Australia mon amour (Leseprobe)


Australia mon amour ist im Mai 2010 publiziert und kann in jeder Buchhandlung bestellt werden, oder natürlich auch im Internet, bei LIBRI, Buch.de und vielen anderen Internet-Lieferanten.

…hier die Leseprobe:

 

„Was ist los, Leo, was hat das zu bedeuten?“ Er lachte nervös und zog mich mit sich: „Komm, wir gehen ein Bier trinken, dann erkläre ich es dir.“

In dem Pub war es wie immer ziemlich voll. An einem hohen Tisch stehend, sagte er es mir, nachdem wir unsere Gläser halb geleert hatten. Wir beide sollten Plastikbeutel gefüllt mit weißer Farbe auf die Autos des US-Präsidenten-Konvois werfen. Wie Demonstrante zuvor in Melbourne. Mir blieb für Sekunden jedes Wort im Halse stecken: „Wieso ich? Wieso du, Leo? Warum wir beide?“ Er grinste, sein Liderflattern verstärkte sich: „Ich dachte, wir sollten unserer Freundesliebe noch eine gemeinsame Tat hinzufügen, die unserer humanen Gesinnung, unserer Freundschaft, gerecht wird.“

„So ein Quatsch“, rief ich.

Ich knallte das Glas auf den Tisch.

„Mein Gott, wofür hältst du mich? Einen lausigen Beutel Farbe nach irgendeinem Kriegspräsidenten zu werfen!“ und stürzte den Rest Bier runter.

Er drehte sein Glas, wie er es auch mit den Tassen machte.

„Meinst du nicht, dass du dich einmal überwinden könntest? Einmal nur? Wir sind gut abgesichert. Dort, wo wir stehen, werden so viele Sympathisanten wie möglich sein. Der Rückzug braucht dir also keine Angst zu machen.“ und zuckte mit den Schultern.

„Obwohl ein gewisses Risiko natürlich dabei ist“, er machte eine Pause, „nach Kennedy ist so etwas eben noch riskanter, aber gerade, wenn wir zeigen, dass der Johnson keinen Schuss Pulver wert ist, sondern allemal einen Beutel Farbe, treffen wir ihn doch, für viele sichtbar, viel direkter in seiner geistigen Anspruchslosigkeit.“

Ich atmete tief.

„Glaubst du, dass auch nur ein Schwein diese Spitzfindigkeit bemerkt? Außerdem sind wir beide Ausländer, Gäste in einem demokratischen, gastfreundlichen Land.“

Ich griff wortlos, zornig die Biergläser und holte Nachschub.

Als ich zum Tisch zurückkam, hob er den leicht gesenkten dunklen Kopf, sah mich mit seinen klaren braunen Augen fest und voll Zuneigung an.

„Weißt du, warum wir gerade an dich gedacht haben?“ Ich schüttelte den Kopf. „Weil du so schön blond, so ordentlich, so sauber, so konservativ, so anständig wirkst. So wie ein echter amerikanischer Patriot deutscher Abstammung. Wenn du dort an der Straße stehst, wird man dich am allerwenigsten verdächtigen.“

Ich schluckte ein Mundvoll kalten Bieres.

„Danke für die Blumen. Ich weiß selbst, wie ich wirke, aber deshalb bin ich doch nicht der rechte Mann. Mach du es doch allein!“

„Ich bin zu dunkel, keine reine nordische Rasse. Dann, mein russisches Erbgut und so weiter! Ich muss auch an meine Familie denken.“ Ich liebte seine Ironie, doch ich sagte: „Schlag dir das aus dem Kopf!“ Ich wurde wütend und wollte diese Sache ein für alle Mal klarstellen. Ich sah aus dem Fenster, in den Hinterhof. Dort pisste ein Matrose gegen eine Verladerampe.

„Peter, du hast Fotos von Vietnamopfern gesehen und weißt, dass Johnson mit Napalm und Orange und all dem anderen Zeug weiterbomben lässt. Du hast sogar an die deutsche Zeitung in Adelaide geschrieben und dich über den Einsatz des deutschen Rotkreuzschiffes ereifert, wie ich lesen konnte. Warum nicht einen Schritt weitergehen und handeln?“

„Was hilft es den Phosphoropfern in Vietnam, wenn ich hier in Sydney einem amerikanischen Präsidenten einen Farbbeutel aufs Autodach knalle? Was würde es nützen, wenn ich ihn in die Luft sprengen würde? Ich bin sicher, irgendeiner wird beides für uns tun.“

„Ja, ja, du sollst ihn ja nicht in die Luft sprengen, aber was, wenn jeder so dächte, Peter?“ „Es denkt aber nicht jeder so!“ Er sah mich von der Seite an. „Hast du auch mal daran gedacht, dass dein geliebtes Down Under mehr oder weniger beteiligt ist an diesem Krieg?“

„Hör zu, Leo, das Einzige, was ich für euch tun kann, ist euch Deckung zu geben, mit an dem Platz zu stehen, von wo er die Farbe auf den Deckel bekommen soll. Mehr kann ich nicht tun.“ Er bot mir eine Zigarette an.

„Schade!“

Wir schwiegen. Dann sagte er:

„Das ist dein letztes Wort?“ Ich nickte.

„Ja!“

„Dann muss ich schnell telefonieren.“ Er zwängte sich durch die Männer, die in der letzten halben Stunde dicht aneinander gerückt waren, weil es von Minute zu Minute voller wurde.

Ich zog mir eine Benson & Hedges aus Leos Schachtel, blies den Rauch, ihm unwillig nachsehend, an die von jahrelangem Qualm und Dunst gefärbte Decke und grübelte:

War es nicht doch Feigheit? War es nicht ein ähnliches Gefühl wie noch vor Wochen, als ich mit dem schwulen Leo nicht am helllichten Tag durch Sydneys Straßen gehen mochte? Oder war die Gewaltlosigkeit tatsächlich in meine Seele gebettet? War ich nicht doch wie alle anderen? Wie nahe musste ich einer Ungerechtigkeit kommen, um sie mit meiner Tat zu verurteilen oder zu brandmarken?

Wenn Johnson aus sicherer Entfernung den Tod von unschuldigen Menschen bestimmt, ich ihn bei der Entscheidung aber nicht greifen kann und auch nicht den Opfern…

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Über Peter A. Bruns

I am editor, autor, publisher of edition august-verlag. I am also working on the industrial construction side insulation. But my main interest is the publication of books. That sounds real, and is real, at my age, born in 1942, being a fool to blog.
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