispfaden und Wegstrecken der Parlamentsarbeit, für die Sie Ihre Wählerschaft delegiert hat. Sie sollen keine geflügelten Ikaruse sein – nein: Sie sollten ihr Bestes geben und miteinander teilen, Sie sollen einander anregen, miteinander streiten, miteinander den Erfolg genießen, Sie sollen in fairer Weise einander Stachel und Zuflucht sein, Gefährten und Beschützer, im gewissen Sinne eben auch Freunde, im Namen der Bürger die Sie gewählt haben. Zumindest in der Not, sollte es so sein, damit es gewissenlosen Menschen nie wieder gelingt, dem Parlament den Schneid abzukaufen wie 1933. All das sollen Sie sein, damit Sie sich stets ihrem Gewissen verantwortlich fühlen können. Denn wer sein persönliches Gewissen erst entdeckt hat, der findet früher oder später seine Herzensbildung, sein ganz persönliches „Genie des Herzens“, von dem ich glaube, dass es in diesen Zeiten, besonders unverzichtbar ist; und manchmal wird es in diesem hohen Hause ja auch schon sichtbar.

Es ist also noch alles offen. Dafür danke ich Ihnen, oder besser jenen,  die mir zugehört, und meine Unzulänglichkeit ertragen haben, denn niemand kann jeden Menschen mit seinen „guten Absichten“ erreichen, weder mit dem Verstand, der Bildung, noch mit dem Herzen. Doch das darf uns nie entmutigen, es wie Sisyphos, immer wieder zu versuchen. In diesem Sinne, im Namen der Menschlichkeit, wünsche ich diesem Parlament und allen Folgenden, wohl kein Scherbengericht, so doch weiterhin ein gutes Gelingen, im Streben nach Gerechtigkeit und Gleichheit, dem Widerstand gegen jene, die noch schamlos, verblendet, auf Kosten ihrer Mitmenschen leben. Ich danke Ihnen nochmals.

Peter A. Bruns

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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